Anzeige:
René Kemp: Dich gibt's nur dreimal für mich




18. September 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  The Kitchen - Queens of Crime (Andrea Berloff)


The Kitchen
Queens of Crime
(Andrea Berloff)

USA 2019, Originaltitel: The Kitchen, Buch: Andrea Berloff, Kamera: Maryse Alberti, Schnitt: Christopher Tellefsen, Musik: Bryce Dessner, Kostüme: Sarah Edwards, Production Design: Shane Valentino, mit Melissa McCarthy (Kathy Brennan), Tiffanny Haddish (Ruby O'Carroll), Elizabeth Moss (Claire Walsh), Domnhall Gleeson (Gabriel O'Malley), James Badge Dale (Kevin O'Carroll), Brian d'Arcy James (Jimmy Brennan), Margo Martindale (Helen O'Carroll), Jeremy Bobb (Rob Walsh), Bill Camp (Alfonso Coretti), Wayne Duvall (Kathy's Father Larry), Common (Gary Silvers), Annabella Sciorro (Maria Coretti), 102 Minuten, Kinostart: 19. September 2019

Zwischen der Filmversion und der Comic-Vorlage von The Kitchen gibt es viele Unterschiede. Positiv am Drehbuch von Regisseurin Andrea Berloff ist etwa, dass sie sich deutlich vom durch das Format geprägten Handlungstempo absetzt. The Kitchen erschien ursprünglich als »Maxi-Serie« aus acht Heften, entsprechend musste man das Publikum in Heft 1 und 2 jeweils »an den Haken bekommen«. Bei einem Film ist es ungeachtet der manchmal schon auf die Werbeunterbrechungen der Fernsehausstrahlung zugeschnittenen Struktur so, dass man sich für die Etablierung der Geschichte mehr Zeit nehmen kann.

So beginnt der Comic etwa mit einer Schlägerei vor einer Spelunke (»Casey's Pub«), auf Seite 2 kommt ein Polizeiauto dazu, auf Seite 3 befindet man sich bereits in einer Gerichtsverhandlung, in der drei Gangster verknackt werden, wodurch ihre Frauen in die Geschichte (und die Straßenkriminalität) hineingezogen werden.

The Kitchen (Ollie Masters, Ming Doyle)

© 2015 Oliver Masters & Rebecca Ming Doyle

Die Szene gibt es so im Film auch, aber man verlässt sich nicht auf später eingeschobene Flashbacks, sondern lässt sich Zeit, die Figuren einzuführen. Es fällt dabei zwar negativ auf, wie man jeweils die unterschiedliche Ehe-Situation der drei Frauen wie den Aufbau eines Experiments ausbreitet, aber die Frauen haben hier von Anfang an ein Profil, wirken nicht einfach wie Phänotypen der Haarfarben blond, brünett und rothaarig, jeweils im selben Alter und mit ähnlicher Physiognomie.

Im Film gibt es auch keine Schwestern, was besonders durch die - wir brauchen Diversität! - schwarze Frau deutlich wird, die nun übrigens nicht mehr Raven heißt, sondern Ruby (dargestellt von Tiffany Haddish). Melissa McCarthy spielt jetzt die deutlicher als Mutter betonte Kathy, Elisabeth Moss ist im Film die deutlich zögerlichere, wegen eines Schlägers als Gatten zunächst traumatisierte Claire (im Comic heißt sie Angie). Die im Film übrigens nicht nur über ihre roten Haare mit einem deutlicheren irischen Hintergrund versehen wird.

The Kitchen - Queens of Crime (Andrea Berloff)

Foto: Alison Cohen Rosa © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

Eine deutliche Veränderung betrifft auch den im Film von Domnhall Gleeson gespielten Gabriel, der seinem Engelsnamen gerecht wird, wenn er wie ein deus ex machina plötzlich als Retter auftaucht. Im Comic heißt die Figur Tommy und wird eingeführt wie ein durchgedrehter Psychopath. Im Film ist er auch nicht unbedingt jemand, mit dem man unnötig viel Kontakt haben will, bei all seinem mörderischen Talent, mit dem er den drei Mädels lange Zeit den Rücken stärkt, wird er aber deutlich positiver dargestellt.

The Kitchen - Queens of Crime (Andrea Berloff)

Foto: Alison Cohen Rosa © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

Die von Margo Martindale dargestellte Schwiegermutter von Ruby ist eine komplette Neuerfindung für den Film, und die dramatischen Entwicklungen zum Ende der Geschichte finden im Film eine gänzlich andere Auflösung, die so diametral verläuft, dass es mir schwer fällt zu entscheiden, welches Ende mir besser gefällt. Klingt wie ein feiger Kompromiss, aber ich würde sagen, die Kombination der beiden Varianten finde ich am befriedigendsten.

The Kitchen (Ollie Masters, Ming Doyle)

© 2015 Oliver Masters & Rebecca Ming Doyle

Ich muss zugeben, dass mich beide Werke nicht voll überzeugen. Aber auf unterschiedliche Art. Bei Comics komme ich eher klar mit der ganzen Gewalt. Es gibt zwar auch Filme, die auf dem selben Level ablaufen, aber davon ist das Regiedebüt von Andrea Berloff eine Ecke entfernt. Man spürt immer wieder einen feministischen undercurrent, aber die bloßen Behauptungen, dass die Bewohner von Hell's Kitchen unter dem »Schutz« (à la Schutzgeld) der Damen ein besseres Leben führen können, wirkt wie ein schlechter Witz.

Im Comic druckst man nicht um die Gewalt herum, die drei Frauen sind zwar auch hier unterschiedlich geeignet für Gewalt, Mord und rücksichtslose Karrierebestrebungen, aber man versucht nie, sie wie role models darzustellen. Es geht eigentlich nur darum, dass Frauen als rabiate Gangster entgegen alter Geschlechterklischees durchaus mal mitmischen können.

The Kitchen - Queens of Crime (Andrea Berloff)

Foto: Alison Cohen Rosa © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

Eine große Unterscheidung zwischen Comic und Film betrifft die Schauwerte. Im Film geht es um SchauspielerInnen, Kostüme, Production Design und das möglichst authentische Feeling der 1970er. In einer Szene wird eine vierspurige Straße überquert, die vollgestopft ist mit Autos aus dieser Zeit. Und auch die beiden Häuserfronten wirken wie teure Kulissen oder irgendein gewiefter Computereffekt, den ich irgendwie nicht durchschaut habe. Im Comic indes ist der durchweg »dreckige«, manchmal hingeschludert wirkende Stil von Ming Doyle die Antithese dazu, wie man an einer beispielhaften Straßenszene absehen kann.

The Kitchen (Ollie Masters, Ming Doyle)

© 2015 Oliver Masters & Rebecca Ming Doyle

Eine ergänzte Szene, die der technologischen Veränderung des letzten Jahrzehnts entspricht, ist die Supermarktszene, wo die beiden sich in räumlicher Nähe zueinander befinden, dies aber nicht realisieren. Und ein mögliches gegenseitiges (nicht-biblisches) »Erkennen« tatsächlich mal so was wie Spannung aufbaut (laut Presseheft besteht diese Spannung den ganzen Film lang, was ich aber gänzlich anders erlebt habe).

Der Comic von Ollie Masters (Killer Groove) und Ming Doyle (interessanterweise in den Copyrighthinweisen Rebecca Ming Doyle) erscheint übrigens passend zum Filmstart auch in einer deutschsprachigen Version bei Panini.