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19. November 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Die Eiskönigin II (Chris Buck, Jennifer Lee)


Die Eiskönigin II
(Chris Buck, Jennifer Lee)

Originaltitel: Frozen II, USA 2019, Buch: Jennifer Lee, Schnitt: Jeff Draheim, Musik: Christophe Beck, Songs: Kristen Anderson-Lopez, Robert Lopez, mit den Originalstimmen von Kirsten Bell (Anna), Idina Menzel (Elsa), Jonathan Gruff (Kristoff), Josh Gad (Olaf), Evan Rachel Wood (Iduna), Jason Ritter (Ryder), Sterling K. Brown (Mattias), Alan Tudyk (Guard / Northuldra Leader, Arendellian Soldier), Rachel Matthews (Honeymaren), Jeremy Sisto (King Runeard), Ciarán Hinds (Pabbie), Martha Plimpton (Yelena), Santino Fontana (Hans), Alfred Molina (Agnarr), Mattea Conforti (Young Elsa), Hadley Gannaway (Young Anna), Kinostart: 20. November 2019

Zum Film

Bei all dem Hype (und ich bin selbst ein Fan) wird oft vergessen, dass Frozen keineswegs ein perfekter Film war, sondern einige Probleme in der Dramaturgie und Handlung hatte. Das wird leider im zweiten Teil nicht besser, weil man sich diesmal vieles gesucht und erfunden hatte, was eine unterschiedlich direkte Quelle im ersten Film hat und was jetzt innerhalb einer Abenteuergeschichte, die zu großem Teil ähnlich wie in Film 1 verlief, neu erkunden will.

Gleichzeitig will man die love story zwischen Anna und Kristoff weiterentwickeln (der Arme muss für einen running gag fünfmal seinen Mut zusammenbringen, um einen Heiratsantrag zu beginnen, der sich jedes mal in einen Super-GAU zu verwandeln droht - oder auch mal komplett ignoriert wird).

Dann gibt es eine thematische Umgewichtung zum Thema change, also »Veränderung« hin, die visuell über den Herbst mit seiner Farbenpracht umgesetzt wird, aber auch hier und da zum Thema Altern und Tod hinführt. Bei einem Tarot-Blatt steht ja die Karte »Tod« eigentlich für die Verwandlung, also etwas Umwälzendes, z.B. ein Umzug oder eine neue Liebe - zu Beginn des Films wird nicht ganz klar, in welche Richtung es hier geht.

Die Eiskönigin II (Chris Buck, Jennifer Lee)

© 2019 Disney. All Rights Reserved.

Die eigentliche Geschichte beginnt in der Vergangenheit, Anna und Elsa sind wieder Kinder, ihre Eltern leben noch, und der Vater erzählt von einem enchanted forest, während die Mutter ein Wiegenlied singt, und aus einem inhärenten Familiengeheimnis entwickelt sich die eigentliche Geschichte des Films.

Denn während Anna sich im royalen Alltag arrangiert und beispielsweise mit der seltsamen Ersatzfamilie Scharade spielt, hört Elsa immer wieder eine sirenenhafte Stimme, die sie zum nicht gänzlich an Let it go heranreichenden Nachfolgesong Into the Unknown inspiriert, der übrigens (wie damals mit Demi Lovato) im Nachspann von Panic! at the Disco bzw. Mark Foster (in der deutschen Fassung »Wo noch niemand war«) interpretiert wird.

Wo man im ersten Film mit der aufkeimenden Lovestory mit Hans lange Zeit einen spielerischen, euphorischen Tonfall aufrecht erhalten konnte, ehe Elsa sich distanziert, steigt man in Frozen II ziemlich schnell in die Kerngeschichte ein, bei der Anna es nicht zulässt, dass Elsa sich von ihr trennt und einfach die ganze Fünfergruppe (mit Kristoff, Sven und Olaf) mit ins Abenteuer gezogen wird.

Die Eiskönigin II (Chris Buck, Jennifer Lee)

© 2019 Disney. All Rights Reserved.

