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3. März 2019
Thomas Vorwerk
für satt.org


  The Hate U Give (George Tillman jr.)


The Hate U Give
(George Tillman jr.)

USA 2018, Buch: Audrey Wells, Lit. Vorlage: Angie Thomas, Kamera: Mihai Malaimare jr., Schnitt: Alex Blatt, Craig Hayes, Musik: Dustin O'Halloran, mit Amandla Stenberg (Starr Carter), Algee Smith (Khalil), Regina Hall (Lisa Carter), Issa Rae (April Ofrah), Russell Hornsby (Maverick »Mav« Carter), Lamar Johnson (Seven Carter), Anthony Mackie (King), Common (Carlos), Megan Lawless (Maya), Sabrina Carpenter (Hailey), T.J. Wright (Sekani), Kay Turé (Young Starr), 133 Min., Kinostart: 28. Februar 2019

Ich mag Teeniefilme, ich mag das Thema dieses Films - aber irgendwie fühle ich mich bei der Sichtung gegen den Strich gebürstet. Die Verfilmung einer preisgekrönten Buchvorlage sticht nicht durch offensichtliche Fehler hervor, sondern vergrätzt mich eher durch Nuancen.

Es geht um die 16jährige Starr (Amandla Stenberg), die aus dem schwarzen Problembezirk Garden Heights stammt (ich mag mich irren, aber der konkrete Spielort des Films wirkt eher fiktiv) und deren Vater einst die rechte Hand des lokalen Gangsterbosses war, dann aber irgendwie den Absprung schaffte und seiner Familie eine Zukunft bieten wollte (»I'm gonna break the cycle for my kids!«). Das spiegelt sich auch in der Benennung seiner Kinder (was umständlich erklärt wird) und deren Erziehung, in der Kernpunkte der Black Panther eine wichtige Rolle spielen.

The Hate U Give (George Tillman jr.)

© 2018 Twentieth Century Fox

Gleichzeitig geht Starr aber auf eine teure Privatschule, wo sie als Schwarze einen Außenseiterstatus besitzt, sich aber mit superweißen BFFs und einem weißen Boyfriend zwischen zwei Welten situiert. Auch diese Problematik wird sowohl erklärt (»Garden Heights is one world, Williamson is another. Slang makes them cool, it makes me ghetto!«) als auch über ein inszenatorisches Prinzip umgesetzt: die Welt der Weißen ist in einem kühlen Polizeiblau gehalten, die Welt der Schwarzen besticht durch lichtdurchflutete, freundliche, warme Brauntöne. Leider sind dies die bevorzugten Stilmittel von Peter Andrews (auch bekannt unter dem Namen Steven Soderbergh), dem meines Erachtens nervendsten und überschätztesten Kameramann weit und breit (der setzt dies in Filmen wie Traffic vor allem ein, um seine Filme "narrativ zu sortieren").

Nun kann man The Hate U Give nicht direkt vorwerfen, dieses stilistische Element für eine »Schwarzweiß«-Zeichnung zu nutzen, in der alle Schwarzen vorbildlich agieren, während es nur die Weißen sind, die mit Vorurteilen behaftet sind und sich menschenverachtend verhalten. Jede gesellschaftliche Gruppe fällt durch unterschiedlich ausgeprägte Individuen auf. Letztlich sind die einzelnen Protagonisten für sich aber dennoch stark klischeebelastet. Davon ausgenommen scheinen nur Starr, die den dramaturgischen Bogen des Films durch ihre Charakterentwicklung trägt, und ihr Freund aus Kindestagen Khalil (Algee Smith), der zwar durchweg positiv gezeichnet ist und sich auch in seiner charakterlichen Zurückhaltung trotz erotischem Knistern über den allzu bedrängenden weißen Boyfriend hinaushebt, dessen Nebenverdienst als Drogendealer aber nicht unnötig verharmlost wird, sondern der Figur fast eine rauhe Kante gibt, die nicht gänzlich uninteressant ist.

The Hate U Give (George Tillman jr.)

