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24. Juni 2026
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Obsession - Du sollst mich lieben (Curry Barker)


Obsession - Du
sollst mich lieben
(Curry Barker)

Originaltitel: Obsession, USA 2025, Buch, Schnitt: Curry Barker, Kamera: Taylor Clemons, Production Design: Vivian Gray, Art Direction: Sally Choi, Kostüme: Blair James, Musik: Rock Burwell, mit Michael Johnston (Bear), Inde Navarrette (Nikki), Cooper Tomlinson (Ian), Megan Lawless (Sarah), Andy Richter (Carter), Haley Fitzgerald (Viola), Darin Toonder (Harry), Anthony Pavone (Reggie), Anthony Casabianca (Chris), Chloe Breen (Ruthie), Malcolm Kelner (Bartender), 108 Min., Kinostart: 25. Nai 2026

In meiner letzten Kritik hatte ich den Horrorfilm Passenger verteidigt, diesmal bin ich bei Obsession nicht ganz der selben Meinung, denn der Film wird für meine Begriffe etwas übermäßig abgefeiert. Um es vorwegzunehmen: die beiden Filme divergieren in der Qualität nicht so riesig (auch die "Blutigkeit" ist in der selben Kategorie), nur reagieren die Leute unterschiedlich auf die Filme. Und ich nochmal anders als das durchschnittliche Publikum.

Die Prämisse von Obsession ist sehr vielversprechend, man muss sich den Trailer nicht mal länger als die erste Hälfte anschauen, und der stark verschossene, aber sehr schüchterne Bear (Michael Johnston, im Film trägt er mal ein Namensschild mit "Baron") hat es gerade wieder vermurkst, seiner angebetenen Nikki (Inde Navarrette) seine Gefühle zu gestehen, da greift er zu einem "One Wish Willow", der einem für den akzeptablen Ladenpreis von $ 6,99 einen Wunsch erfüllen soll, und wünscht sich, dass Nikki ihn lieben soll wie nichts und niemanden auf der Welt (oder so ähnlich, die Formulierung ist jedenfalls extrem genug, dass man mit etwas Horrorerfahrung weiß, dass der Typ sich gerade keinen Gefallen getan hat). Im Presseheft wird erklärt, dass der durch eine Youtube-Karriere in die Lage, einen Kinofilm zu drehen, gekommene Curry Barker (klingt wie ein Nebenprodukt bei einer Indienreise von Clive Barker), durch eine Simpsons-Episode mit einer Affenpfote auf die Idee zum Film gekommen sei. Hmm, die klassische Horror-Kurzgeschichte "The Monkey's Paw" von W.W.Jacobs (auch bei Gutenberg, lohnt sich) wird im Presseheft nicht erwähnt, traurige Verschleierung der Quellen durch Unwissenheit.

Anyway, der Kern der Geschichte (ein Wunsch führt zu unerwünschten Resultaten, egal wie geschickt oder ungeschickt man ihn formuliert hat) war die Basis unzähliger Variationen, ich musste auch an den Witz denken, wo ein Kerl sich einen "Schwanz bis zum Fußboden" wünscht, und "Zack! - waren die Beine ab!"

Curry Barker offenbart im Presseheft noch etwas Interessantes (ich hab's nur überflogen, aber die zwei Dinge stachen heraus):

"With Bear I set out to create a protagonist who isn't simply a good guy. He's flawed, grey, capable of both vulnerability and cruelty. I didn't want to dictate how the audience should feel or point to what's right or wrong. Instead, my goal was to present the story honestly and let the audience wrestle with it themselves. I want people leaving the theatre still talking - arguing over how they felt, what they would have done differently, and whether what they saw was love or obsession."

Obsession - Du sollst mich lieben (Curry Barker)

© 2026 Focus Features LLC. All rights reserved.

