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Die Box




1. Juni 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Everybody wants some!! (Richard Linklater)


Everybody wants some!!
(Richard Linklater)

USA 2016, Buch: Richard Linklater, Kamera: Shane F. Kelly, Schnitt: Sandra Adair, Musik: Christine Bergren, Meghan Currier, Ian Herbert, Randall Poster, mit Blake Jenner (Jake), Zoey Deutch (Beverly), Ryan Guzman (Roper), Glen Powell (Finnegan), J. Quinton Johnson (Dale Douglas), Wyatt Russell (Willoughby), Austin Amelio (Nesbit), Temple Baker (Tyrone Plummer), Will Brittain (Beuter), Tyler Hoechlin (McReynolds), Tanner Kalina (Brumley), Juston Street (Jay Niles), Forrest Vickery (Coma), 117 Min., Kinostart: 2. Juni 2016

Jugend und Adoleszenz sind Themen, die in den Filmen Richard Linklaters eine vorherrschende Rolle einnehmen. Bei seinen Frühwerken Slacker und Dazed and Confused schob man das noch auf das Alter des Regisseurs, aber Coming of Age und sogar regelrechte Jugend- und Kinderfilme tauchen immer wieder in seinem Œuvre auf und die spezielle Faszination für die Thematik fand in Boyhood ihren Höhepunkt. Nach dem vielfach preisgekrönten innovativen Meisterwerk hat sich Linklater bei seinem neuen Film einerseits möglichen Erwartungen konsequent widersetzt aber gleichzeitig einen Film abgeliefert, der wie ein Missing Link zwischen den Bad News Bears und dem besonders in seiner minimalistischen Handlung ähnlichen Dazed and Confused wirkt. (Mein ursprüngliches Vergleichs-Mash-Up, The School of Rock und Boogie Nights, soll hier nicht unerwähnt bleiben, auch wenn Paul Thomas Anderson abgesehen von der nostalgischen Note nur wenig mit diesem Film verbindet.)

Obwohl es keine konkreten Bezüge gibt, wirkt Everybody wants some!! wie ein Sequel zu den Abenteuern der Baseball-Kindermannschaft (auch wenn eher der 1975er Bears von Michael Ritchie als Linklaters im 21. Jahrhundert spielendes Remake) oder eine in einem anderen Jahrzehnt spielende Variation von Dazed and Confused.

Everybody wants some!! (Richard Linklater)

Bildmaterial: © 2016 Constantin Film Verleih GmbH / Van Redin

Diesmal geht es eigentlich um typische »Jocks«, also die oft in Filmen (je nach politischer Gesinnung) negativ dargestellte Sportskanonen, die sich meist nicht durch unbotmäßige Intelligenz oder Sensibilität auszeichnen. Drei Tage vor dem Semesterbeginn seines ersten Uni-Jahrgangs stößt Jake (Blake Jenner) als Empfänger eines Sport-Stipendiums zu den größtenteils bereits eingeschriebenen Kommilitonen dazu, die ein erfolgreiches Baseballteam bilden sollen.

Der Film umschreibt die drei Tage vor dem eigentlichen Studienbeginn (immer wieder durch einen eingeblendeten Countdown wie ein dräuendes Damokles-Schwert dargestellt), aber schon, bevor die eigentliche Handlung einsetzt, weiß man, was der im Titel kongenial zusammengefasste Kern des Films ist: Zunächst tönt laut aus dem Autoradio »My Sharona« von den Knicks, der Anfang eines mitreißend zusammengestellten Soundtracks, der größtenteils perfekt in den Sommer von 1980 passt (mir ist nur »Urgent« von Foreigner als klarer Anachronismus aufgefallen). Dann gibt es in geschätzt Einstellung 9, 11, 13 und 15 des Films (schade, dass ich nicht supergenau mitgezählt habe) jeweils pralle Mädchenhintern in Hot Pants. Da ist bereits alles, was in Everybody wants some!! (die Ausrufezeichen erscheinen mit geringer Verzögerung auf der Leinwand und stammen so aus dem Titel eines Van-Halen-Songs, den man übernahm) mitschwingt, überdeutlich betont, und das dritte Mitglied des Triumvirats »Sex & Drugs & Rock'n'Roll« lässt auch nicht lange auf sich warten.

Everybody wants some!! (Richard Linklater)

Bildmaterial: © 2016 Constantin Film Verleih GmbH / Van Redin

Wie bereits erwähnt, hat der Film keine Handlung im eigentlichen Sinne. Jake als Neuzugang pirscht zwar einer Beverly (Zooey Deutch) hinterher, und wer unbedingt will, kann diese Beziehung als Liebesgeschichte deuten, aber im Grunde hat er es genau so dick hinter den Ohren wie seine Kommilitonen und schon in der ersten Nacht werden nicht von Einzelpersonen, sondern von nahezu jedem sämtliche Grundregeln gebrochen, die der Coach ihnen gepredigt hat (»no booze in this house, no girls upstairs in those beds«). Es wird gefeiert und abgeschleppt, als gäbe es kein Morgen - nur mit dem Unterschied, dass sich dies am nächsten Tag wiederholt, wobei man ganz nebenbei auch noch einer Art Sightseeing-Tour durch damals aktuelle Gesellschaftsströmungen junger Erwachsener beiwohnt - und das ohne die geringsten Berührungsängste vor Disco, Country, Punk, leicht abgedrehten Theater-Studenten oder frühem Hiphop (ja, liebe Kinder, damals konnte auch euer greiser Märchenopa Vorwerk »Rappers Delight« mitsingen - im Film jene Szene, die man sonst oft mit »Bohemian Rhapsody« sieht - und mit einem anderen Song ist es gleich eine komplett andere Erfahrung).

