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Die Box




12. November 2009
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ganz nah bei Dir (R: Almut Getto)
Ganz nah bei Dir (R: Almut Getto)
Ganz nah bei Dir (R: Almut Getto)
Fotos © Riva / Timebandits
Ganz nah bei Dir (R: Almut Getto)
Ganz nah bei Dir (R: Almut Getto)


Ganz nah bei Dir
(R: Almut Getto)

Deutschland 2008, Buch: Speedy Deftereos, Mitarbeit: Hendrik Hölzemann, Almut Getto, Kamera: Michael Wiesweg, Schnitt: Sebastian Thümler, Musik: Jakob Ilja, Szenenbild: Susanne Abel, Kostüme: Andrea Schein, mit Bastian Trost (Phillip Baader), Katharina Schüttler (Lina Sommer), Andreas Patton (Aaron), Aline Staskowiak (Hausmeisterin), Axel Olsson (Fuchs Senior), Jörg Malchow (Fuchs Junior), Heiko Pinkowski (Kommissar Hoffman), Jürgen Rißmann (Kommissar Polanski), Oscar Ortega Sanchez (Kellner), 88 Min., Kinostart: 12. November 2009

Wie seine Schildkröte Paul lebt auch Phillip (Bastian Trost) zurückgezogen in einem Panzer. Seinem Freund, den Psychiater Aaron, führt er die Schwächen seiner Therapiesitzungen vor, als sei er selbst der Psychiater, er schaut sich gerne Filme mit Buster Keaton an und träumt davon, als Stand-Up-Comedian mit einer Pantomime aufzutreten. Und dann lernt er die blinde Cellistin Lina (Katharina Schüttler) kennen, die trotz ihrer Behinderung das Leben genießt und auf jede spontane Herausforderung offenherzig draufzurennt. Bis Philip es sich abgewöhnt haben wird, zu nicken, winken oder den Kopf zu schütteln, und er nicht mehr auf so blödsinnige Ideen kommt, wie Lina eine Sonnenbrille zu schenken oder ihr seine Pantomime vorzuspielen, wird einige Zeit vergehen. Und damit ist die Prämisse einer Romantic Comedy gegeben, wie man sie gerade aus Deutschland so noch nicht erlebt hat. Nicht nur, weil Phillip Stummfilme liebt, sein Arbeitsalltag an Modern Times erinnert, und er sich in eine Blinde verliebt (vgl. City Lights), wirkt Philip wie ein Anachronismus. Aber Ganz nah bei Dir erinnert weniger an die Anfänge des Filmzeitalters, sondern an die 1950er, an Regisseure wie Jacques Demy oder Jacques Tati, deren Mut zum verspielten Design hier in eine graue Trostlosigkeit übertragen wird, die erstaunlich zeitlos wirkt, und anders als bei Aki Kaurismäki oder Terry Gilliams Brazil, die Regisseurin Almut Getto offensichtlich ebenfalls verehrt, öffnen sich Philip und sein Film sehr schnell dem weiblichen Farbtupfer im Leben, der alles verändern wird. Und als Zuschauer wird man mitgerissen. Nicht nur von der Schildkröte Paul, sondern von den Figuren und Darstellern, den Kostümen, den lakonischen Dialogen, der verspielten, aber zurückhaltenden Bildregie, der urbanen Topographie, der subtilen Farbdramaturgie, und allerspätestens beim Schlusssong auch von der Musik.

Nachdem ihr Debüt Fickende Fische bereits für einiges Aufsehen sorgte, könnte Ganz nah bei Dir Almut Getto endlich die Aufmerksamkeit verschaffen, die diese Regisseurin offensichtlich verdient. Wie zielsicher sie gerade die leisen Töne auf der Klaviatur der Gefühle trifft, davon könnten viele junge Regisseurinnen beiderlei Geschlechts einiges lernen. She’s a shooting star, there’s no stopping her!