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4. Oktober 2007
Aus Madrid:
Andreas Vogel und Frank Fischer
für umblaetterer.de und satt.org



Achtung:
Diverse Spoiler!

Curb Your Enthusiasm:
6. Staffel, 2. Folge

Weiter geht es mit den »Curb«-Spezialwochen, unserer Berichterstattung zur sechsten Staffel der feuilletonesken HBO-Serie von und mit Larry David. Auf die sehr gute erste Folge wurde eine sehr gute Folge 2 gezeigt, Titel: »The Anonymous Donor«, mit wieder starken Konzepten:

  • jerking off at a friend's house
  • anonymous generocity, but everybody knows
  • the Dry Cleaner's law
  • the playful-platonic hit
  • the KKK ghost game

Ein paar schöne Zitate:

  • »That's just the unwritten law of dry-cleaning.«
  • »I'll have your semen-covered blanket ready on Wednesday.«
  • »Never had a wing before.«
  • »I will temporarily lift the ban.«
  • »People should know you're Anonymous.«

Und unser Lieblings-Larry-Laut in der Folge ist zu hören, als Susie mit der Puppe reinkommt und sagt: »This is a new low, even for you, Larry.« Da macht er so ein herrliches Geräusch, in dem alles liegt: die Verwunderung, dass Susie reinschneit, der Widerwillen, irgendeinen Mist rechtfertigen zu müssen, den er getan haben soll, der feste Vorsatz, sowieso alles zu leugnen, der Ärger, dass Susie sein Spiel unterbricht, und überhaupt alles andere. Great acting.

Curb Your Enthusiasm:
6. Staffel, 3. Folge

Die Episode trägt den Titel »The Ida Funkhouser Roadside Memorial«. Die Folge wirkte auf den ersten Blick etwas schwächer, und zwei Mal wurde bezüglich des Plot-Arrangements das Wort »contrived« gemurmelt. Man kann in diesem Zusammenhang auch ruhig mal von der »immer schwierigen dritten Folge« (hehe) sprechen, aber diese dritte Folge der sechsten Staffel war eher ein weiterer Schritt Richtung Manierismus, der lediglich die »willing suspension of disbelief« etwas erschwert, ganz normal für gute Kunst.

Zum Beispiel Funkhouser: Er gibt in dieser Folge den Grenouille, ausgestattet mit einem übersensiblen Riechkolben, mit dem er Lilien sowie das importierte Belle-Fille-Parfüm, das seiner Mutter (†) und Cheryl gleichermaßen zusagt(e), auch aus größerer Entfernung riechen kann.

Wo wir bei Funkhouser sind: Er ist irgendwie zur Lieblingsfigur des Drehbuchschreibers Larry David avanciert. Richard Lewis etwa bekommt in dieser Folge nur einen kurzen Auftritt, in dem er lediglich die Information unterbreiten muss, die schließlich zur letztlich wieder großartigen Pointe führt (die Vorstellung der raffgierigen Funkhouser-Verwandtschaft).

Funkhouser ist einer der Aufrechterhalter des comme il faut, also der pingeligsten gesellschaftlichen Restriktionen, deren Hinterfragung LDs Berufung ist, schon seit seinen Drehbüchern für »Seinfeld«.

Bemerkenswert war Martys Bezeichnung »if you weren't my best friend« für Larry, die dieser ja sofort belustigt abbügelt: »Best friend? He's not my best friend!« Diese Szene erklärt sehr schön beider Verhältnis zueinander.

Marty ist die personifizierte Langeweile, und dass zu ihm noch diese schrecklich langweilige Frau gehört, erklärt, warum deren Hauspartys eben gemieden werden sollten wie in 6.01. Noch nie hat jemand den Satz »Is this fun, or what?« so langweilend und unüberzeugend rübergebracht wie Funkhouser in eben dieser Episode.

Beide kennen sich seit Jahren und begegnen sich einfach ab und zu im Bekanntenkreis. Das erklärt aber nicht, warum Larry ständig fast automatisch auf ihn trifft. Das hat einen anderen Grund: Oft genug hat Funkhouser etwas, das LD gern hätte. Statt sich diese Dinge nun anderweitig zu besorgen – er ist ja dreistelliger Multimillionär – will LD den Weg abkürzen und dazu schamlos das Freundschaftsprivileg ausnutzen, was ihm am Ende stets die ultimativen Schwierigkeiten verursacht.

Etwa wenn er versucht, das Baseball-Ticket von Martys gerade verstorbenem Vater zu ergattern (Folge 4.06, »The Car Pool Lane«). Oder in der aktuellen Folge das schwer erhältliche weil importierte Parfüm, das Funkhousers toter Mutter gehörte. Das für die verunglückte Rollstuhlfahrerin eingerichtete Blumen-Memorial am Straßenrand wird von Larry auch als Möglichkeit erkannt, ein paar Wiedergutmachungs-Sträuße abzustauben, ohne dafür weitere Blumenläden abzufahren.

Denn sein Versuch, auf ethisch korrekte Weise Blumen zu besorgen, nämlich sie im Laden zu kaufen, wurde ihm ausgerechnet durch Martys im Turnschuh gelagerten 50-Dollar-Schein verwehrt. Dass Larry seine Tat später sogar damit rechtfertigt, da lägen doch genug Blumen um den Memorial-Stein, macht es zu einer Larry-Tat.

Er crasht einfach mal wieder die überkommene Ethik wie es bei ihm ja oft im Zusammenhang mit frisch verstorbenen Personen passiert, ob bewusst oder unbewusst. Erinnert sei an die qua Todesanzeige betrauerte »beloved cunt« (statt »aunt«, Folge 1.08) oder an die Episode »Chet's Shirt«, in der er unbedingt das Shirt auf dem Foto eines kürzlich verstorbenen Bekannten haben will.

Ansonsten gab es wieder zahlreiche Diskussionen über »the unwritten rules of society«: Kann man zu alt sein, um als Vollwaise zu gelten? Der Schauspieler Bob Einstein, der den Marty Funkhouser spielt, ist fast 65: »A little too old to be an orphan.«

Sehr schön in Szene gesetzt wird auch die Frage: Wieso wählt man immer die Warteschlange, die dann am langsamsten abnimmt?

Und dann das eigentliche Leitmotiv der Folge, das »sample abusing«: Wieviele Eis- und Duftproben darf man sich geben lassen, wenn hinter einem Leute warten? (»You're abusing your sampling privileges!«) Und sehr gut dann Larrys apodiktische Schlussfolgerung: »The sample thing, we gotta put an end to it!«

Alles in allem war diese Folge also trotz des anfänglichen Eindrucks wieder eine echte TV-Perle. Die Twists und die Pointe waren überraschender als sonst, dabei aber trotzdem hundertprozentig schlüssig. Wie immer ging alles auf, es gab keine offenen Storylines. Der Freude über derlei dicht inszenierte Storys folgt dann ja immer unweigerlich die Frage, die sich auch Seinfeld angesichts der perfekten Suppen des Soup Nazis stellt: »How does he do it!«