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5. Dezember 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Widows - Tödliche Witwen (Steve McQueen)


Widows -
Tödliche Witwen
(Steve McQueen)

Originaltitel: Widows, UK / USA 2018, Buch: Gillian Flynn, Steve McQueen, Vorlage: Lynda La Plante (TV-Serie), Kamera: Sean Bobbitt, Schnitt: Joe Walker, Musik: Hans Zimmer, Kostüme: Jenny Eagan, Production Design: Adam Stockhausen, mit Viola Davis (Veronica Rawlins), Elizabeth Debicki (Alice / Alitzia), Michelle Rodriguez (Linda), Cynthia Erivo (Belle), Liam Neeson (Harry Rawlins), Jacki Weaver (Agnieska), Colin Farrell (Jack Mulligan), Daniel Kaluuya (Jatemme Manning), Brian Tyree Henry (Jamal Manning), Robert Duvall (Tom Mulligan), Jon Bernthal (Florek), Lukas Haas (David), Garret Dillahunt (Bash), Manuel Garcia-Rulfo (Joe), Carrie Coon (Amanda), Molly Kunz (Siobhan), Coburn Goss (Jimmy Nunn), 128 Min., Kinostart: 6. Dezember 2018

In jungen Jahren beeindruckte Steve McQueen eine britische Fernseh-Miniserie, und nun liefert er seine eigene Version davon ab: Vier Frauen mit unterschiedlichen Ethnien und sozialen Klassen verbindet nur eine Sache, von der sie aber nicht wissen: Ihre Männer sind gemeinsam als Expertenteam für Einbrüche unterwegs.

In der Anfangsphase des Films lernt man die unterschiedlichen Frauen mit ihren ganz persönlichen Backgrounds kennen, auch ihre unterschiedlich liebevollen Beziehungen zu den Männern, während diese bei einem nicht so glatt gelaufenem Bruch von der Polizei verfolgt werden und schließlich auf spektakuläre Weise von Pistolenkugeln durchsiebt und / oder am lebendigen Leib verbrannt werden.

Widows - Tödliche Witwen (Steve McQueen)

© 2018 Twentieth Century Fox

Ihre letzte Aktion, die mit der zusammen mit dem Fluchtauto verbrannten Beute endet, entzog dem hochkriminellen und politisch durchstartendem Bruderpaar Manning die notwendige Grundlage für die bevorstehende Wahl des 18th Ward / 18ten Distrikts von Chicago, weshalb der weniger zimperliche Jatemme Manning (Daniel »Get Out« Kaluuya) die Witwe des Masterminds Harry Rawlins (Liam Neeson in einer typischen, nur etwas kurz gehaltenen Rolle, die aber in den Flashbacks und Halluzinationen seiner Frau »weiterlebt«) unter Druck setzt. Sie solle jetzt gefälligst das Geld zurückbeschaffen. Veronica Rawlins (Viola Davis) lässt sich vom Fahrer ihres Mannes die Namen seiner Kumpane nennen und kontaktiert deren Witwen. Ohne irgendwelche kriminellen Talente versuchen jetzt vier Frauen den letzten, in einem geheimen Notizbuch festgehaltenen Bruch Harrys umzusetzen, um nicht zum Opfer der Manning-Brüder zu werden.

Widows - Tödliche Witwen (Steve McQueen)

© 2018 Twentieth Century Fox

Das Drehbuch hält einige Finten bereit, die teilweise wirklich das etwas ausgelutsche Genre wieder interessant machen, der feministische Kampf gegen die brutalen Supermachos ist auch interessant (»We have a lot of work to do - crying isn't on the list!«) - und viel unterschiedlicher als Viola Davis, Michelle Rodriguez und Elizabeth Debicki könnten die drei »Haupt«-Witwen kaum ausfallen.

Hier und da ist der Film fast zu intelligent für das breite Publikum, das sich vermutlich mehr spektakuläre Action gewünscht hätte anstelle von kleinen Passagen über die Geschichte der Black Panthers oder die Rolle der politischen Kampagne »Minority Women Owned Work« (kurz M-WOW) innerhalb der Handlung ... aber gegen Ende verspielt man einiges an Vorschusslorbeeren.

Widows - Tödliche Witwen (Steve McQueen)

© 2018 Twentieth Century Fox

Wenn es zuvor noch unter den Frauen heißt »We've got to think like professionals. There's not gonna be a cozy reunion.«, bedient man in den letzten fünf bis zehn Minuten des Films dann doch reichlich Konventionen des Genres, in dem jeder kleine Einzelsieg der Frauen bis zum letzten ausbuchstabiert werden muss, jede erwartete »Gerechtigkeit« abgeliefert wird und auch noch die notwendigen, aber moralisch kritischen Handlungen unbedingt eine typisch drehbuchartige Rechtfertigung erhalten. Hier entfernt man sich weit davon, was bisher einen Steve-McQueen-Film (zuvor Hunger, Shame und 12 Years a Slave) ausmachte, und das einzig positive, was ich darüber vermelden kann, ist, dass nicht auch noch Siobhan, die Gehilfin von Jack Mulligan, die hier für die nach wie vor bestehende Unterdrückung der Frau steht (sie wird u.a. mal »red-headed paperweight« genannt, was überdeutlich allein an ihrem Geschlecht festgemacht wird), nicht auch noch in einem Akt der weiblichen Solidarität irgendwie in den Bruch verwickelt wird und am Schluss ebenfalls belohnt wird.

Widows - Tödliche Witwen (Steve McQueen)

© 2018 Twentieth Century Fox

Jetzt noch ein kleiner Abstecher in meinen Erbsenzähler-Bereich: von der typischen Professionalität eines Films von Howard Hawks oder Jean-Pierre Melville entfernt man sich gegen Ende auch, wenn plötzlich (aus Gründen, die ich versucht habe nachzuvollziehen, aber mir fiel keine Erklärung ein) nicht mehr die eigens als Fahrerin involvierte Belle am Steuer sitzt, sondern Veronica aka »Ronnie« als »Anführerin«, die sich besonders bewähren musste, auch diese Rolle übernimmt. Das ist nur ein winziges Detail, aber es verrät das vorherige Potential des Films.

Im Verlauf des Films dachte ich (und es war vielleicht auch die Intention der Filmemacher), dass man hier aus dem abgeranzten Genre Heist / Caper Movie mal etwas besonderes machen könnte, mit Realismus, Relevanz und auch einer deutlichen gesellschaftlichen Botschaft. Dieses Ziel wird aber höchstens zu zwei Dritteln erreicht, und im Nachhinein sind es die genretypischen Elemente, die zwischenzeitig für Spannung oder zumindest Brutalität sorgten (etwa die fragwürdige Folter in der Bowlingbahn oder die Pulp-Fiction-»Hommage«, bei der nur noch der Satz »Did I break your concentration?« gefehlt hat), die einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen, weil sie schlussendlich nur Zugeständnisse für Teile des Publikums darstellen, dessen Zuspruch man bei allen Ambitionen nicht riskieren wollte. Und da zeigt sich am deutlichsten, wie sich McQueen für den Film verbiegen musste.