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17. Oktober 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Girl (Lukas Dhont)


Girl
(Lukas Dhont)

Belgien 2018, Buch: Lukas Dhont, Angelo Tijsens, Kamera: Frank van den Eeden, Schnitt: Alain Dessauvage, Musik: Valentin Hadjadi, Choreographie (Sidi Larbi Cherkaoui), Kostüme: Catherine Van Bree, mit Victor Polster (Lara), Arieh Worthalter (Mathias), Oliver Bodart (Milo), Tijmen Govaerts (Lewis), Katelijne Damen (Ärztin), Valentijn Dhaenens (Psychologe), Magali Elali (Christine), Alice de Broqueville (Loïs), Alain Honorez (Alain), Chris Thys (Hannah), Angelo Tijsens (Hendricks), Marie-Louise Wilderijckx (Marie-Louise), Virginia Hendricksen (Alains Assistentin), 105 Min., Kinostart: 18. Oktober 2018

Girl - der Titel ist Programm. Die 15jährige Lara (Victor Polster) wurde als Victor geboren, will jetzt aber ein Mädchen sein. Und eine Ballerina! Unter Vorbehalt wurde sie an einer Tanzakademie aufgenommen, für ihren großen Traum sind auch Vater Mathias und der kleine Bruder Milo mit nach Brüssel gezogen.

Nach und nach offenbart der Film Laras Probleme und den aktuellen Zwischenstand ihrer Geschlechtsumwandlung. Ich will das nicht im Detail vorwegnehmen, aber die Figur wird auf beeindruckende Weise von einem Jungen (oder »jungen Mann«) gespielt, der im realen Leben gar kein Interesse am Mädchensein hat, aber im Gegensatz zu anderen DarstellerInnen, die mehr oder weniger ihre eigene Geschichte hätten spielen können, den dringend notwendigen Tanzhintergrund vorweisen konnte.

Der Film treibt alle möglichen Probleme Laras wortwörtlich »auf die Spitze«. Ihre körperliche Zerreißprobe wird mehrfach thematisiert. Ob die bis zur gesundheitlichen Schädigung bandagierte Beule in der Körperhälfte, die erbarmungslos in Form gebrachten Zehen (der kleine Bruder kann es nicht mit ansehen, wie sie sich selbst offensichtlich wehtut) oder, um wirklich alle Register zu ziehen, auch noch ein gestochenes Ohrloch. Die eigentlichen Vorbereitungen zur OP geraten da fast in den Hintergrund.

Girl (Lukas Dhont)

© Universum / Menuet

Nicht nur die schauspielerische Leistung, auch das offensichtlich lang überarbeitete Drehbuch und die überzeugende Inszenierung (mich hat besonders das Zusammenspiel von Musik und Kamera bei den bis zur totalen Erschöpfung exerzierten Drehungen fasziniert) machen Girl zu einem Paradebeispiel dafür, das Thema filmisch umzusetzen.

Dadurch entwickeln sich aber auch die kleinen Probleme des Films. Denn um auch die weniger erfreulichen Aspekte von Laras Werdegang darzustellen, werden einige Nebenfiguren auf eine Art und Weise zu Antagonisten gemacht, die auf mich so wirkte, als müssen hier gewisse Rollen »erfüllt« werden und man vernachlässige dafür die (für den Film nicht so wichtigen, aber existenten!) Figuren dahinter.

Girl (Lukas Dhont)

© Universum / Kris Dewitte

So fragt etwa ein Lehrer vor der gesamten Klasse (Lara ist dabei), ob es den Mädchen recht wäre, wenn die (bzw. irgendwie auch noch »der«) »Neue« sich in der Mädchenumkleidekabine umzieht. Die erzwungene Konfrontation beider »Parteien« wirken ebenso wie der leichte peer pressure (will man wirklich die Einzige sein, die Bedenken anmeldet?) wie nicht besonders durchdachte pädagogische Maßnahmen.

