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19. September 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Searching (Aneesh Chaganty)


Searching
(Aneesh Chaganty)

USA 2018, Buch: Aneesh Chaganty, Sev Ohanian, Kamera: Juan Sebastian Baron, Schnitt, »Virtuelle Kamera«: Nick Johnston, Will Merrick, Musik: Torin Borrowdale, Kostüme: Emily Moran, Production Design: Angel Herrera, Art Direction: Carol Uraneck, Set Decoration: Robert Guard, mit John Cho (David Kim), Debra Messing (Detective Vick), Michelle La (Margot), Joseph Lee (Peter), Connor McRaith (Isaac), Briana McLean (Abigail), Erica Jenkins (Hannah), Ric Sarabia (Randy Cartoff), Alex Jayne Go, Megan Liu, Kya Dawn Lau (Young Margots [5, 7, 9 yrs.]), Sara Sohn (Pamela Nam Kim), Erica Jenkins (Hannah Purdey), Dominic Hoffman (Michael Porter), Johnno Wilson (Mike Makowsky), John Macey (Mr. Lee) und den Originalstimmen von Sylvia Minassian (Mrs. Shahinian), Melissa Disney (Isaac's Mom), Colin Woodell (911 Operator), Reed Buck (Derek Ellis), Joseph K. Schirle (Jonah Emmi), Franchesca Maia (Sadie [YouCast]), Thomas Barbusca (Cody [YouCast]), Julie Nathanson (Natalie Boyd), Ashley Edner, Courtney Cummings, Kenneth Mosley, Ben J. Pierce, (Margot's Friends), 102 Min., Kinostart: 20. September 2018

Hin und wieder wird in Filmen mal was Neues probiert. In den letzten zwanzig bis dreißig Jahren hängt das gefühlt fast immer mit irgendwelchen neuen Technologien zusammen. Nicht nur so wie bei Kubrick, Spielberg und Cameron, die lichtempfindliche Linsen, die Steadycam oder CGI gut in ihre Filminszenierung einbauten, sondern vor allem im Zusammenhang mit der sich geänderten Gesellschaft. War einst die Chandler-Verfilmung The Lady in the Lake mit ihrer durchgehend subjektiven Kamera ein gewagtes Experiment, so kann man vergleichbares heutzutage ebenso wie ganze Filme umfassende »Plansequenzen« mit der allumfassenden Bearbeitbarkeit des Filmbilds (hierbei muss ich immer an die durch das Treppengeländer schießende Kamera in David Finchers Panic Room denken - gerade, weil dies so eine sinnlose Angeberei war) vergleichsweise simpel zu einer filmischen tour de force ausarten lassen. Beispiele in diese Richtung wären etwa Hardcore Henry oder Enter the Void.

Als in den 1980ern die Videoclip-Ästhetik um sich griff und das Schnitt-Tempo im Kino drastisch erhöht wurde, hatten die damals sich echauffierenden Kritiker und Theoretiker ja keinen Schimmer, wie sehr Monitore in jeder Größe heutzutage das Leben der Menschheit verändert haben. Olivier Assayas zollte diesem Umstand in Personal Shopper Tribut, als sich eine etwa 15minütige Passage des Films, in der die Hauptfigur immerhin zwischen Großstädten verschiedener europäischer Länder pendelte, fast komplett über ein Handy-Display vollzog, an dessen Peripherie man das wahrnehmen konnte, was früher die Reise ausgemacht hätte. »Wie war es in Paris?« - »Der WLAN-Empfang war echt mies.«

Searching (Aneesh Chaganty)

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Searching befasst sich wie mehrere Thriller zuvor um ein vermisstes Mädchen, das womöglich Opfer eines Internet-Stalkers wurde. Weitaus interessanter ist dabei aber die Art, wie die Geschichte erzählt wird: Nahezu komplett über Computermonitore!

Das beginnt schon, wenn, wie man aus dem Kontext erschließen kann, ein neuer Computer fast zeitgleich mit dem Geburtstag der neuen Tochter Margot eingerichtet wird, entsprechende Bild- und Laufbildmaterialien dort abgelegt werden, und die Tochter schließlich ihr eigenes Benutzerkonto auf dem Gerät eingerichtet bekommt.

