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25. April 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Draußen in meinem Kopf (Eibe Maleen Krebs)


Draußen in meinem Kopf
(Eibe Maleen Krebs)

Deutschland 2018, Buch: Eibe Maleen Krebs, Andreas Keck, Kamera: Judith Kaufmann, Schnitt: Marianna von Deutsch, Musik: Martin Lignau, Ingmar Süberkrüb, Szenenbild: Thorsten Sabel, mit Samuel Koch (Sven), Nils Hohenhövel (Christoph), Eva Nürnberg (Louisa), Lars Rudolph (Larry), Mario Fuchs (Laus), Bastian Trost (Pastor Wieckmann), Harald Schwaiger (Oberarzt Prof. Steffen), Wieslawa Wesolowska (Beate), 99 Min., Kinostart: 26. April 2018

Gefühlt zweimal im letzten halben Jahr habe ich mich über ein gewisses Schubladenverfahren geärgert, dass bei Filmen des Salzgeber-Verleihs zu gewissen Spoilern führt. Umso schöner ist es, wenn die antizipierte Verleihpolitik zwar gewisse Überlegungen beim Betrachten des Film evoziert, aber letztlich die konditionierten Erwartungen nicht erfüllt. Es gibt sogar einige Szenen und Dialogsätze, die auf mich im Nachhinein so wirkten, als spiele man sogar mit diesen Erwartungen (obwohl es eher unwahrscheinlich klingt, dass man schon während der Dreharbeiten eine Ahnung hatte, ob oder wie / wo man später im Kino landen wird).

In Draußen in meinem Kopf geht es zwar um eine Beziehung zwischen zwei jungen Männern, aber trotz des Zwischenmenschlichen sind die beiden letztlich vor allem Patient und Pfleger. Man kann dabei eine Winzigkeit mehr hineininterpretieren, aber das eigentliche Thema ist das Coming-of-Age des jungen Pflegers Christoph (Nils Hovenhövel), das Entstehen einer eigenartigen Freundschaft - und nicht zuletzt eine Lektion in Sachen Respekt.

Draußen in meinem Kopf (Eibe Maleen Krebs)

Foto: Salzgeber

Christoph beginnt sein freiwilliges soziales Jahr und mit seinen Augen lernen wir als Zuschauer den größtenteils in seinem Zimmer eines Pflegeheims »gefangenen«, an Muskeldystrophie leidenden Sven (Samuel Koch) kennen. Ein typisches Filmprozedere: mit den Augen eines Protagonisten in eine Filmsituation einsteigen - deshalb beginnt auch gefühlt jeder zweite Kinderfilm mit einem Umzug.

Das eben gesagte stimmt aber nicht ganz, und das ist für die Perspektive des Films, die Einschätzung, wer hier eigentlich die Hauptfigur ist, von Bedeutung. Denn die allererste Szene des Films findet ohne Christoph statt. Man weiß eigentlich noch nichts, findet sich in einem eher dunklen, engen Raum (Kamerafrau Judith Kaufmann wurde kreativ sehr gefordert durch Svens Zimmer, in dem fast der komplette Film spielt) und hört das Gesumm einer Fliege. Die setzt sich auf den Arm eines im Bett liegenden jungen Mannes, der dies auch wahrnimmt. Doch wo man normalerweise mit einem kleinen Zucken den geflügelten Störenfried wegjagt, versucht Sven vergeblich durch Pusten, das Insekt loszuwerden. Eine anfänglich mysteriös erscheinende, clevere Einführung, die einen als Zuschauer mit einer typischen Alltagsszene im Leben Svens konfrontiert, die vor Augen führt, wie wenig man sich über solche Details normalerweise einen Kopf macht. Quasi eine Variation zu dem gerne verwendeten Szenarium, jemanden mal in einen Rollstuhl zu setzen, um ihm so vorzuführen, welche für einen sich auf zwei Beinen durchs Leben bewegenden Menschen kaum wahrzunehmenden Hindernisse für Behinderte einen Riesenunterschied machen.

Draußen in meinem Kopf (Eibe Maleen Krebs)

Foto: Salzgeber

Das ist aber kein Hauptinhalt des Films, nur der Einstieg, der aber dennoch (auch, wenn die Szene überspitzt erscheinen mag) den Film prägt, die »Gefangenschaft« im Körper deutlich thematisiert. Und das immerhin sehr filmisch und nicht durch einen hilflos wirkenden Dialogsatz, der die Gefühle einer Person schildert, wie es im normalen Leben eher seltener der Fall ist.

