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28. August 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Late Night (Nisha Ganatra)


Late Night
- Die Show
ihres Lebens
(Nisha Ganatra)

USA 2019, Originaltitel: Late Night, Buch: Mindy Kaling, Kamera: Matthew Clarke, Schnitt: Eleanor Infante, David Rogers, Musik: Leslie Barber, mit Mindy Kaling (Molly Patel), Emma Thompson (Katherine Newbury), John Lithgow (Walter Lovell), Reid Scott (Tom Campbell), Hugh Dancy (Charlie Fain), Amy Ryan (Caroline Morton), Denis O'Hare (Brad), Max Casella (Burditt), John Early (Reynolds), Paul Walter Hauser (Mancuso), Ike Barinholtz (Daniel Tennant), 102 Min., Kinostart: 29. August 2019

Late Night ist eine Variation von The Devil wears Prada: junge Frau bekommt die Chance, in ihrem Traumjob zu reüssieren, muss sich dafür aber von der gefühlskalten Chefin einiges Gefallen lassen. Nach und nach lernen die beiden sich besser kennen und stellen fest, dass sie beide Menschen sind. Inzwischen bessere.

Wichtiger als die eigentliche Geschichte scheint hier aber diejenige hinter den Kulissen. Die aufstrebende Komikerin Mindy Kaling hat selbst das Drehbuch verfasst, das sie hier an der Seite von Emma Thompson (einst eine junge Darstellerin, die ihren größten Karrieren-Erfolg durch ein Drehbuch erreichte) auch als Darstellerin umsetzen darf.

Late Night (Nisha Ganatra)

© 2019 eOne Germany

Late Night könnte storymäßig und dramaturgisch kaum konventioneller und »professioneller« ausgefallen sein. Hat man so oder ähnlich schon diverse Male gesehen. Aber: der Film ist hochsympathisch und vertritt nebenbei einige politische Standpunkte, die sich vor allem um Frauenrechte und Diversität drehen.

Die eigentliche Handlung birgt keine wirklichen Überraschungen. Wenn es sich bei der Handlung des Films um die Bahnstrecke von Bremen nach Hannover handeln würde, wüsste man genau, welche Stationen man durchfahren würde... aber es gäbe zwischendurch unerwartete Stadtrundfahrten und der Zug würde ab und zu einen Umweg über ein fast vergessenes Nebengleis nehmen. Und diese kleinen Umwege erhöhen das Vergnügen.

Late Night (Nisha Ganatra)

© 2019 eOne Germany

Zwar gibt es die gerade bei weiblichen Figuren fast unumgänglichen romantischen Verwirrungen, aber sie verlaufen hier, zumindest was Mindy Kaling angeht, nicht dem üblichen Schema nach (und die beiden Storys fallen positiv unterschiedlich aus). Was mich an dem Film interessiert hat, waren eh ganz andere Aspekte.

Mindy Kaling war einst selbst die Außenseiterin im writer's room der US-Version von The Office. Nicht nur weiblich, sondern auch noch non-white. Daraus fiktivisiert sie ihre Geschichte, und man durchläuft - etwas dramatisiert - Punkte ihrer Karriere. Storymäßig wird das recht geschickt mit der ins Stocken gekommenen Karriere der Late-Night-Ikone Katherine Newbury (Emma Thompson) kombiniert. Die zieht seit zwei bis drei Jahrzehnten ihr bewährtes Programm durch und bemerkt dabei nicht, dass sie ihr Publikum verliert, weil sie keine Spätgeborenen an sich binden kann. Als ihr ihre Chefin (hübsch gemein: Amy Ryan, eine der unterschätztesten Schauspielerinnen weit und breit) eröffnet, dass sie nach der aktuellen Staffel ersetzt werden wird, wird sie plötzlich panikartig aktiv. Eine ihrer Aktionen: Wegen Anfeindungen will sie möglichst schnell eine Autorin engagieren (bisher war der writer's room komplett männlich kaukasisch), was für Molly (Mindy) zur großen Chance wird.