Diese Grundstimmung wirkt wie die Fortsetzung von Little Darlings aus dem Jahr 1979 (tut mir leid, aber der Nostalgie-Flash bringt die Einordnung in eine persönliche Filmgeschichte fast zwangsläufig mit sich, Spätgeborene mögen sich American Pie oder ähnliches als Vergleichsfilm heranziehen), ein zeitreisender Matt Dillon würde auch hundertprozentig in das junge, aus kaum bekannten Darstellern (und einigen echten Baseball-Talenten) bestehende Ensemble hineinpassen. Nur quält man sich hier nicht mit einer Handlung ab oder versucht gar irgendein didaktisches Ziel zu verfolgen. Man zeigt einfach eine vergangene Zeit mit viel Authentizität, aber einer modernen Sichtweise, die einem vieles mit anderen Augen sehen lässt. Quasi wie bei der Grundprämisse der Fernsehserie Mad Men, die diese Perspektive zu einem gern wiederholten kulturellen Phänomen machte.

Everybody wants some!! (Richard Linklater)

Bildmaterial: © 2016 Constantin Film Verleih GmbH / Van Redin

Schnauzer à la Freddie Mercury oder Burt Reynolds, hässliche Tapeten, körperbetonte T-Shirts oder deutliche Pakete in der Hose - ob man so was je selbst erlebt hat oder nur aus alten Filmen kennt, man betrachtet das Umfeld wie ein amüsierter Anthropologe und nach einem frühen Gag, bei dem ein Wasserbett im ersten Stock fast durch die Decke bricht (erstaunlicherweise kommt man auf diesen Einstiegsgag nie wieder zurück, er existiert womöglich nur, um einen als Zuschauer in das Filmgeschehen einzubinden), erlebt man dann nur noch lose zusammenhängende Episoden, bei denen zwar Jake immer im Zentrum bleibt, aber nicht etwa als besonders aktiver Protagonist etwas in Gang bringt. Es wirkt seltsamerweise so, als entwickle sich der Film wie von selbst. Auch die schnellen, aber nie wirklich wichtigen Dialoge wirken wie eine locker-flockige Version eines Robert-Altman-Films.

Everybody wants some!! ist einfach ein Film, der Spaß macht und einen mitreißt - und das funktioniert auch, wenn man selbst vielleicht nicht wie die Filmfiguren seine Freizeit zwischen Flipper, Billardtisch und frühen Videospielen verbracht hat (wem Anschlussfehler Spaß machen: beim Billard aufpassen!). Ich muss allerdings zugeben, dass die persönliche Anbindung mit den unumgänglichen Reminiszenzen das ganze noch eine Ecke erhöht. Verdammt noch mal, ich bin (trotz Übergewicht) auch mal als Teenager im Netzhemd zur Schule gegangen oder hatte aus dem Yps die kleine Erdnussfarm, mit der man US-Präsident Jimmy Carter feierte.

Everybody wants some!! (Richard Linklater)

Bildmaterial: © 2016 Constantin Film Verleih GmbH / Van Redin

Zur Begeisterung, die der Film einfach atmet (und dabei vermittelt), gehört auch eine mittlerweile selten erlebte Toleranz. Selbst die weniger positiv gezeichneten Figuren werden zwar verarscht (aber das geschieht allen), aber irgendwie auch akzeptiert. Und das auf eine unaufdringliche Weise, die den ganzen Film prägt.

Das Einzige, was mich am Film stört, ist die Darstellung der Frauen. Ich meine hier nicht die wenigen Sprechrollen, die mehr als drei Sätze abzugeben haben, sondern vor allem die Statistinnen, die mehr zur Atmosphäre beitragen. Ob Schlammcatchen oder in Reizwäsche »Twister« spielen, die Frauen machen alles mit, wirken dabei aber meistens nur wie Objekte. Gerade das Twister-Spiel hat mich hier irgendwie verwundert, weil da gar kein Mann mitspielte. Es gab auch einige Kritikerkollegen, die die weibliche Hauptfigur Beverly unerträglich langweilig und blöd fanden. Den Standpunkt teile ich zwar nicht, aber der Film nimmt schon eine dezidiert männliche Perspektive ein, und auch, wenn die viele der Filme Linklaters prägt, ist es hier halt auffällig, wie viel Einfühlungsvermögen er noch für die kleinste männliche Rolle einbringt - aber die Frauen gehen in der Hinsicht beinahe komplett leer aus. Bei aller Nostalgie kann man da mehr erwarten.