Mehrfach sieht man Lara im Gespräch mit einem Psychologen, der es »schade« findet, dass Lara es ihm nicht glaubt, dass er sie als Frau sieht (der Grund für seine Fragestellung scheint mehr mit dem Handlungsverlauf als mit seiner Therapie zusammenzuhängen). Der selbe Psychologe ist es auch, der Lara davon abbringen will, ihre Sexualität in dieser schwierigen Wandlungsphase (Pubertät, Hormonbehandlung etc.) quasi »auszuklammern«, mit ihrem derzeitigen Körper möchte sie lieber nicht mit einem Jungen allein in einem Zimmer sein. Abermals wäre es aus Sicht des Psychologen doch »schade«, wenn sie ihre Gefühle für zwei Jahre »auf Pause stellt« - sie sollte diese Zeit genießen.

Girl (Lukas Dhont)

© Universum / Menuet

Im Film entwickelt sich Laras Sexualität zwar genau so wie hier diskutiert (jede Begegnung, jeder Blickwechsel mit passenden jungen Männern wird inszenatorisch deutlich aufgeladen), aber wenn man sich diese Situation jetzt mal ganz objektiv vorstellt und ein womöglich ähnlich unerfahrener Junge Lara näherkommt und durch seine Entdeckung vermutlich überfordert wird - sollte der Psychologe sich nicht darum kümmern, solche möglichen Probleme mit Lara vorher durchzuspielen. Oder vielleicht bestimmte Vorgehensweisen vorzuschlagen? Wenn ich an Filme wie Boys don't cry zurückdenke, so ist es doch so, dass eine intime Situation mit einem hormongesteuerten jungen Kerl sehr schnell gewaltsam eskalieren kann. Man sollte jetzt nicht davon ausgehen, dass jeder mögliche love interest eine homophobe Gefahr darstellen muss. Aber sich darauf zu beschränken, dass Gefühle ausgelebt werden sollten und es »schade« wäre, diese wichtige Zeit im Pausenstatus zu »verlieren« - das erscheint mir keine besonders therapeutische Herangehensweise.

Als weiterer Buhmann müssen einige von Laras Klassenkameradinnen dran glauben. Bei einer Geburtstagsfeier wird sie wenig einfühlsam bedrängt, sie solle doch mal »ihr drittes Bein« zeigen, wobei insbesondere das Geburtstagskind komplett zu ignorieren scheint, dass Lara kurz davor ist, in Tränen auszubrechen. Der hervorgerufene Konflikt scheint aber für den Film wichtiger als die nachvollziehbaren Nebenfiguren, was indes ich wiederum sehr schade finde.

Girl (Lukas Dhont)

© Universum / Menuet

Gerade innerhalb ihrer Familie werden Laras Probleme deutlich durchdachter durchdekliniert. Hier wird keiner Figur ein »schwarzer Peter« zugeschoben, sondern pubertäre Rebellionsphase, väterlich guter Willen usw. können trotz der besten Absichten miteinander kollidieren und der Film beschreibt die Situation(en) so, dass man als Zuschauer immer wieder den Blickwinkel wechseln kann und Vater und Tochter nicht in »Gut« und »Böse« (oder zumindest »durchdacht« und »unbedacht«) aufteilen muss.

Girl ist ein ziemlich toller Film und auch, wenn meine kleinen Vorbehalte nie den Drehbuchlevel verlassen, so hätte der Film noch eine Winzigkeit besser sein können, wenn man nicht einfach bestimmte Nebenfiguren zu generischen obstacles erklärt hätte, sondern diese Probleme aus dem Miteinander der Figuren entwickelt hätte. Und wenn dann das Geburtstagskind zu einer kleinen fiesen Chris Hargenson geworden wäre, so hätte das für mich kein Problem dargestellt. Die Art und Weise, wie man Lara zur Selbstentblößung treiben will (»Du hast uns doch auch schon alle nackt gesehen!«) wirkte auf mich ohnehin wie die Schlüsselszene aus Carrie mit dem »Stopf es rein!«-Skandieren...

Wie Girl diese überspitzten Konfliktsituationen dennoch in das Gesamtkonzept des Films einbringt, zeugt von der Qualität des Films, der größtenteils auch einer ganz genauen Betrachtung standhalten kann - solange man nicht auf die wirre Idee kommt, dass jede noch so kleine Figur auch für sich selbst genommen bestehen muss.