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8. Mai 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ray & Liz (Richard Billingham)


Ray & Liz
(Richard Billingham)

UK 2018, Buch: Richard Billingham, Kamera: Daniel Landin, Schnitt: Tracy Granger, Production Design: Beck Rainford, mit Ella Smith (Liz), Justin Salinger (Ray), Patrick Romer (Older Ray), Tony Way (Lawrence), Deirdre Kelly (Older Liz), Sam Plant (Teenage Richard), Jacob Tuton (Richard, 10), Sam Gittins (William), Joshua Millard-Joy (Jason, 10), Richard Ashton (Sid), Callum Slater (Jason, 2), 108 Min., Kinostart: 9. Mai 2019

Richard Billingham ist ein mit Preisen ausgezeichneter Fotokünstler, der nach einigen Ausflügen in Kurzdokus und andere Kurzfilme nun sein Spielfilmdebüt präsentiert. Wenn man den Film Ray & Liz ohne Vorwissen sieht, drängt sich einem dieses nicht unbedingt auf, aber die Geschichte ist stark autobiographisch geprägt und die Eltern des Regisseurs spielten schon in seinen früheren Filmen mit Titel wie Ray in Bed, Liz Smoking oder Ray offensichtlich eine Rolle. Letztgenannter Film Ray wurde sogar zum aktuellen Werk »ausgeweitet«.

Richard Billingham (man muss schon aufmerksam sein, um mitzubekommen, dass eine der Filmfiguren auch so heißt) wuchs in einem Vorort von Birmingham auf, und die Probleme seiner Familie, wie sie im Film aufbereitet sind, könnte man als »Sozialporno« umschreiben. Kitchen Sink ist eine weitere Umschreibung dieses seltsamen Genres, dass man am ehesten mit dem Frühwerk von Ken Loach in Zusammenhang bringt, wobei beispielsweise auch Andreas Dresens Halbe Treppe in diese Richtung geht. Der Alltag finanziell benachteiligter Personen wird mit einer realistischen und schockierenden Detailfreude geschildert. Ray etwa, den man durch mehrere Zeitebenen des Films verfolgt, ist zu Beginn des Films ein hoffnungsloser alter Alkoholiker, der selten sein Bett verlässt, sich von einem Bekannten für sein Sozialgeld regelmäßig Alkohol bringen lässt, und das Spannendste, was in seinem Leben noch so passiert, sind Blicke aus dem Fenster - und einer eigentümlichen Abart von Stubenfliegen beim ähnlich hoffnungslosen Lebenskreislauf zuzuschauen.

Ray & Liz (Richard Billingham)

© Rob Baker Ashton

Durch phänomenales Casting sieht man später einen jüngeren Ray mit seiner Frau Liz und zwei jungen Söhnen - und allein am trostlosen Abblättern der Tapeten (und ähnlichen Details) kann man den Niedergang der Familie nachvollziehen. (Das fast quadratische Bildformat und die Körnung trägt natürlich zum Eindruck der Verschlissenheit und dem klaustrophobischen Grundgefühl bei.)

Eine KollegInnen fanden den Film niederschmetternd, ich habe mich durchaus auch an dem sehr schwarzen Humor delektiert. Ein Vergleichsfilm wäre Adam and Paul, ein früher Film des großartigen Lenny Abrahamson (Room, What Richard did), in dem er den ebenfalls trostlosen Alltag zweier Junkies dadurch erträglich macht, dass diese sich auf subtile Art und Weise wie Stan Laurel und Oliver Hardy verhalten. In Ray & Liz entsteht der Humor durch »Streiche«, die sich einige der Familienmitglieder gegenseitig spielen. Einem Schlafenden Paprika oder Cayennepfeffer in den Mund zu löffeln, ist da noch vergleichsweise harmlos, der Älteste der Söhne von Ray & Liz (es scheinen drei zu sein) scheut auch nicht davor zurück, seinen geistig zurückgebliebenen Onkel Lawrence (Darsteller Tony Way ist großartig) mit Alkohol abzufüllen, um gewisse Grundspannungen in der Familie zum Eskalieren zu bringen.

Ray & Liz (Richard Billingham)

© Rob Baker Ashton

Hierbei ist der Humor von Ray & Liz aber von der Art, die einem auch schnell mal (wie eine Handvoll scharfer Gewürze) im Hals stecken bleiben kann. Oft genug ist die minimalistische Handlung so angelegt, dass man mit einem Todesfall fast schon rechnet. Das unbeaufsichtigte Kind am Fenster im soundsovielten Stock, die rasend wütende Liz, die auf den bewusstlosen Schwager einschlägt und tritt, das Messer als »Spielzeug« - oder ein Junge, der des Nachts den Weg nach Hause nicht findet und sich bei klirrender Kälte in ein Gartenhäuschen legt.

Fast noch erschreckender als das Elend und der Alkoholismus ist die Unbedarftheit der Kinder (darunter, wie bereits angedeutet, auch der spätere Regisseur), die sich mit der Situation abfinden und bereits aus Kleinigkeiten - weil sie es nicht anders kennen - die Höhepunkte ihres Wohlbefindens konstruieren. Etwa ein gemeinsamer Fernsehabend mit dem keineswegs altersgemäßen (und leider so schlechten wie verstörenden) Children of the Corn oder ein selbst zusammengestelltes Mahl auf dem untersten Armutslevel (ich werde es nicht beschreiben, man muss es gesehen haben - und dabei die keinesfalls in Frage gestellte ... wie heißt das Wort, wenn man Genugtuung eins zu eine Million mit abgestandenem Wasser verdünnt?).

Ray & Liz (Richard Billingham)

© Rob Baker Ashton

Ein Gedanke, den ich noch einbringen wollte, und der in einen Absatz gehüllt, nirgendwo so recht passen wollte: Billinghams Debütfilm hatte den Titel Fishtank, was nicht nur zu abgestandenem Wasser und dem kitchen sink passt, sondern auch Andrea Arnolds (später entstandenen) ähnliche Familienabgründe beschreibenden Fish Tank evoziert. Was Fish Tank und Ray & Liz verbindet: Man erlebt menschliche Abgründe, bei denen man im »normalen« Leben lieber auf Abstand bleibt, aber man wird durch das Kino auch in die Lage versetzt, sich bis zu einem gewissen Punkt, in diese Menschen hineinzuversetzen. Was ließ sie so tief fallen, wie ist es ihnen möglich, trotz allem dem Elend auch positive Aspekte abzugewinnen.

Es ist natürlich schwer, Kinozuschauer dazu zu bewegen, für diese absolute Antithese des Eskapismus ihre etwa acht Euro abzudrücken (dafür bekommt man schon eine billige Flasche Schnaps), aber wer sich für Filmkunst oder alle Aspekte des Lebens interessiert, kann hier ein kleines Juwel entdecken. Es lohnt sich übrigens auch, während des Films auf Tiere und Pflanzen zu achten. Thematisch tragen diese sehr zum Subtext bei.