Anna hört diese Sirenenstimme und passend zur Einstiegsgeschichte des Vaters geht es um die vier Elemente, die von Anna unbewusst heraufbeschworen und »befreit« werden, was das kleine Königreich Arendelle in Gefahr bringt - und man begibt sich auf die Suche nach dem Naturvolk von Northhuldra, mit dem es einst zu einer Schlacht kam, nach der jener verwunschene Wald, in dem dieses Volk lebt, von einem undurchdringbaren Nebel überzogen wurde.

Dort entdeckt man dann zwei sehr unterschiedliche Familiengeheimnisse, auf die ich noch in einem meiner interpretativen Teile zu sprechen kommen werde - und man entdeckt den Zusammenhang zwischen den Elementarkräften (die unterschiedlich stark personifiziert werden) und Elsas besonderen Kräften, ehe dann nach einem langgezogenen und aufregenden Showdown alles ein wenig zu schnell wieder aufgelöst wird. Das für Disneyverhältnisse typisch umfassende Happy End wirkt ein wenig wie aus einem Kasten herbeigesprungen, weil man einfach zu viele Elemente im Film unterbringen wollte und offenbar unter einer gewissen Lauflänge bleiben wollte.

Die obligatorischen Songs (für viele, aber nicht alle Zuschauer ein wichtiger Bestandteil des Films) können hier nicht so schlüssig wie in Film 1 die Handlung vorantreiben, sondern wirken manchmal etwas aufgesetzt.

Schneemann Olaf, der im ersten Film erst recht spät überhaupt ins Spiel gebracht wird, philosophiert auf seine naive Weise über die seit Film 1 vergangenen sechs Jahre, seinen damit einhergehenden Reifungsprozess (»Forgive me, maturity is making me poetic!«) - und er singt wie in einer angedeuteten »Pubertät light« darüber, wie er gewisse Mysterien (des verwunschenen Waldes) vermutlich dann verstehen wird »When I am older«.

Noch deutlicher als im ersten Teil wird Sidekick Olaf hier zum ultimativen comic relief, der beim Scharadespiel und seinen Zusammenfassungen des ersten wie zweiten (Nachspann durchsitzen!) seine physikalische Verwandlungsfähigkeit zur allgemeinen Erheiterung einsetzt. Ich möchte einen Langfilm, in dem Olaf beispielsweise die gesamte Disney-Filmgeschichte auf solche Weise nacherzählt. Wenn man eine Reihe von »Olaf explains Disney-Movies« erstellen würde, wäre das als Bonusmaterial für DVDs etc. eine tolle Verkaufsstrategie für den Konzern. Stellt euch einfach mal vor, wie Olaf den Hunchback of Notre Dame, The Jungle Book oder Pinocchio (Einsatz für die Karottennase!) nacherzählt, mit verteilten Rollen - da schmilzt das Herz jeden Disney-Fans...

Die Eiskönigin II (Chris Buck, Jennifer Lee)

© 2019 Disney. All Rights Reserved.

Aber zurück zum Film: einen ähnlichen Sonderauftritt wie Olaf bekommt Kristoff, der ja im ersten Film sängerisch vor allem dadurch auffiel, dass er seinem Rentier Sven eine Stimme verlieh. Kristoff wird in Frozen II etwas über die Herkunft dieser seltsamen Naturverbundenheit erfahren, und dann hat Sven an einer Stelle offenbar tatsächlich eine eigene Stimme - was Kristoff dazu veranlasst, für einen sehr spezifisch visualisierten Song namens »Lost in the Woods« quasi zum Leadsinger einer Boygroup zu mutieren, deren andere Mitglieder offenbar Rentiere sind. So erheiternd das ist: der Song kann nicht mit den gut in den ersten Film integrierten Klassikern mithalten, und auch der Nostalgie-Faktor für die 1990er (nebst typischem Musikvideo) bringt den eigentlichen Film kein Stück voran.

