Das gewisse Etwas
(Marc Rothemund)
Deutschland 2026, Buch: Murmel Clausen, Kamera: Ahmet Tan, Schnitt: Alexander Dittner, Andschana Eschenbach, Kostüme: Caroline Sattler, Szenenbild: Heike Lange, Musik: Konstantin Scherer, mit Max von der Groeben (Alex), Mala Emde (Polly), Florian Lukas (Karlo), Jasmin Schwiers (Mona), Lorenzo Germeno (Marko), Frangiskos Kakoulakis (Charlie), Antonia Riët (Mila), Simon Rupp (Joshua), Natalie Kim Lehmann (Sophie), Jan Bobke (Louis), Ferdinand Kuner (Konrad), Linn Bade (Merlin), Timon Heinzl (Julius), Luca Davidhaimann (Henri), Paul Kögler (Otto), Dieter Landuris (Rico), Bettina Mittendorfer (Muriel), Johannes Berzl (Julian), 106 Min., Kinostart: 3. September 2026
Vorweg: dies ist das Remake der französischen Komödie Un p'tit truc en plus (deutscher Titel: "Was ist schon normal"). Ich habe keine statistische Erhebung durchgeführt, aber einige meiner Kritikerkollegen, die mir nach der Pressevorführung über den Weg liefen, fanden das Original deutlich besser. Einer betonte im Gespräch mit der betreuenden Presseagentur sogar, dass er für eine aktuelle französische Filmkomödie inständig bittet, es würde keine deutsche Version davon entstehen. Okay, ich kann verstehen, wenn man mit der Vorgehensweise eines deutschen Filmemachers wie Sönke Wortmann, der sich aktuell auf deutsche Remakes französischer Filme eingeschossen zu haben scheint (Der Vorname etc., Contra, Die Ältern basiert auf einem französischen Theaterstück), nicht unbedingt d'accord geht, aber man kann ja auch nicht einfach von vornherein die "deutsche Version" als minderwertig einstufen. Da verliert man vielleicht auch etwas aus den Augen, dass das französische Kino zwar als qualitativ hochwertig eingestuft wird, aber gerade das Segment "Komödien mit sehr hohen Besucherzahlen" nicht unbedingt ein Qualitätsgarant ist. In Deutschland wie in Frankreich weiß man halt, dass sich "Millionen Fliegen nicht irren können" und bietet dem großen Publikum auch gern etwas an, mit dem das große Publikum was anfangen kann (an dieser Stelle bitte die notwendige Transferleistung liefern, liebe Leserschaft!). Bei Dany Boons Bienvenue chez les Ch'tis (ein naheliegendes Beispiel) steht sogar auf dem deutschen Plakat "Über 20 Millionen Franzosen können nicht irren!"
Ich habe den Originalfilm nicht gesehen, fühlte mich aber von Das gewisse Etwas gut unterhalten. Ich will beileibe nicht behaupten, dass es sich um ein filmisches Meisterwerk mit hohem Anspruch handelt, aber wenn man gerade den Sinn nach einer deutschen Komödie hat (und ich meine das nicht unbedingt abwertend, ich kenne viele tolle deutsche Komödien), ist Das gewisse Etwas nicht die schlechteste Wahl. Obwohl ich ein großer Verfechter davon bin, Filme in der Originalfassung zu sehen, selbst, wenn man die Sprache nicht beherrscht, hat ein deutscher Film auch oft einen gewissen Wohlfühlfaktor. Wenn Didi Hallervorden sich eine Flasche Pommes kauft, ist das an meinem Leben irgendwie näher dran als ein Streitgespräch zwischen Hulk und dem Iron Man. Früher, als ich mich noch auf der Berlinale herumtrieb, habe ich immer darauf acht gegeben, nicht einen iranischen Politfilm, eine finnische Doku über Alzheimer und ein Low-Budget-Werk über die usbekistanische Prärie hintereinander zu schauen. Zwischendurch mal was in einer Sprache, die man versteht, und vielleicht auch etwas leichte Unterhaltung ist da sehr aufbauend.

© Constantin Film
Beim Überfall auf einen Juwelier wird schon überdeutlich gemacht, dass Alex (Max von der Groeben, bekannt seit seinen Auftritten als "Danger" in den Fack ju Göhte-Filmen) das Herz am richtigen Fleck hat, während sein Vater (!) Karlo (Florian Lukas, bekanntester Film Good Bye, Lenin! vor gut zwanzig Jahren) nicht nur einen bekannten Verbrechernamen trägt, sondern sich auch Mühe gibt, diesem Typ zu entsprechen. Weil bei dem Überfall etwas schief läuft, müssen die beiden schnell untertauchen, und geben sich als der überfällige letzte Mitreisende bei einer geistig behinderten Resegruppe aus (Alex, jetzt unter dem Namen Otto unterwegs). Und als der unangekündigte, aber angeblich dringend notwendige Pfleger selbigen. Unschwer zu antizipieren, dass das Möchtegern-Mastermind hinter dem Bruch, Karlo aka "Samson", deutlich mehr kämpfen muss, in seiner Rolle akzeptiert zu werden.
Die Kernprämisse des Films erinnert mich (um 180 Grad gedreht) an Billy Wilders Filmklassiker Some like it hot, in dem zwei Musiker auf der Flucht vor Mafiosi ebenfalls Unterschlupf suchen und kurzerhand verkleidet in einer Damenkapelle unterkommen, was deutlich mehr Annehmlichkeiten mit sich bringt. Als love interest in Das gewisse Etwas (also quasi in der Marilyn-Monroe-Rolle) agiert Mala Emde (303, Sommer auf Asphalt), die als Polly zunächst dezidiert superfreundlich zu allen Leuten ist, und als zweites Charaktermerkmal offenbar in einer nicht perfekt laufenden Beziehung steckt. Nachtigall, ick hör' Dir trapsen...
Wem der Vergleich mit Billy Wilder etwas überzogen vorkommt (Kreisliga ist ja keine Champions League), dem kann ich als zweiten Vergleichsfilm (neben Fack ju Göhte) noch Anno Sauls Wo ist Fred? anbieten, in dem ausgerechnet Til Schweiger sich als "Behindi" (Zitat aus dem Film) im Rollstuhl tarnt. Der hat da mit Jürgen Vogel auch einen Begleiter, und gleich zwei Damen stehen bereit für das Happy End. Bei Das gewisse Etwas hat die zweite Betreuerin Mona (Jasmin Schwiers, NVA, Das Kanu des Manitu) zumindest keinerlei Interesse an Karlo. Und umgedreht. Das ist aber kein gewagter dramaturgischer Kniff, sondern erklärt sich gegen Ende ganz einfach.
(Und Jack Lemmon hat jetzt in der berühmten Schluss-Szene von Some like it hot auch kein mustergültiges Happy End...)

