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Die Box




April 2001
Thomas Vorwerk
für satt.org
Traffic
Dt. Titel:
Traffic - Macht des Kartells
USA 2000

Traffic

Regie:
Steven Soderbergh

Buch:
Stephen Gaghan

Vorlage:
Simon Moore (TV-Serie "Traffic")

Kamera:
Peter Andrews

Schnitt:
Stephen Mirrione

Darsteller:
Benicio del Toro, Michael Douglas, Don Cheadle, Luis Guzman, Catherine Zeta-Jones, Erika Christensen, Miguel Ferrer, Tomas Milian, Dennis Quaid, Albert Finney, Amy Irving, James Brolin, Steven Bauer



Traffic

MEDIUM SPOILER ALERT
In dieser Rezension werden diverse Handlungsstränge, die etwa die erste Hälfte des Films betreffen, nacherzählt. Wer lieber selbst rauskriegen will, was in diesem Film passiert, wird gebeten, nur den letzten Teil dieser Rezi zu lesen.


"Traffic" erinnert mich an mancherlei Hinsicht an "Magnolia", am offensichtlichsten, weil auch hier bereits vor Besuch des Films die Erwartungen auf ein bahnbrechendes Filmkunstwerk geschürt worden, die wohl so gut wie nie erfüllt werden können. Außerdem hat der Film auch eine recht ähnliche Episodenstruktur. Zwar dreht sich fast alles um Drogen, den Schaden, den sie anrichten, Drogenschmuggler und deren Bekämpfung, und die Protagonisten laufen sich schon mal über den Weg (Für mein Empfinden waren die Übergänge von einem Subplot zum nächsten dadurch, daß die Kamera einfach einer Person folgt, die dann die Wege einer anderen kreuzt spätestens beim dritten Mal nicht mehr so interessant), aber die Tatsache, daß etwa die schauspielernden Eheleute Michael und Catherine keine einzige gemeinsame Szene haben, ist mitnichten ein Einzelfall bei diesem sehr gut besetzten Film.

Douglas spielt etwa einen Richter, der groß in die drogenbekämpfende Politik einsteigt, dabei aber feststellen muß, daß er nicht einmal seine eigene Tochter davon abhalten kann, nicht eben unbedenkliche Mengen von Drogen zu konsumieren. Die von Erika Christensen dargestellte Tochter Caroline ist auch eine der Personen, deren Schicksal einen wirklich bewegen, und wenn sie etwa von ihrem Vater auf dem Klo mit eindeutigen Substanzen erwischt wird oder ihn sehr viel später völlig unvorhersehbar beim Erwachen erblickt, dann ist gerade ihre Naivität, ihre Kindhaftigkeit, das verletzliche Lächeln, wenn sie "Daddy" sagt, etwas, was ihren Abstieg nur noch erschreckender macht.

Eine weitere sehr gelungene Episode ist die um zwei Cops (Don Cheadle und Luis Guzman, der hier mal wieder beweisen kann, daß er Talent für mehr als nur stereotype Nebenrollen besitzt), die keinen Hehl darum machen, daß der Kronzeuge (Miguel Ferrer, bekannt aus "Twin Peaks"), den sie bewachen sollen, ihnen nicht besonders sympathisch ist.

Aussagen soll jener Kronzeuge gegen einen großen Drogengangster, von dessen Geschäften selbst seine Ehefrau (Catherine Zeta-Jones) völlig unwissend war. Plötzlich ist sie nicht mehr die wohlhabende Vorzeigefrau auf sämtlichen High-Society-Partys, sondern eine alleinerziehende Mutter, die überall geschnitten wird, und der mit drastischen Maßnahmen gedroht wird, falls sie nicht drei Millionen Dollar Schulden, die ihr Gatte noch offenstehend hat, umgehend begleicht. Bei diesem Problem kann ihr auch der Anwalt (Dennis Quaid, hier leider völlig überflüssig) ihres Gatten wenig helfen, so sehr er ihr auch beistehen möchte.

Oscar-Gewinner Benicio Del Toro spielt unterdessen den mexikanischen Polizisten Javier Rodriguez Rodriguez, der sich aus unterschiedlichen Gründen in den Dienst von General Salazar (dargestellt von Tomas Milian, der vielleicht dieser schon damals nicht besonders bekannte italienische B-Movie-Actionstar Ende der Siebziger ist, aber ich kann mich nicht im geringsten an sein Gesicht erinnern) stellt, und dann später sehr zwischen seiner Gesetzesgläubigkeit, der Loyalität zu seinem Partner und dem Wunsch, zu überleben, und dabei vielleicht auch noch sein Einkommen zu verbessern, hin und her gerissen wird.

END OF SPOILER ALERT

Zwei dieser Geschichten greifen etwas mehr ineinander über, aber mich persönlich stört vor allem, daß der Film zu sehr hin- und herspringt, um strukturiert zu wirken, aber andererseits zu konstruiert erscheint, um eher wie eine breitgefächerte Studie zu funktionieren. Zwei starke Plots statt vierer, die sich zerfasern, hätte ich mir gewünscht, auch wenn ich mir dessen bewußt bin, daß diese Art von Kritik ("ICH hätte den Film ja sooo gemacht …") wenig konstruktiv ist. Aber andererseits wäre bei zwei Plots auch die Gefahr geringer gewesen, daß Teile des Films unrealistisch erscheinen, daß manche Darstellungen einfach nicht überzeugen, daß manche Charaktere nicht die nötige Zeit haben, sich zu entwickeln, und daß einige Abschlüße der Einzelgeschichten einfach unbefriedigend sind, weil man natürlich nicht alle vier Plots ähnlich enden lassen konnte, sei es nun ein Happy End oder ein schlimmes Ende, das die Geschichte nimmt, ein open end oder besonders überzeugende closure. So wirkt der Film zwar in fast jeder Szene meisterhaft, kann aber als Gesamtwerk nicht völlig überzeugen. Man könnte auch von einem Rohdiamanten sprechen, und vielleicht gehöre ich einfach zu den Leuten, die die Schönheit eines solchen Gegenstandes nicht erkennen können oder wollen.