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Marc Degens: ERIWAN




4. April 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Die Nacht der Nächte (Yasemin Samdereli)


Die Nacht der Nächte
(Yasemin Samdereli)

Deutschland 2017, Buch: Yasemin & Nasrin Samdereli, Kamera: Marcus Winterbauer, Schnitt: Mechthild Barth, Musik: Dürbeck & Dohmen, Knetanimation: Izabela Plucinska / Claytraces, mit Hildegard & Heinz Rotthäuser, Kamala & Hampana Nagarayya, Shigeko & Isao Sugihara, Norman MacArthur & William »Bill« Novak, 90 Min., Kinostart: 5. April 2018

Die Nacht der Nächte ist ein Film, der viele Fragen aufwirft. Ich finde es beispielsweise seltsam, dass ein Film mit ausgewiesenem Produktionsjahr 2017 erst im März 2018 seine Weltpremiere in Essen feiert - aber schon im Januar mit dem Bayrischen Filmpreis ausgezeichnet wurde.

Oder als Dokumentarfilm größere Knetanimations-Anteile beinhaltet, die offensichtlich nichts dokumentieren, sondern in denen man eher seine Protagonisten in einem fiktiven Umfeld verniedlicht reinszeniert.

Und vielleicht am mysteriösesten: Sowohl im Presseheft als auch auf imdb wird behauptet, die Samdereli-Schwestern (hier und da auch ohne Bindestrich, weil die deutsche Zeichensetzung nur noch wenige Menschen halbwegs beherrschen) hätten hier Regie geführt. Aber sowohl im Filmabspann selbst als auch auf dem Plakat ist ohne Probleme zu lesen, dass dies zwar »ein Film der Samdereli-Schwestern« (Almanya - Willkommen in Deutschland) sei, aber für die Regie klar nur Yasemin, eine der Schwestern, verantwortlich war.

Die Nacht der Nächte (Yasemin Samdereli)

© 2018 Concorde Filmverleih GmbH

Wenn man eine Pressevorführung verlässt, wird man oft und gern von den Agentur-Vertretern gefragt, wie man den Film denn fand. Je nachdem, wie man darauf geeicht ist, direkt nach dem Film griffige Zitate abzusondern, versuchen manche meiner Kollegen (ich bin vor dem auch nicht gefeit) dann immer, der Volksumfrage zu entgehen. Insbesondere, wenn sich »die Begeisterung im Rahmen hält«. Mir fiel es in diesem Fall leicht, denn meine wichtigsten Infos für ein mögliches Publikum kann man in einen Satz packen: »Den Film fand ich echt gut, aber der Titel ist bescheuert«.

Das Problem bei »Waren« wie Filmen oder Büchern ist ja, dass sie möglichst »vermarktbar« sein sollen. Deswegen heißen Romanverfilmungen in Deutschland oft nach teilweise idiotischen (deutschen) Buchtiteln wie »Bis(s) zum Rhabarber-Brunch« oder bei französischen Filmen bastelt man seit drei, vier Jahren immer ein Monsieur, Madame oder Mademoiselle in den Titel - weil der »Wiedererkennungseffekt« Verleihern und Verlegern wichtiger ist als die Integrität des Werkes. Mein satt.org-Kollege Marc Degens musste seinen ersten Roman etwa unter dem Titel »Vanity Love« veröffentlichen, weil jemandem der von ihm gewünschte Titel »Hure Liebe« zu »gewagt« erschien (kein Zitat, sondern persönliche Einschätzung der Beweggründe).

Die Nacht der Nächte (Yasemin Samdereli)

© 2018 Concorde Filmverleih GmbH

Der Titel »Die Nacht der Nächte« impliziert beim vorliegenden Film, es ginge um die Hochzeitsnacht der vier mit der Kamera dokumentierten und interviewten Paare. Es ist nicht so, dass man dieses Thema besonders gemieden hätte, aber es ist nur ein Thema unter vielen, dem Film weitaus gerechter wäre ein Titel wie »Vier Paare« geworden. Doch irgendjemand (vielleicht die Filmemacherinnen selbst) haben entschieden, dass sich »Die Nacht der Nächte« besser verkauft. Wen interessiert es, ob das Etikettenschwindel ist. Der Titel macht neugierig und man kann ihn sich besser merken.

Die vier Paare im Film sind gut gewählt, sie stammen aus unterschiedlichen Ländern (Japan, USA, Indien, Rohrgebiet), sind nur zu drei Vierteln traditionelle heterosexuelle Paare so um den Termin der Goldenen Hochzeit herum (Arthur und Bill kennen sich zwar auch schon sehr lang, feiern aber ihre Hochzeit quasi während des Films - und es folgt keine Nachfrage, was denn nun in der Flitterwochen-Suite so lief), und hatten zu Beginn unterschiedliche Probleme, zueinander zu finden.

Die Nacht der Nächte (Yasemin Samdereli)

© 2018 Concorde Filmverleih GmbH

Dass nahezu alle acht (ich bin mir nicht sicher, inwiefern hier bei jedem einzelnen nachgehakt wurde) vor dem Lebenspartner kaum bis keine sexuellen Erfahrungen hatte, passt zwar zum Nacht-Titel, aber der Film erschöpft sich nicht im Erika-Berger-Bereich, sondern die weniger sexuellen Themen sind oft viel interessanter. Wie die Japaner sich etwas auseinanderlebten, wird auch in den dazugehörigen Knetgummi-Animationen visualisiert, das schwule Paar berichtet darüber, dass der eine den anderen (trotz geringen Altersunterschied) adoptieren musste, damit ein unbeschwertes Zusammenleben möglich war - was dann bei der unerwarteten Gesetzesänderung betreffs der Schwulenehe in Pennsylvania zu einem anderen Problem führt, denn eine Adoption kann man im Gegensatz zu einer Ehe nicht wieder aufheben. Und sein »Adoptivkind« kann man nicht mal eben ehelichen.

Es gibt ja Dokus, die überzeugen über das filmische, und andere über die Protagonisten. Hier ist letzteres der Fall. Die meisten Interviews finden gemeinsam statt, und es ist hochinteressant, wie die Partner auf die Aussagen des jeweils anderen reagieren. Trotz jahrzehntelangem Zusammenleben sind nicht nur die Erinnerungen unterschiedlich, man spricht auch unterschiedlich »frei« über manche Vorgänge. Gerade die sexuellen, aber auch bei den persönlichen Problemen des Ehelebens ist das so. Wenn etwa Hildegard darüber mutmaßt, wann Heinz bei einer Interaktion erstmals einen Samenerguss hatte, kann oder will dieser sich an dieses Detail eher nicht erinnern, und insbesondere bei dem indischen Pärchen merkt man ganz deutlich, dass sie sich zwar durch seine charmante Art zu vielem hinreißen lässt, im Umgang aber weitaus schüchterner vorgeht.

Die Nacht der Nächte (Yasemin Samdereli)

© 2018 Concorde Filmverleih GmbH

Das ganze Projekt ist ohne überbordende Struktur immens amüsant, auch wenn ich mir sicher bin, dass man anderthalb Stunden Laufzeit auch ohne die Knetgummi-Passagen hätte füllen können.

So oder so handelt es sich aber klar um den besten Dokumentarfilm, den ich bisher in diesem Jahr gesehen habe. Und es ist ein Film, den man sich auch glatt ein zweites Mal anschauen würde, weil es ein wenig Zeit braucht, bis man die Protagonisten wirklich kennen lernt und sich ganz auf sie einlassen kann.

Ein Film über die Liebe, in den man sich durchaus verlieben kann.