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14. Januar 2026
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Silent Friend (Ildikó Enyedi)


Silent Friend
(Ildikó Enyedi)

Originaltitel (laut imdb): Stille Freundin, Deutschland / Ungarn / Frankreich 2025, Buch: Ildikó Enyedi, Kamera: Gergely Pálos, Schnitt: Károly Szalai, Musik: Gábor Keresztes, Kristóf Kelemen, Production Design: Imola Láng, Kostüme: Peri de Braganca, mit Tony Leung Chiu-Wai (Prof. Wong), Luna Wedler (Grete), Enzo Brumm (Hannes), Marlene Burow (Gundula), Léa Seydoux (Alice Sauvage), Sylvester Groth (Anton), Luca Valentini (Francesco), Rainer Bock (Prof. Wnterhalter), Martin Wuttke (Herr Fuchs), Johannes Hegemann (Thomas), Felix Burose (Max), 147 Min., Kinostart: 15. Januar 2026

Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi hat einen Namen, den ich mir nur mit viel Aufwand merken könnte, den ich aber wiedererkenne. Bei der Berlinale 2017 hatte sie mit Teströl és lélekröl / Körper und Seele einen Wettbewerbsbeitrag, der in Erinnerung blieb, weil eine menschliche Liebesgeschichte irgendwie auf zwei Hirsche im Wald übertragen wurde. Ich kenne nur zwei ihrer Filme, sehe aber gewisse Trends.

Silent Friend (der Titel erklärt sich irgendwann von selbst) hat als wichtigsten Protagonisten einen Fächerblattbaum (gingko bilabo), der offenbar im botanischen Garten der Universitätsstadt Marburg steht, und das seit 1842. Die menschlichen Figuren, die in drei Zeitebenen um den Baum herumwuseln, sind unterschiedlich fasziniert von ihm (bzw. ihr) und entweder waschechte Botaniker oder zumindest im Verlauf ihres Umgangs mit dem Gingko gelehrige Laien in diesem Metier, das nur vergleichsweise selten Filmhelden produziert. Da fallen mir auf Anhieb mehr Filme über Archäologen, Paläontologen, selbst Kunstgeschichtler ein.

Das Fachgebiet von Prof. Tony Wong (Tony Leung Chiu-Wai, der einstige Superstar des asiatischen Kinos, bekannt z.B. aus Hero, der Infernal Affairs-Trilogie oder In the Mood for Love) sind frühkindliche Gehirnströme. Wo Erwachsene, wenn sie mit neuen Problemen konfrontiert sind, gezielt nur wenige Hirnregionen einsetzen (ich bin geneigt, unpassenderweise von "Schubladendenken" zu sprechen), leuchtet bei Babys der Bregen auf wie ein Weihnachtsbaum, sie sind quasi dauerhaft high von dem, was ihr Umfeld ihnen offenbahrt.

Hinweis: sämtliche wissenschaftliche Statements in diesem Text wurden vom Autor nicht kritisch hinterfragt. Kann sein, das einiges auch zum Wohle eines interessanteren Films etwas extrapoliert wurde.

Silent Friend (Ildikó Enyedi)

© Pandora Film

Prof. Wong ist noch nicht lang in Marburg, als die uns allen vertraute Covid-19-Pandemie ihn quasi allein im Gästehaus der Uni stranden lässt. Die einzige Person, die sonst noch vor Ort ausharrt, ist ein besserer Kalfaktor namens Anton (Sylvester Groth). Auf Anhieb werden die beiden nicht miteinander warm, und der Professor, der ohne Probanden oder Studenten seine eigentliche Arbeit nicht fortführen kann, beschäftigt sich mit anderen Dingen.

Anfang des 20. Jahrhunderts (die Schwarzweiß-Fotografie markiert es deutlich) ist Grete (Luna Wedler) eine der wenigen weiblichen Studienaspiranten, die vom selbstherrlichen (und rein männlichen) hohen Gremium am liebsten kollektiv durch eine hinterhältige Finte abgesägt worden wären. Doch Grete lässt sich das nicht gefallen. Nach diesem gelungenen Streich gegen die "alten weißen Männer" ist Gretes Studienalltag vor allem von den verdutzten Blicken der (wie gesagt männlichen) Kommilitonen geprägt.

"Allein Gretes Anwesenheit in diesem Umfeld ist eine Rebellion."
(Regisseurin Ildikó Enyedi)

Silent Friend (Ildikó Enyedi)

Foto: Lenke Szilágyi © Pandora Film

Luna Wedler wurde für ihre Rolle in Venedig als best new talent mit dem Marcello-Mastrioianni-Preis ausgezeichnet. Die in Zürich geborene Darstellerin war mir schon 2017 im Schweizer Film Flitzer aufgefallen, es folgten deutsche Jugendwerke wie Das schönste Mädchen der Welt, mittlerweile ist sie durch Filme wie Je suis Karl, Landesverräter oder 22 Bahnen eigentlich etabliert, aber wer beschwert sich schon über Auszeichnungen?

Die für mich persönlich am meisten ansprechende Zeitschiene des Films spielt im Jahr 1972, wobei schon die besondere Farbigkeit des verwendeten 16mm-Filmmaterials mich mit Nostalgie erfüllt. Aber auch die Geschichte fasziniert mich etwas mehr, weil das im Film immer mitschwingende Thema der Kommunikation zwischen Menschen hier die spannendste Geschichte erzählt.

Silent Friend (Ildikó Enyedi)

© Pandora Film

Zwischen Hannes (Enzo Brumm) und Gundula (Marlene Burow) funkt es (zumindest von seiner Seite aus), doch Ildikó Enyedi erzählt keine herkömmliche love story, wodurch diese Episode ihre Spannung aufrecht erhält, wenn die Biologin Gundula recht plötzlich bei einer Auslands-Exkursion verschwindet, aber den schüchternen Hannes bittet, in ihrer Abwesenheit auf ihre Zimmergeranie (!) aufzupassen, die Gegenstand ihrer minutiösen Forschung ist. Interessanterweise scheint es so, als wäre Gundula bei ihrem Forschungsgebiet eher zögerlich zugange, während der aus einer anderen Disziplin stammende Hannes sich hier zum "forschen" Forschenden verwandelt.

Wie der Gingko entwickelt sich auch die Geranie selbst zur Protagonistin und im Frühwerk der Regisseurin (die auch im 20. Jahrhundert schon produktiv war) gibt es bereits eine Eiche, die einen Jahrhunderte umspannenden Erzählreigen begleitet - sowie eine Topfpflanze, die einen Mordfall löst! Verglichen damit ist Silent Friend geradezu zurückhaltend, aber dafür umso zielsicherer im subtilen Aufbau einer Welt voller Außenseiter, die vielleicht zueinander finden wollen, aber sich dabei oft selbst im Wege stehen.

Silent Friend (Ildikó Enyedi)

Foto: Lenke Szilágyi © Pandora Film

Was für die Pflanzen natürlich nicht zutrifft. Die stehen und harren eher der Dinge, die in ihrem Umfeld passieren.

Was aber schon spannend genug sein kann.