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Die Box




6. November 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Fack ju Göhte (Bora Dagtekin)
Fack ju Göhte (Bora Dagtekin)
Bildmaterial © 2013 Constantin Film Verleih GmbH / Christoph Assmann
Fack ju Göhte (Bora Dagtekin)


Fack ju Göhte
(Bora Dagtekin)

Deutschland 2013, Buch: Bora Dagtekin, Kamera: Christof Wahl, Schnitt: Charles Ladmiral, Musik: Michael Beckmann, mit Elyas M'Barek (Zeki Müller), Karoline Herfurth (Elisabeth »Lisi« Schnabelstedt), Katja Riemann (Direktorin Gudrun), Jana Pallaske (Charlie), Alwara Höfels (Caro), Jella Haase (Chantal), Max von der Groeben (Daniel »Danger«), Uschi Glas (Ingrid Leimbach-Knorr), Anna Lena Klenke (Laura Schnabelstedt), Bernd Stegemann (Gundlach, Theater-AG), Margarita Broich (Frau Sieberts, Jugendamt), Erdal Yildiz (Attila), Laura Osswald (Kindergärtnerin), Dustin Raschdorf (Leo Deckweiss), Christian Näthe (Biolehrer), Aram Arami (Burak), Robin Reichelt (Jerome, Nerd 1), Paul Triller (Kevin, 10b), Jonas Holdenrieder (»Peter Parker«, 7b), 105 Min., Kinostart: 7. November 2013

In der US-amerikanischen Filmzeitschrift »Premiere« gab es in den 1990er öfters Vorschauen auf die kommende Herbstsaison etc., in denen Infos über die Filme jeweils kurz in den Kategorien »The Good«, »The Bad« und »The Ugly« zusammengefasst wurden. Diese Herangehensweise werde ich hier übernehmen, nur die Reihenfolge wird eine andere sein. Ich empfehle der Leserschaft, zumindest bis zur zweiten Kategorie zu lesen, das Gesamturteil richtet sich nämlich durchaus in diese Richtung.

The Bad:

Der Constantin Filmverleih und die Produktions­gesellschaft »Rat Pack« sind nicht unbedingt für großes Kunstkino bekannt, sondern für Unterhaltung, die ein möglichst großes Publikum ansprechen soll. Das bedeutet zumeist Drehbücher nach bekannten Formeln. In diesem Fall ist es etwa von vornherein klar, dass der gutaussehende, aber etwas asoziale Ex-Knacki Zeki Müller (Elyas M'Barek) und die langweilige, überkorrekte und sexuell unbefriedigte Referendarin Elisabeth Schnabelstedt (Karoline Herfurth) am Ende ein Paar werden. Mit leichten Variationen hat man dies vor kurzem in Systemfehler – Wenn Inge tanzt erlebt oder im Kino-Prequel Türkisch für Anfänger, in dem M'Barek unter dem selben Regisseur quasi die selbe Rolle bekleidete. Das ist aber legitim, so funktioniert das Genre Romantic Comedy eben.

Einiges ist auch dem urdeutschen Genre des Pennälerfilm nachempfunden, also mit ach so »kreativen« Schülerstreichen, die die Lehrer mit leichten Abwandlungen des traditionellen »Teeren und Federn« quälen. Hier fehlt dem Film oft das entscheidende Quentchen Geschmackssicherheit.

Den Gesetzen des Marktes verpflichtet ist es fürderhin, dass der Film öfters von peppigen Popsongs untermalte Montagesequenzen einbringt, die die schablonenhafte Dramaturgie manchmal sogar ein wenig vorantreibt, aber in manchen Fällen auch eher den bekannten Baywatch-Montagen entsprechen, die nur ein wenig Musik, Strandatmosphäre und Badeanzüge bieten. Den Gesamteindruck des Films verschlechtern solche Passagen zumeist.

  Fack ju Göhte (Bora Dagtekin)
Fack ju Göhte (Bora Dagtekin)

The Good:

Umso überraschender ist es angesichts der humoristischen Kantinenkost, dass Regisseur und Drehbuchautor Bora Dagtekin das Ganze treffsicher abgeschmeckt hat. In Sachen Dialogwitz und Comedy-Timing macht dem Herrn zumindest deutschlandweit so schnell keiner etwas vor. Hierbei ist es besonders erfrischend, dass Dagtekin viele unterschiedliche Arten des Humors beherrscht. Da gibt es einerseits den derben Humor à la Bad Santa, wenn der Verlegenheitslehrer Zeki sich etwa seine Unterrichtsstunden angenehmer gestaltet, indem er ein harmlos wirkendes Tetrapak Kakao lieber mit Bier füllt (was etwa auch einen durchaus angenehmen Grad von Ekligkeit mit sich bringt), dem Dagtekin aber noch einen draufsetzt, indem er in der Wortwahl offenbar keinerlei Tabus kennt. So gibt es eine Szene, in der die Schüler animiert werden, bei einer Shakespeare-Adaption die Handlung mit eigenen Worten voranzutreiben, was dann dazu führt, dass ein junger Romeo skandiert: »Julia, du Fotze, ich will ficken! Zeig 'mal Möpse, zack zack!« es mag sich niedergeschrieben nicht so erschließen, aber diese vermeintlichen Tabubrüche (auch, wenn der Lehrer mit pädagogischem Feingefühl sagt »Heul' leise, Chantal!«) funktionieren hier tadellos.