Ca. 16 Jahre eines Lebens werden gänzlich über Computermonitore erzählt, über gepostete Videos, Reaktionen von Freunden, Mails, Chats usw. - nebenbei erfährt man von der Krankheit der Mutter, wobei der Blick auf den (elektronischen) Kalender, die mehrfach verschobene Krankenhausentlassung tatsächlich zeitgemäße Emotionsverläufe nahe bringt.

Searching (Aneesh Chaganty)

Foto: Elizabeth Kitchens © 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Die Notwendigkeit der ausgedehnten Familienbiographie mit der Tochter im Zentrum hängt damit zusammen, dass ihr Vater David Kim (John Cho, der wie seine Darstellerkollegin Debra Messing und das einstige russische Wunderkind Timur Bekmambetov hier eine Produzentenrolle übernahm) auf diese Weise gemeinsam mit dem Publikum erfahren kann, wie sehr er sich jahrelang in seiner Tochter geirrt hatte. Mit jeder neuen Erkenntnis fällt es ihm schwerer, die Tochter wiederzuerkennen. An seiner enthusiastischen Suche nach dem Kind ändert dies jedoch nichts.

Man könnte an dieser Stelle detaillierter auf die Handlung zu sprechen kommen, in der David von der Polizistin Rosemary Vick (Debra Messing) unterstützt wird und u.a. der Onkel der Vermissten eine größere Rolle spielt. Aber dazu nur so viel: man übertreibt es in wenig mit den verschiedenen Theorien und der etwas an der Glaubwürdigkeit zerrenden Schlusspointe.

Searching (Aneesh Chaganty)

Foto: Elizabeth Kitchens © 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Viel interessanter ist die Inszenierung über das Medium Computermonitore, incl. Youtube-Videos, Handy-Kommunikation, Nachrichtensendungen usw. Beim vom Verleih angebotenen Bildmaterial finde ich es etwas traurig, dass nur eines von fünf Filmbildern (die Behind-the-Scenes-Eindrücke lasse ich mal außen vor) der Besonderheit des Films Rechnung trägt. Und das, wo man sogar den beiden hauptverantwortlichen Cuttern den Titel des »virtual« Director of Photography zuschanzte.

Mit zunehmender Laufzeit des Films gibt es immer wieder kleine Stellen, wo man die eigenen Regeln kurz außer acht lässt, aber im Mainstream-Kino bin ich das gewohnt. Man traut dem Publikum nicht allzuviel zu und hält sich lieber an erzählerische Konventionen als an die eigene Prämisse. In fake found footage films erlebt man dies auch immer wieder. Erst gibt man sich tierisch Mühe, aber irgendwann sind Spannung und Nachvollziehbarkeit einfach wichtiger. Die allermeisten Zuschauer nehmen dies womöglich nicht mal wahr, aber ich finde das immer etwas traurig. Aktuell sah ich auch gerade wieder einen Film (den neuen Agnès Jaoui, läuft in fünf Wochen an), wo eine Figur etwas mit ihrem Smartphone filmt. Man sieht dann die Handybilder, aber obwohl der Ton kontinuierlich ist, gibt es innerhalb des vermeintlichen Handyvideos zwei oder drei Schnitte, als hätte die Frau hinter der Kamera die besondere Gabe, in Nullkommanix mal eben von Kamerapostion 1 zur 2 (drei Meter links) »rüberzubeamen«. Zugegeben, ich habe Film studiert und mache mir über solche Dinge Gedanken, aber wie dumpf muss man denn sein, wenn im Fernsehen mal wieder jemand in einer Reality-Show überrascht wird, es aber offensichtlich ist, dass der oder die Überraschte zuvor ein mittelgroßes Kamerateam in die eigene Wohnung hineingelassen haben muss.

Searching (Aneesh Chaganty)

Foto: Elizabeth Kitchens © 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Ganz so schrecklich läuft es in Searching nicht, aber ich hätte tatsächlich für einige Spannungsmomente (die ich so prickelnd auch nicht fand) verzichtet, wenn man dafür einfach das Konzept des Films bis zum Ende durchgezogen hätte und auch nicht mit gewissen Tricks Bilder geliefert hätte, die gerade die Handlung hübsch geradlinig vorantreiben.

Trotz mancher Abstriche ist der Film aber immer noch sehr interessant, weil man hier miterleben kann, wie die Filmemacher gezwungen werden, teilweise eine ganz neue Filmsprache zu erfinden, um das, was sie erzählen wollen, und die Weise, wie sie es erzählen wollen, miteinander in Einklang zu bringen.