Das Problem war vermutlich, dass man es zu vielen unterschiedlichen Publikumsgruppen recht machen wollte - und das Werk als solches frizzelt noch stärker auseinander, als das auch schon in Frozen erkennbar war. Die vielleicht größte erzählerische Schwäche von Frozen, der Showdown, wird im neuen Film einerseits sogar noch multipliziert - aber ohne die narrative Märchenlogik. In Frozen II geht man eher mit ein paar Fragezeichen vor den Augen aus dem Kino, wenn durch zwei bis drei beherzte Aktionen sich plötzlich (und eher so halb-erklärt) alle Konflikte in Wohlgefallen auflösen...

So viel zur (einigermaßen) Standard-Filmkritik, jetzt gehe ich noch auf zwei Interpretations-Ansätze ein, die etwas deutlicher plot points spoilern. Enter at your own risk!

Wie geht es weiter mit Elsas Lesben-Outing?

Ich habe mir schon im Vorfeld bei einer Footage-Präsentation einige Ausschnitte des Films angeschaut, die in mir einen bösen Verdacht erweckten, der ein wenig meine Sicht auf den endgültigen Film mitbestimmte und ungünstig färbte.

In Frozen gab es ja deutliche Hinweise darauf, dass Elsas zunächst ungewünschte Superkräfte wie bei den X-Men metaphorisch für etwas anderes stehen könnten. In ihrem Empowerment-Song Let it go öffnet sie nicht nur ihre zuvor streng geschnürte Frisur, sondern will ihr Anderssein nicht mehr verstecken - sie steht fortan zu ihren Kräften und entdeckt, wie viel Schönheit darin versteckt ist - ihr Eispalast glitzert zwar nicht in Regenbogen-Farben, aber die Message ist schon recht deutlich. Dass Elsas Kreationen Olaf und Marshmallow auch eher zur LGBT-community gehören (auch wenn alles super-nicht-sexuell bleibt), passt auch gut zu dieser Interpretation, die viele Kinozuschauer überforderte, und spätestens, als sich Frozen zu einem der wichtigsten Merchandise-Produkte des Disney-Konzerns entwickelte (heutzutage kennen vermutlich mehr sechsjährige Mädchen Anna und Elsa als Mickey und Donald), wollte man natürlich auch das Kapital schützen, das durch eine Kontroverse irgendwie leiden hätte können weltweit gibt es womöglich ein paar Eltern, die für solch ein role model noch nicht bereit sind oder waren.

In den nachfolgenden Kurzfilmen hat sich Elsa nicht wirklich weitererlebt, bei der Footage-Präsentation interpretierte ich aber die (weibliche) Sirenenstimme, die Elsa »Into the Unknown« entführt, als einen möglichen Ansatz, dem LGBT-Publikum einen »Knochen« hinzuwerfen - befürchtete aber, dass sich die Sirenenstimme nicht als möglicher love interest entwickeln würde.

Im kompletten Film erkannte ich Signale: etwa als Klein-Elsa und Klein-Anna spielen, Elsa barbiegroße Schneefiguren erschafft und ihre starke heterozentrische Schwester diese gleich mal wild knutschen lässt, worauf Elsa fast angewidert reagiert.

Marketingtechnisch wichtig gibt es nicht nur neue Figuren wie das Wasser-Pferd und die Feuer-Echse, sondern auch ein neues Kleid für Elsa, bei dem man tatsächlich einen subtilen Farbenreichtum wahrnehmen kann.

Die Eiskönigin II (Chris Buck, Jennifer Lee)

© 2019 Disney. All Rights Reserved.

Aber zurück zur Sirenenstimme: passend zu meiner Interpretation sagt Elsa über die lockende Frauenstimme »I feel that whatever is calling me is good«, aber im Gegensatz zu meiner Nach-dem-Film-Gesprächsgruppe habe ich nicht realisiert (bigger spoiler), dass es bereits deutliche Hinweise auf die Identität dieser Stimme gab: nämlich das Wiegenlied der Mutter. Und so bleibt Elsa im Kern asexuell, wo im ersten Film die sisterly love die homosexuellen Interpretationsansätze glattbügelte, kommuniziert hier quasi ihre Mutter mit Elsa, denn zumindest wird ihr unbewusst aus der Vergangenheit (mehrfach wird im Film erklärte, das Wasser als Element eine Erinnerung hat) suggeriert, die angesprochenen Familiengeheimnisse zu ergründen.

