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12. September 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Leave No Trace (Debra Granik)


Leave No Trace
(Debra Granik)

USA 2018, Buch: Debra Granik, Anne Rosellini, Lit. Vorlage: Peter Rock, Kamera: Michael McDonough, Schnitt: Jane Rizzo, Musik: Dickon Hinchliffe, Kostüme: Erin Orr, Production Design: Chad Keith, mit Thomas Harcourt McKenzie (Tom), Ben Foster (Will), Dale Dickey (Dale), Jeff Kober (Mr. Walters), Isaiah Stone (Isaiah), Dana Millican (Jean), 108 Min., Kinostart: 13. September 2018

Der Roman, auf dem der neue Film von Debra Granik (Winter's Bone) basiert, wurde inspiriert durch ein tatsächliches Ereignis. Für vier Jahre hatten ein Vater und seine Tochter in einem Nationalpark in Oregon in der Wildnis gelebt. Bei einem notwendigen Einkaufsausflug fielen sie jemandem auf und wurden festgehalten. Das Mädchen war gesund, im besten Zustand und erwies sich nach einem Test intellektuell auf einem höheren Level als Altersgenossen.

Ausgehend von dieser Prämisse (also eher fiktiv als mit Recherche) schrieb Peter Rock den Roman My Abandonment, für die filmische Adaption verzichtete man auf bestimmte fantastische Elemente, Granik berichtet auch hier wieder von Underdogs und Außenseitern.

Leave No Trace (Debra Granik)

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Die 13jährige Tom (Thomas Harcourt McKenzie) lebt mit ihrem Vater Will (Ben Foster, 3:10 to Yuma, The Messenger) im Wald. Kaum Komfort, reines Überleben, nachts hört man sogar Wölfe oder muss sie vom Zelt aus verscheuchen (»seems like the pack's gotten bigger«). Immer wieder übt man einen gewissen Drill, um vor unliebsamen Überraschungen gefeit zu sein.

Ähnlich wie in Captain Fantastic (nur halt mit einer deutlich kleineren Familie und keinem vergleichsweise luxuriösen Holzhaus) macht man auch mal Ausflüge in die Zivilisation, um Gas von den Kocher oder Ähnliches zu besorgen. Und man beobachtet die Aktivitäten der nahen Rangers, die gerade ein Waldstück roden.

Leave No Trace (Debra Granik)

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Durch eine Unachtsamkeit erregt Tom dann die Aufmerksamkeit eines Waldläufers, der offenbar sogleich die Behörden benachrichtigt - jedenfalls hilft der nächste Versuch, sich zu verstecken, nicht wirklich - und die beiden werden mit der Zivilisation konfrontiert, eine Sozialbeamte will ihnen ein »normaleres« Leben ermöglichen. Tom lernt hierbei einiges nicht Uninteressantes in der anderen Welt kennen (zum Beispiel, ein Rad zu fahren), aber Vater Will ist ein Kriegsveteran, der sich außerstande fühlt, unter anderen Menschen zu leben. Selbst, wenn diese auch ein eher »alternatives« Leben führen.

Regisseurin und Co-Autorin erkannte in dieser Story literarische Klassiker wieder, etwa Henry David Thoreaus Walden oder Shakespeares The Tempest. Zunächst denkt man auch, dass Tom als Miranda ihren »Ferdinand« finden könnte (die Episode mit dem jungen Kaninchenzüchter führt das Publikum etwas auf Glatteis).

Leave No Trace (Debra Granik)

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Doch die Attraktionen der Zivilisation sind für das Mädchen weitaus obskurer, und das Kernstück des Films wird ganz allmählich das psychische Trauma Wills, das hier zur Abwechslung mal nicht zu Tode erzählt wird, sondern so, wie man solche Probleme im Normalfall auch in der echten Welt wahrnehmen würde: ohne die alles umfassende Erklärung eines detektivisch begabten Psychologen und die große Katharsis. Diese Entscheidung veredelt den Film, der auf minimalistische Weise ohne viel oberflächliche Handlung tiefe Einblicke in seine Figuren gewahrt und auch die unvermeidbaren Konfrontationen nicht künstlich aufbauscht.

»Kids in school think I'm strange.« - »How important are their judgments?« Leave no trace regt Denkprozesse an, man hinterfragt und unternimmt als Zuschauer einen Perspektivwechsel. Und das ohne die konventionelle Dramaturgie und den Unterhaltungswert von Captain Fantastic. Auch ohne das ganz gewollte Ankratzen nahezu aller möglichen Themenkomplexe oder den recht starken Willen zum Happy End.

Leave No Trace (Debra Granik)

© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Ich würde nicht unbedingt einen der Filme als den besseren, den gelungeneren bestimmen wollen, sie sind unterschiedlich, sprechen unterschiedliche Zuschauer an, und funktionieren auch im Zusammenspiel, in der Mischung.

Was ich aber sagen kann: Viggo Mortenson wirkt in Captain Fantastic immer als publikumswirksamer Darsteller (auch, wenn er seine Sache gut macht), Ben Foster geht seine Rolle viel introvertierter, und dadurch wirksamer an. Und Thomas Harcourt McKenzie, die hier eine fast ebenso intensive Darbietung liefert, schafft es fast, mit einem halben Dutzend Kindern zu konkurrieren, auch wenn die einzelne Figur natürlich nicht so viele Dosen Würmer öffnen kann.

Ich bin mir sicher, dass es Leute geben wird, die Film A, Film B, beide Filme oder keinen mögen. Aber ich glaube, mit jedem Kinogänger, der zumindest einen der beiden Filme in sein Herz lässt, könnte ich mich ganz gut verstehen. Und ich bin mir dessen bewusst, dass das dem Leser jetzt nicht wirklich einen Einblick oder eine Motivation verschafft - aber ich glaube, über diese beiden Filme kann man als Zuschauer mit Diskussionsfreudigkeit viel über andere solche Zuschauer erfahren. Und das kann man längst nicht über soo viele Filme sagen.