Diese Herangehensweise an den Film ist auch sein Erfolgsgeheimnis. Viele Leute gehen ja nie allein ins Kino, und da gehört das vor und nach dem Film mit zum Erlebnis. Natürlich können sich Gespräche zu dem Film auch so entwickeln wie mein vorliegender Text, aber der Transfer des Gesehenen auf das eigene Empfinden bietet sich an. Jeder kann mit Teilen des Films und seinem eigenen Liebesleben (or lack thereof) Verbindungen ziehen, der Film schreit danach, die Perspektive zu wechseln oder eigene Ideen für den Handlungsverlauf zu vergleichen. Ich selbst hatte auch an einer Stelle des Films die Idee für eine (mich) überzeugende Auflösung der Geschichte, wobei ich zugeben muss, dass ich ein Handlungsdetail außer acht gelassen hatte. (War es Strindberg, der einst sagte "Wenn auf der Bühne ein Gewehr auftaucht, wird auch ein Schuss fallen"?)

Was aber den Film im gesellschaftlichen Umgang mit ihm auszeichnet, war aus meiner Sicht sein Fehler für mein Qualitätsurteil. Denn ohne ins Detail gehen zu wollen, begeht Regisseur Barker einen Fehler der jüngst in einer Folge von "Das große Backen - die Profis" von dem Juroren Christian oder wie er heißt sehr schön auf den Punkt gebracht wurde:

"Du hattest 27 Ideen für den Tortenbelag - und hast 26 davon genutzt!"

Denn die Art und Weise, wie Barker seinem Publikum möglichst viele Optionen offen lässt, entspricht in meinen Augen dem größten Manko der US-amerikanischen Comicindustrie (konkret Marvel und DC) in den letzten 20 Jahren oder so. Man nennt es das "Multiversum".

Obsession - Du sollst mich lieben (Curry Barker)

Foto: Manny Liotta © 2026 Focus Features LLC. All rights reserved.

Ich werde das Problem mal kurz beschreiben, ohne Gwen Stacy oder Thomas Wayne ins Spiel zu bringen. Vor gefühlt 2,5 Jahren starb Bruce Wayne's Butler Alfred Pennyworth in den Comics. War eine fiese Angelegenheit, und natürlich auch voller Emotionen. So eine Zäsur verändert viel, aber man kann auch verstehen, dass ein Butler selbst in fiktiven Welten heute nicht mehr viel Relevanz hat.

Gut, Alfred war tot, und die meisten Comicschaffenden bei DC hielten sich auch daran. Natürlich kommen auch mal Comics raus, die zu einer Zeit spielten, als Alfred noch am Leben war (die Autoren lieben zum Beispiel Geschichten aus der Zeit mit Robin 1, 2 oder 3). Auch wenn die Zeit in der DC-Geschichte sehr sehr dehnbar ist, kann man ja schnell erkennen, ob man in der Prä- oder Post-"Alfred stirbt"-Zeit ist. Doch dann gab es auch mal findige Autoren, die entschieden, dass Batman sich ja weiterhin mit Alfred unterhalten kann, weil das ein prägendes Element seines Lebens war, und wenn er nicht weiß, wie er mit dem einen oder anderen (Ex-)Robin umgehen soll oder bei einem vertrackten Fall irgendwie feststeckt, führt er halt tief unten in der Batcave (oder welche moderne Variation davon gerade genutzt wird, weil Wayne Manor und das Familienvermögen auch schon mal 2007 oder 2016 in die Luft gejagt wurden, man sich aber immer auch mal wieder an den alten Status Quo klammert) Gespräche mit seinem Butler, und mal wird das auch einigermaßen deutlich zuende erzählt, dass der Butler dann wieder verschwunden ist, sobald jemand anderes dazu kommt...

Aber irgendwie ist alles in einer erzählerischen Schwebe, weil halt diverse Autoren (und Zeichner) alle ihren Beitrag dazu liefern, unterschiedliche Gewichtungen bevorzugen usw.

Aktuell gibt es sogar (meines Wissens ein Novum) zwei Batman-Serien mit dem Titel "Batman" gleichzeitig, weil die Neuzählung, die Tom King ca. 2016 oder 17 vornahm, aktuell darunter leidet, das die Ausgaben von "Hush 2" nicht wirklich regelmäßig rauskommen (da ist man so bei Batman #163 um den Dreh), aber Matt Fraction hat vor einem Jahr auch wieder bei 1 angefangen, da habe ich zuletzt die #10 gelesen...