Wobei chronologisch eine Tendenz zur verstärkten Toleranz gepredigt wird: Zu Lebzeiten (also in Frozen) erlebte man das Königspaar, wie es Elsa dabei »half«, ihre unnatürlichen magischen Kräfte zu unterdrücken und zu verheimlichen. Mit sechs Jahren Verspätung scheint nun zumindest Elsas Mutter die Natur ihrer Tochter akzeptiert zu haben (so wird es zumindest vage impliziert). Die seltsame Schurkenfigur des Films liegt weiter zurück in der Vergangenheit und zeichnet sich durch Fremdenhass aus - und einer Phobie vor allem, was irgendwie nach Magie klingt (und in meiner Interpretation stehen ja Elsas Zauberkräfte als Metapher für ihre Sexualität). Somit gibt es zwar kein echtes Happy-End für Elsas Unterscheidung zur Norm, aber zumindest eine vage wahrnehmbare zunehmende Akzeptanz, womit aber ein LGTB-Publikum auch nur allenfalls vertröstet wird - aber immer noch besser als eine Kehrtwende, wie ich sie befürchtet habe.

Ein letztes hübsches Detail für die schwule Interpretation ist eines der vier Elemente, die für eine Zeitlang vor allem Olaf verfolgen (vielleicht versteht er das tatsächlich besser, wenn er älter ist). Feuer und Wasser haben klare Stellvertreter, bei der Erde ist es etwas obskurer, aber die earth giants stehen zumindest mit diesem Element in Beziehung. Die Luft bzw. ein Wind, der Olaf nachstellt, baut eine gewisse Beziehung zu Olaf auf und sorgt etwa dafür, dass der trotz schwuler Vorzeige-Synchronstimmen eher kindliche als sexuell ambivalente Schneemann die zentrale Szene aus The Seven-Year-Itch nachspielt: Auch ohne U-Bahn-Schacht lässt der Wind wie bei Marylin Monroe für einen Moment Olafs »Rock« hochwirbeln, was ja schon eine Spur sexueller und eindeutiger wirkt als das, was sonst so passiert. Jedenfalls beschwert sich Olaf nicht, sondert benennt seinen Windgeist sogar: gale ist ein englisches Wort für Sturm, wird aber in einer Fassung von The Wizard of Oz auch zum Nachnamen von Dorothy, bekanntlich gespielt von der späteren Schwulen-Ikone Judy Garland. Und man mag es mir verzeihen, aber für mich klingt der Anfang von gale auch wie ein anderes englisches Wort. Ein Schelm, wer Olaf hier irgendwelche Absicht oder Botschaft unterstellt.

Eine andere, sehr deutsche Interpretation

Wenn die Völker von Arendelle und Northhuldra im Flashback aufeinandertreffen, sieht alles zunächst sehr harmonisch aus, doch dann kommt es zu einem Konflikt und die Northuldraner (oder wie die sich schimpfen) und ein paar Arendeller sind für 34 Jahre in einem verwunschenen Wald gefangen. Paare wurden getrennt, im nebelverhangenen Wald konnte man nicht einmal den Himmel sehen, eine zentrale Freiheitsmetapher wurde einem ganzen Volk entzogen. Als vermeintliches Symbol der Völkerverständigung muss von unseren Helden erst durchdrungen werden, dass der Staudamm als Schutz vor einer immanenten Bedrohung eigentlich das ist, was die beiden Völker trennt. Ich würde zwar nicht so weit gehen, von einer friedlichen Revolution zu sprechen, aber nach dem Film konzentrierte sich der Inhalt des Films auf einen Satz, der so zu keinem Zeitpunkt im Film fällt, aber wunderbar in den November 2019 passt: »Der Staudamm muss weg! Der Staudamm muss weg!«

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Dass Elsa zum Filmende offenbar nach Northhuldra zieht, vereint meine beiden Interpretationsansätze sogar. Näher zur Natur, weiter weg von den Restriktionen zivilisatorischer Regeln eines Volkes, in dem fast alle Leute sich in leicht schmutzigen Blau- und Grüntönen kleiden.