Anzeige:
Die Box




Februar 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Adam and Paul
Irland 2004
Regie:
Lenny Abrahamson

Buch:
Mark O‘Halloran

Kamera:
James Mather

Schnitt:
Isobel Stephenson

Musik:
Stephen Rennicks

Darsteller:
Mark O‘Halloran (Adam), Tom Murphy (Paul), Louise Lewis (Janine), Ion Caramitru (Bulgare), Gary Egan (Georgie), Deirdre Molloy (Marian), Mary Murray (Orla), Paul Roe (Wayne), Gerry Moore (Clank), Anthony Morris (Zippy), Dylan Grimes (Georgie jr.), Joe Hanley (Noelie), Anita Reeves (Matthew‘s Ma), Joe Quigley (Pub Singer)

85 Min.
berlinale

Adam and Paul

Im Morgengrauen sehen wir Detailaufnahmen von Grasbüscheln, auf einem Feld irgendwo im Niemansland liegt eine Matratze, auf der Adam und Paul erwachen. Sie haben keinen Schimmer, wie sie hier hingekommen sind, zu allem Übel scheint Adam auch noch mit Leim an der Matratze festgeklebt zu sein …

Auf der Suche nach einer geschnorrten Zigarette, einer Dose Bier oder (top priority) dem nächsten Schuß tapern sie zu melancholischen Klängen durchs herbstliche (aber arschkalte) Dublin, und wenn sie von Tür zu Tür gehen wie zwei Handelsreisende, Adam öfters darauf besteht, die Gespräche bezüglich ihres Big Business zu führen (man erwartet fast, daß er auch den Klingelknopf betätigen will …), und sie - Tit for Tat - von einer Patsche in die nächste geraten, erinnern sie nicht wenig an Stan Laurel und Oliver Hardy, an die sogar Dialogzeilen wie "We‘re having loads of wheather at the minute, haven‘t we?" (frei nach Way Out West) gemahnen.

Filmszene

Der etwas weinerliche, sich dauernd entschuldigende, ziemlich naive Paul (Tom Murphy) sieht ein wenig wie eine Mischung aus Giovanni Ribisi und Rowan Atkinson aus, wenn er nicht durch seinen erbärmlichen Zustand an den von Dustin Hoffman gespielten Ratso Rizzo in Midnight Cowboy erinnern würde. Der etwas selbstbewußtere Adam (Mark O‘Halloran) erinnert körperlich keineswegs an Oliver Hardy, sondern eher an einen bärbeißigen Christopher Eccleston, mit dem nicht unbedingt immer gut Kirschen essen ist. Und auch, wenn die beiden zumeist harmlos erscheinen und mehr Schaden annehmen als sie verursachen, zeigt sich schon schnell, daß sie im Gegensatz zu ihren ähnlich abgebrannten Slapstick-Vorvätern keinerlei Skrupel besitzen - trotz allen comic relief gibt es für sie (und den Zuschauer) erst Erleichterung, wenn sie auf kriminellem Wege ihr "Hobby" finanziert haben. Ein geistig Behinderter, der auf seinen Bus wartet, ist ihnen als potentielles Opfer ebenso lieb wie eine alte Freundin aus besseren Zeiten, die nun "clean" und alleinerziehende Mutter ist - und einen verführerischen neuen Fernseher in der Wohnung stehen hat …

Filmszene

Auf eben diesem Fernseher sehen wir auch einige Szenen aus einem skurrilen Zeichentrickfilm, der ein mir unbekanntes, minimalistisch animiertes seltsames Paar immerwährend auf der Flucht zeigt, bis sie in eine Schlucht abstürzen, in der auch Chuck Jones‘ Wile E. Coyote unten aufditschen könnte. Und genau wie Adam und Paul raffen sich die beiden sofort wieder auf und durchleben ihr ewiges Martyrium, bei dem wir Adam und Paul konsequent filmisch nur von Morgengrauen bis Morgengrauen begleiten.

Es wurde bereits verschiedentlich angedeutet, daß einem bei dieser zeitgenössisch semi-realistischen Fassung klassischer Slapstick-Versatzstücke oft auch das Lachen im Halse stecken bleiben kann, wie man aus aus ähnlichen britischen Komödien wie Trainspotting oder London kills me kennt. Im Hintergrund erkennt man die ganze Tragweite der Tragik eines derart verschenkten Lebens, und wenn sie sich auf einer Bank mit einem Bulgaren unterhalten, der "Sofia verlassen musste", ahnt man schnell, daß die Gegenfrage "War sie schwanger?" nicht nur für einen kleinen Gag eingebaut wurde. Zwar gibt es hier keinen traumatischen Kindstod wie in Trainspotting, aber bis zur letzten Einstellung zeigt sich, daß diese Kindsköpfe, die Nachfahren der Blockheads L&H, auch genauso egoistisch und niederträchtig wie Kinder sein können, wenn es um ihr precioussss weißes Pulver geht …