Obsession - Du sollst mich lieben (Curry Barker)

© 2026 Focus Features LLC. All rights reserved.

Genug von Batman, Obsession ist kein seit fast einem Jahrhundert durch gefühlt Millionen von Heften repräsentiertes Druckimperium mit unzähligen Künstlern dahinter, sondern ein einziger Film, in dem eine einzelne Person für Buch, Regie und Schnitt zuständig ist. Und ein Horrorfilm verlangt oft nach gewissen Regeln. Bei Obsession gibt es viele Ideen, aber ohne mir da eine genaue Liste zu machen, bei der ich alle Eintragungen miteinander vergleiche, würde ich sagen, die Regeln widersprechen sich.

Curry Barker hat einen Comedy-Hintergrund, und ich mag ja bei den Apatow-Abkömmlingen diese DVDs mit Bonusmaterial, wo Will Ferrell oder so 23 Takes der selben Szene präsentiert, wo er jeweils einen anderen, spontanen, aber durchaus guten Gag abliefert. Und im Montageprozess wird dann entschieden, welcher am besten funktioniert hat, aber man will das ganze andere Material ja nicht einfach wegschmeißen. In einem einzelnen Film muss man aber (wenn es nicht irgendwelche gute Gründe gibt, die innerhalb des Films Sinn ergeben) diese Entscheidungen fällen.

Obsession - Du sollst mich lieben (Curry Barker)

© 2026 Focus Features LLC. All rights reserved.

Das Multiversum an Ideen in Obsession mag mancher zu seinen Stärken zählen, ich fand es im Nachhinein eine Schwäche. Während des Films ist es mir glaube ich gar nicht so aufgefallen, aber man geht das ja noch mal im Kopf durch, und ich will das auch nicht kaputtspoilern, aber nicht jede Idee, die im Film blieb, ist auch gleich gut. Aber für das Ziel, dem Publikum möglichst viele Anknüpfungspunkte zu liefern, ist das eine clevere Herangehensweise. Und selbst, wenn die eine oder andere Gruppe nach dem Film eine Diskussion über die von mir beschriebenen Punkte führen sollte, so trägt das ja auch zu einem positiveren Erlebnis bei.

Was mir beim Film positiv in Erinnerung bleibt, ist der generelle Look, dieses auf den PR-Frames sehr deutliche Mischmasch aus Unschärfe und schemenhaftiger Ausleuchtung. Bei der im dritten Bild repräsentierten Szene führt Bear ein längeres Telefonat, kurz nach der zunächst einmal positiven Veränderung durch den Wunsch, und Nikki ist die ganze Zeit unscharf im Hintergrund zu sehen, und man kann es nicht sicher sagen (das Foto wirkt da klarer als der Film), aber hat dieses undeutliche, unheimliche Gefühl, dass sie ihn dabei die ganze Zeit anstarrt (weil man ja den Filmfiguren gegenüber einen gewissen Vorsprung hat und sich schon sicher ist, dass sie ihn jetzt über alle Maßen liebt).

Noch eine tolle Sache, die tatsächlich mal auf clevere Art über den Film hinausgeht (ich verschließe mich dem ja nicht komplett, dies hier ändert nichts daran, wie der Film für sich wirkt): Im Trailer gibt es eine Einstellung, nachdem Bear Nikki nach Hause gefahren hat und dann seinen Wunsch äußerte, und sie erschreckt einen durch ein bloßes an-die-Autoscheibe-klopfen. Im Film habe ich auf diese Einstellung gewartet, sie kam aber nie. Das passiert öfters in Trailern, aber hier war es meines Erachtens ganz gezielt eingestreut, weil es die Anspannung im Film erhöht.

Ansonsten: so wenig habe ich glaube ich schon lange nicht mehr über einen Filminhalt geschrieben. Aber man braucht es auch nicht. Ihr wisst jetzt, worum es geht, ihr achtet vielleicht auf die "Widersprüche" (oder seht es auch ganz anders), und alles, was man vorher über den Film hört, schmälert das Erlebnis höchstens. Noch eine harmlos formulierte Trigger-Warnung: Selbstschädigung...