Late Night (Nisha Ganatra)

© 2019 eOne Germany

Den writer's room als Phänomen kenne ich vor allem aus einigen Konferenzen beim ComicCon und den Audiokommentaren bei den Simpsons (beides Bonusmaterial auf DVD-Sets). Und natürlich aus 30 Rock. Gerade letzteres scheint auch die Filmemacher inspiriert zu haben. Trotz einiger etablierter Darsteller (Hugh Dancy, Max Casella) funktionierte diese Gruppe für mich aber nur sehr eingeschränkt. Ich bin mir aber nicht mal genau sicher, ob dies ein konkretes Manko des Films ist, oder ob dies nur der Herangehensweise kongenial entspricht. Denn die Autoren stammen alle aus der selben Bevölkerungsgruppe, Chefin Katherine, die plötzlich wieder bei den Konferenzen teilnimmt, weigert sich strikt, sich die Namen ihrer Untergebenen zu merken (sie numeriert sie einfach durch), und es unterstützt den Handlungsaspekt, wenn wir als Zuschauer ganz wie Neuzugang Molly erst langsam deren Kollegen kennenlernen.

Vielleicht liegt es an meinen Notizen während der Sichtung, aber im Mittelteil des Films kann ich mich an viele pointierte Dialogzitate erinnern (»I wish I was a woman of color, so I could get any job without any qualification«, »I'm a 56- year old British woman who hasn't given birth and never seen a superhero movie«), aber kaum an Handlungsverläufe, auf denen sie aufbauen. Zwar erkennt man oft die politische Agenda (»I am a woman in my fifties in Hollywood. Tom Cruise fights The Mummy - I am the mummy!«), aber die Handlung an sich bleibt irgendwie - for lack of a better word - mäandernd. Doch auch dies schnell negativ auslegbare Adjektiv zeugt auch von einer gewissen Authentizität. Ich habe keine konkrete Einblicke in die Produktionsverläufe von Late-Night-Fernsehformaten, aber so gallertartig eingefahren stelle ich mir das durchaus vor. Da erfindet man nicht mal eben von heute auf morgen diverse tolle Ideen, sondern man muss alles ausprobieren, fliegt hier und da auch mal auf die Schnauze und erst langsam entstehen Veränderungen, die dann auch erstmal vom Publikum wahrgenommen werden müssen.

Late Night (Nisha Ganatra)

© 2019 eOne Germany

So durchlebt Katherine einen viralen Shitstorm, outet sich als nicht sehr social-media-affin (»half a million hashtags or whatever they're called«) und wird dann gezwungen, auch mal etwas auszuprobieren oder spontan die korrekte Reaktion abzuliefern.

Mindy kämpft inzwischen an allen Fronten, schafft es aber irgendwann (Spoiler-Alert!), sich zu beweisen. Jetzt der wirkliche Spoiler-Alert, weil ich konkret über das Ende spreche. Es gelingt ihr dann, die konservativen Schablonen auf größerer Ebene zu durchbrechen und plötzlich sind Diversität und Gleichberechtigung erkennbare Grundfesten innerhalb der Redaktion. Über die Qualifizierungen der Neuangestellten erfährt man natürlich trotzdem nichts, und besonders perfide fand ich, dass man bei dieser verwirklichten Utopie, die durch lange Kamerafahrten durch die Büros visualisiert werden, ein bisschen unterschlägt, dass das im gleichen Atemzug auch bedeuten muss, dass einige der im Verlauf des Films vielleicht liebgewonnenen Autoren nun implizit entlassen wurden. Aber da ich - wie gesagt - nicht wirklich die Grundbesetzung des writer's room fehlerfrei unterscheiden konnte, kann es auch sein, dass alle irgendwo mal im Hintergrund zu sehen sind. Da bräuchte man dann zuhause ein Speichermedium, das man zwischendurch einfrieren kann, um dies genau zu untersuchen.

Late Night ist ganz gelungene Unterhaltung, die für meinen Geschmack etwas zu politisch korrekt bestimmten Hashtags (oder wie das heißt) hinterhereifert, aber einen gewissen suspekten Nachgeschmack hinterlässt. Aber immer noch um Klassen besser als vergleichbare Filmchen vor zehn Jahren, wo es dann bei aller weiblichen Selbstverwirklichung im Endeffekt doch nur darum geht, dass man (angeblich »nebenbei«...) ein gutbetuchtes Unterwäschemodel zum Heiraten findet.