Recht clever ist auch, wie man es schafft, nicht nur Jugendliche anzusprechen, sondern auch leidgeplagte Eltern und Nostalgiker, die sich an die eigene Schulzeit erinnern. So wirkt es wie ein Anachronismus, wenn einmal tatsächlich ein »Tageslichtprojektor« gefordert wird, doch der Wahnsinn hat Methode. Fack ju Göhte greift die komplette Bandbreite der letzten drei Jahrzehnte (vielleicht sogar noch mehr) Schulalltag ab, bei Dialogzeilen wie »Ich muss noch Räuber fertiglesen, da muss ich jedes zweite Wort nachschlagen!« hätte vermutlich selbst mein Opa schmunzeln können, sogar extreme Übertreibungen zünden (»Theater-AG? Niemals! Ich bin doch jetzt schon 3-4 mal die Woche in der Schule!«), nebenbei macht man sich über politische Korrektheit lustig (statt des Unworts »Asoziale« sollen die Lehrkörper bitte von »Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten« sprechen) und streut ganz aktuelle Sprechformen ein (»assappissimo im Lehrerzimmer« – geschrieben wie gehört, den Älteren darf man dieses hübsche Wort gerne »übersetzen«). Und selbst bei einem Klassiker wie der »Exkursion« treffen die aktuelle ... wie hieß es noch? ... »Bildungsferne« auf Verhaltensmuster, die man auch dann noch wiedererkennt, wenn die eigenen Kinder längst die Uni abgeschlossen haben (»Geh'n wir Fantasialand?« --- »Oh, bitte nicht wieder KZ!«). Wobei die Exkursion, die Lehrer Zeki hier unternimmt, dem Film für einige Momente sogar so etwas wie ein soziales Gewissen verschafft.

  Fack ju Göhte (Bora Dagtekin)
Fack ju Göhte (Bora Dagtekin)

The Ugly:

Wie bereits ausgeführt, will Fack ju Göhte eigentlich nur unterhalten. Doch dabei unternimmt der Film oft einen gefährlichen Drahtseilakt, denn manche Themen bieten sich nur sehr eingeschränkt als Humorlieferant an. Wenn die Kunstlehrerin einen Selbstmordversuch macht, wird dies in einen absurden Kontext gestellt, dadurch, dass ihr Fenstersturz aus dem ersten Stock erfolgt und die Reaktion darauf ein lapidares »Ach Mensch, Frau Leimbach-Knorr! Nicht schon wieder!« ist. Ferner geht es im Film um Mobbing (wobei simple Gegengewalt nicht die ultimative Lösung sein kann) oder Sicherheitsmaßnahmen gegen einen Amoklauf. In dem Moment, wo man sich trotz der gelungenen Scherze mal die Zeit nimmt, über manches nachzudenken, hat der Film auch offensichtliche Probleme. So biedert man sich beim jugendlichen Zielpublikum an, indem man das Rauchen verharmlost (der »coole« Lehrer Müller hat hier eine negative Vorbildfunktion), und das Frauenbild innerhalb des Films ist so rückständig und reaktionär wie nur irgendwas. Dass die jüngere Schwester der Referendarin Schnabelstedt sich ausgerechnet in den Störenfried Daniel alias »Danger« verliebt, kann ja passieren. Aber dass der Film dann wie ein wohlmeinender Ratgeber propagiert, dass man statt persönlichem Geschmack lieber dem konformen Frauenbild entsprechen sollte (»Dann lauf doch nicht so rum, als wenn Du auf Deine Geschlechtsumwandlung wartest!«) und man als ultimative Style-Beratung ausgerechnet auf eine vom Schönheits-OP-Opfer Jana Pallaske gespielte Prostituierte schwört (»Sie ist Nutte, sie weiß, was gut aussieht!«), das tut wirklich weh. Ohne solche geschmacklichen und politischen Entgleisungen hätte Fack ju Göhte fast das Zeug gehabt, in positiver Weise das diesjährige deutsche Kino zu repräsentieren, aber angesichts dieser hässlichen Makel bleibt es dann doch nur bei guter Unterhaltung mit ein paar pädagogisch fragwürdigen Entscheidungen.

Nachtrag:

Jella Haase, die Darstellerin der Chantal, fand ich in Lollipop Monster eigentlich ziemlich unerträglich, und sie hat nach wie vor die seltene Gabe, einen wirklich zu nerven. Aber in ihrer stumpfen Penetranz ist ihre Stimm-Modulation manchmal auch irgendwie »voll süß«.