Sven ist kein Patient, der es dem unerfahrenen, befangen wirkenden Christoph besonders leicht macht. Ganz im Gegenteil, er wirkt abweisend und genervt, reagiert kaum auf die zusätzliche Präsenz in seinem Zimmer. Auf den Punkt gebracht: »Zwei wie wir würden sich im normalen Leben nie kennenlernen...« Und daraus zieht der Film einen Großteil seiner Kraft, lässt sich für dieses Kennenlernen viel Zeit. Wenn man sich darauf einlässt, funktioniert das besser als der Durchschnitt solcher Kammerspielfilme. Erst recht, wenn man die jungen Filmemacher im Hinterkopf behält, die ja aus reinen Budgetgründen öfters mal auf solche Sujet zurückgreifen müssen, die Restriktion aber nicht automatisch als Herausforderung, als Chance verstehen.

Draußen in meinem Kopf (Eibe Maleen Krebs)

Foto: Salzgeber

Eibe Maleen Krebs, die junge Regisseurin, nutzt das Zimmer, baut die vermeintlichen Produktionsumstände sehr geschickt ins Drehbuch ein. Mal wird bei einer Party ein Bücherregal in einer Wandschräge beschädigt und so aktiv ins Szenenbild einbezogen, noch cleverer ist es aber, Svens Vorliebe für Bach-Kantaten (»Komm, süßer Tod«, »Schlafes Bruder, führe mich hinfort ...«) ebenfalls in den Raum einzubeziehen. Sowohl darüber, dass es bei zu lautem Aufdrehen immer mal wieder zu Konflikten mit der (quasi unsichtbaren) Umwelt kommt. Aber auch durch das eigentliche naheliegende Vorgehen, dass die Raumbeschallung ganz auf Svens Bett zugeschnitten ist (»Komm zu mir ins Bett, hier ist der beste Klang!«). Auch, wenn das bewegliche Bett mal absichtlich umgerückt wird oder Christoph auf die Frage, wo die Toilette sei, die von Sven benutzen darf (und so quasi in dessen "Reich" bleibt), wird das Zimmer, passend zum Filmtitel, zu mehr als nur einem widerwillig benutzten Drehort.

Svens Zimmer ist seine Welt. Und wenn mal ein Eichhörnchen auf dem Fensterbrett auftaucht, wird sehr deutlich, wie schwer es für ihn ist, mit »unserer« Welt zu interagieren. Was bis zu einem gewissen Punkt natürlich auch seinen Unwillen verständlich macht, sich mal wieder mit einem neuen FSJ-ler zu arrangieren.

Draußen in meinem Kopf (Eibe Maleen Krebs)

Foto: Salzgeber

Ich muss sagen, dass mich einige Entwicklungen des Films nicht hundertprozentig überzeugen. Die eskalierende Party mit Lars Rudolph als anstrengendem kleinen Proleten, das sexuelle Moment à la wrapped in plastic, die umgedeuteten Weihnachtsmomente. Aber die Regisseurin, die von einer »wahren Begebenheit« inspiriert wurde, bei der man das Gefühl nicht los wird, dass sie autobiographisch gefärbt sein könnte, hat ein klares Konzept, das sie auch umsetzt: »Mir liegt es fern, über Richtig und Falsch zu urteilen. Vielmehr hat mich die künstlerische Überhöhung gereizt.«

Interessant finde ich es, dass man im Presseheft mehrfach auf ein Wim-Wenders-Stipendiat hinweist, dass bei der Verwirklichung des Film half, aber das, was manche Leute als den unique selling point des Films bezeichnen würden, offenbar absichtlich aus dem Material heraushalten. Der Sven-Darsteller ist nicht nur selbst gelähmt, sondern ist (oder war) in gewisser Weise ein Prominenter. Da ich aber in den Medien miterlebt habe, auf welche Art und Weise man ihn bei einer früheren Kurzrolle auf eine ziemlich unangenehme »eingesetzt« hat, um ein paar zusätzliche Zuschauer rauszuholen, finde ich es grundanständig, dass man sich hier ganz auf die Leistung der Filmemacher stützt. Die allein ist auch überzeugend genug. Um den Bogen zu einem der Filme zu schlagen, die letzte Woche starteten: Man will ja auch nicht ein Leben lang immer wieder zu einem der schlimmsten Momente im Leben befragt werden, sondern vielleicht lieber zu späteren Errungenschaften. Ich wünsche ihm dabei viel Erfolg!

Beinahe vergessen: über den Kurzauftritt von Bastian Trost (Ganz nah bei dir) habe ich mich sehr gefreut. Fand seine Figur sympathischer als sie angelegt ist.