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Solche Behindertenkomödien (das ist kein Genre, aber es gibt ja ein paar Beispiele, und das Thema ist schon stark gewichtet, egal, worum es in der Handlung geht) haben ja immer die Herausforderung mit der Balance. Einerseits kann man derbe Gags einbauen, andererseits geht es auch um die Menschlichkeit, die Inklusion etc.
So wie Til Schweiger hat auch Florian Lukas die Option, als Mensch zu wachsen, während Hauptfigur Alex wie in einer typischen RomCom eigentlich damit kämpft, seine Lüge zu Beginn irgendwie in den "verzeihenswerten" Bereich umzusiedeln. Und sich vom Lebenskonzept seines Vater etwas zu distanzieren, weil er auch einfach zu nett für einen Verbrecher ist.
Klingt bescheuert, aber ist schon eine passende Zusammenfassung der Situation.
Da ich beim Durchblättern des Pressehefts gesehen habe, dass mindestens zwei der Nebendarsteller eine vergleichbare Rolle für das französische Original bereits deutsch synchronisiert hatten, tippe ich mal stark, dass ein gewisses Gewicht auf die Teilnehmer der Reisegruppe, mit all ihren Eigenarten, bereits im Original vorhanden war. Und das findet man hier auch wieder. Nun kann man natürlich rummeckern, dass man keine neun Personen starke Behindertengruppe findet, bei der alle im Kern freundlich und interessant sind, aber sorry, Leute, das ist nun mal eine Komödie und kein Sozialdrama!

© Constantin Film
Wie gesagt, meine Erwartungen waren nicht superhoch. Regisseur Marc Rothemund hat zwar einst für Sophie Scholl - Die letzten Tage erst den Silbernen Bären und später auch noch den Europäischen Filmpreis für die beste Regie abgesahnt, aber ich habe in meiner aktiven Kritikerzeit auch so manche seichte Komödie von ihm gesehen, etwa Pornorama oder Groupies bleiben nicht zum Frühstück. Er hat aber auch ein Interesse an "Krankheitsgeschichten" nach wahren Ereignissen wie bei Heute bin ich blond oder Dieses bescheuerte Herz.
Ich sag's mal so: wenn man mit eigenen Stoffen Energie verpulvert und keinen Dank dafür erhält (Rothemund hatte nur bei zwei seiner Filme - die beiden mit Wotan Wilke Möhring als "Mann" - einen Autoren-Credit und bei Pornorama die Idee), bietet es sich ja irgendwie an, bewährte Stoffe (also Sophie Scholl, zwei Bucherfolge oder halt ein Remake) zu benutzen. Bei allem Kunstanspruch ist ein Regisseur halt auch ein Mensch, der sein Leben finanzieren muss. Geld verdienen muss. Viele Schauspieler drehen ja auch die deppertsten, sie in keiner Weise herausfordernden Filme nur wegen einer hohen Gage oder der Chance, mit einem guten Freund oder einem Idol zusammenarbeiten zu können.

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Auf einem gewissen Level gehört aber auch was dazu, mit vergleichsweise vielen Erzählstränge und Figuren zu jonglieren, ohne jemanden zu verwirren. Oder jemand anderen zu langweilen (okay, intime Kenner des Originalfilms fiebern eher weniger mit, wie sich die Geschichte entwickeln könnte). "Danger" von der Goeben hat mich nicht vom Hocker gerissen, aber auch nicht genervt. Florian Lukas, der mir zum Teil wie ein verjüngter Milan Peschel vorkam, war als Klischee-Krimineller mit Potential zur Verbesserung irgendwie putzig. Am besten hat mir gefallen, wenn er in den unpassendsten Momenten gerne ein (natürlich immens charmantes)...
"Ich geh mal pissen!"
... rausdrückte, und es ihn dabei offensichtlich keinen Deut scherte, ob er so bei seinen Mitmenschen anecken könnte, oder diese Vorgehensweise vielleicht nicht 100prozentig zu seiner Tarnung als Pfleger passt.
Ihr seht, meine Verteidigung des Films ist nicht immer überzeugend, aber ich schäme mich nicht, auch mal von einer Komödie nach klaren Regeln und mit dem Vorsatz, bloß nirgends zu sehr an den Oberflächen zu kratzen, einfach unterhalten zu werden. (Und ich sehe schon, wie ich mich beim Vergleich mit der zweiten Kritik bzw. dem zweiten Film dieser Woche arg in die Bredouille gequatscht habe.)
"Mist, ich hab' Marco vergessen..."