© 2018 Twentieth Century Fox

Die Annäherung an Khalil ist auch in der ersten Hälfte des Films das interessanteste Element, ungeachtet davon, dass vieles wie Teenage-Lovestory nach Rezept wirkt. Doch was mich dann besonders genervt hat, ist der erzählerische Bogen des Films, der für mich bereits in dem Moment vorprogrammiert wirkte, als Khalil und Starr sich gemeinsam in ein Auto setzen und sich von der Jugendparty entfernen, bei der sie sich nach längerer Funkstille wiedergetroffen haben. Ab da wirkt der Film für vielleicht fünf bis zehn Minuten wie eine Geschichte, die ich schon viel zu oft, genau so erzählt bekommen habe. Zwar läuft das nicht unbedingt schlechter als in anderen Fällen ab, aber es gelang mir in der Bewertung des Films nicht, darüber gönnerhaft hinwegzusehen.

Zugegeben, diese Geschichte ist ein Kernpunkt der immer wieder geführten Diskussion über den schwelenden Rassismus in den USA, und vermutlich gibt es kontinuierlich neue Generationen, die man an dieses Thema heranführen muss, aber für mich fehlte hier einfach ein wie auch immer gestaltetes innovatives Element. Mancher Zuschauer mag es sogar als einen gewissen Thrill oder Suspense bewerten, wenn man ohne Möglichkeit, den Ausgang zu beeinflussen, Zeuge einer missverständlichen Tragik wird, derer sich alle Beteiligten auch noch zu unterschiedlichem Grad bewusst sind, aus deren Teufelskreis sie aber nicht ausbrechen können - für mich war das aber einfach der gefühlt dutzendste Rehash einer Entwicklung, deren filmische Vorläufer wie Do the Right Thing hier auch noch erzählerisch einen tip-of-the-hat bekommen.

The Hate U Give (George Tillman jr.)

© 2018 Twentieth Century Fox

Die eigentliche Geschichte des Films bekommt danach zwar eine nuancierte neue Richtung, die durchaus interessant gestaltet war, doch ich hatte mich innerlich bereits aus dem Film verabschiedet und achtete eher auf Details, die mir absurd erschienen, wie etwa die Topographie des Ortes und das nicht überzeugende Verschwinden des Tageslichtes, wenn ein friedlicher Protest in einen bürgerkriegsähnlichen Konflikt umzuschlagen droht, man aber bei der Umsetzung der notwendigen Bilder kaum Zwischentöne einsetzt, analog zur zuvor etablierten Weltentrennung.

Auch die Hintergrundgeschichte des Filmtitels, die bei ersten Mal noch ganz ansprechend wirkt, dann aber so kaputterzählt wird, damit sie auch noch der hinterletzte versteht, hat mich nicht für den Film eingenommen, der durchaus positive Ansätze hat, aber irgendwie auf mich wirkt wie eine vorgelesene Geschichte, in der mir die Vorleserin nebenbei noch drei bis vier Buchstaben erklären will. Für ein ganz bestimmtes Zielpublikum mag das funktionieren, aber The Hate U Give hat durchaus das Potential, ein großes Publikum zu erreichen. Und hierbei wird so einiges an Möglichkeiten verschwenderisch in den Sand gesetzt.

The Hate U Give (George Tillman jr.)

© 2018 Twentieth Century Fox

Normalerweise kann ich mich ja selbst noch an einem dergestalten Scheitern ergötzen, aber dieser Film hat mich einfach komplett auf dem falschen Fuß erwischt - und schaffte es dadurch, dass ich mich viel zu oft ärgerte und mich viel zu selten positiv über seine Entscheidungen ergriffen fühlte.

Ich befürchte, dass der Vergleich ein wenig hinkt, aber ähnlich reagierte ich auch auf Love, Simon, jenen angeblich filmhistorisch bahnbrechenden Teeniefilm, der auf mich wirkte, als wäre er vielleicht zwanzig Jahre früher von einer gewissen Relevanz gewesen, während er heute nur noch wie das in Teilen gut geschliffene re-telling einer zu oft gehörten Geschichte wirkte.

Oder anders gesagt: wenn man schon Eis am Stiel und Porky's vor Jahren (eher Jahrzehnten) sah, erreicht einen American Pie nicht mehr auf die gleiche Weise. Aber den neu Heranwachsenden sei die Nacherzählung im geringfügig veränderten Gewand gegönnt.