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Die Box




17. August 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Suicide Squad (David Ayer)


Suicide Squad
(David Ayer)

USA 2016, Buch: David Ayer, Kamera: Roman Vasyanov, Schnitt: John Gilroy, »Additional Editors«: Kevin Hickman, Angela Jekums, Geoffrey O'Brien, Michael Tronick, Musik: Steven Price, Kostüme: Kate Hawley, Production Design: Oliver Scholl, Visual Effects: Jerome Chen, mit Will Smith (Floyd Lawton / Deadshot), Margot Robbie (Dr. Harleen Quinzel / Harley Quinn), Joel Kinnaman (Colonel Rick Flag), Viola Davis (Amanda Walker), Jared Leto (The Joker), Cara Delevingne (Dr. June Moone / Enchantress), Jai Courtney (Captain Boomerang), Jay Hernandez (Diablo), Adewale Akinnouye Agbaje (Killer Croc), Karen Fukuhara (Katana), Scott Eastwood (Lieutenant »GC« Edwards), Ike Barenholtz (Captain Griggs), David Harbour (Dexter Tolliver), Adam Beach (Christoph Weiss / Slipknot), Common (Monster T), Ben Affleck (Bruce Wayne / Batman), Shailyn Pierre-Dixon (Zoe), Ezra Miller (The Flash), Alain Chanoine (Business Man / Incubus), 123 Min., Kinostart: 18. August 2016


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Holy crapola!

Während man für das Marvel Cinematic Universe Regisseure wie Joss Whedon, James Gunn, Kenneth Branagh oder Shane Black bemüht, reicht es bei DC nur für Zack Snyder und jetzt David Ayer. Letztgenannter schrieb eine Zeitlang Drehbücher zu Filmen wie S.W.A.T., Training Day (beide gesehen und für unterschiedlich schlecht befunden), U-571 oder The Fast & the Furious, ehe er in den Regiebereich wechselte und dort ähnliche Stoffe bevorzugte. Glorifizierte, aber oft korrupte Bullen schießen noch verkommenere Gangster über den Haufen - Filme für »harte Jungs«, die Schießereien toll finden, und aufgrund der eigenen moralischen Situierung ganz auf »Graustufen« bei ihren »Helden« abfahren. Ich habe davon nur End of Watch gesehen (trotz Jake Gyllenhaal komplett indiskutabel), aber die anderen haben die selbe Marschrichtung: Sabotage (DEA task force), Street Kings (undercover cop fights gangs) oder Fury (World War II soldiers on a deadly mission), um auch den konkret militaristischen Bereich abzudecken.

Für ein Vehikel wie Suicide Squad, in dem es keine Helden, sondern fast nur Schurken gibt, wirkt Ayer fast ideal, aber ich hatte schon im Vorfeld so meine Befürchtungen. Aber weil ich tief im Herzen DC-Fan bin, sah ich auch das Potential eines solch ungewöhnlichen Projektes - gerade, wenn man noch dabei ist, sein filmisches Universum auf die Beine zu kriegen, um wieder mit Marvel gleichzuziehen.

Zu schade, dass das reichlich in die Hose ging.

Suicide Squad (David Ayer)

Bildmaterial: © 2016 Warner Bros Entertainment, Inc. and Ratpac-Dune Entertainment LLC; Foto: Clay Enos/ TM & © DC Comics


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origin staccato

In der gefühlt ersten halben Stunde des Films werden erstmal fast alle Figuren kurz vorgestellt, wobei man nur davon ausgeht, dass dem Zuschauer Batman, Superman und der Joker halbwegs vertraut sein sollten. Ich muss zwar zugeben, dass ich selbst trotz eines guten Jahrzehnts, in dem ich teilweise 25-30 DC-Comicserien im Abo hatte, auch nur ein eher vages Wissen um Deadshot, Harley Quinn oder El Diablo habe, Captain Boomerang nur aus geschätzt drei Flash-Heften und Amanda Waller nur aus dem Who's Who in the DC Universe (Loseblatt-Sammlung) kenne, aber die Art und Weise, eine Filmhandlung so zu beginnen, überzeugt so gar nicht.

Die meisten der Figuren bekommen so tatsächlich eine Art cinematographische Karteikarte, in der man den bürgerlichen Namen und einige Besonderheiten nachlesen kann, wenn man im richtigen Moment schnell viele Schriftzeichen erhaschen kann. Diese origin staccato zeichnet sich ferner durch auffällige Schrifttypen (am bescheuertsten fand ich den Font, den man für etwaige Untertitel wählte) und den mehrfachen Einsatz jener grellen Farben, die auch das Filmplakat zieren, aus. Wenn also beispielsweise das ikonische Eisengatter des »Arkham Asylum« zu sehen ist, kann es passieren, dass die Buchstaben kurz in grellem Violett erleuchten.

Wenn außerdem noch jede Vorstellung von einem prägnanten Pop- oder Rocksong der letzten vierzig Jahre begleitet wird, erinnert das Ganze mehr an MTV (glücklicherweise ohne Werbepausen) als eine ausgearbeitete Filmhandlung. Die Songauswahl ist zwar ganz eingängig (klar mainstreamiger als in Guardians of the Galaxy), aber im Grunde macht man es sich auch ziemlich einfach, setzt oft auf naheliegende Assoziationen (Sympathy for the Devil, Superfreak, Dirty deeds done dirt cheap für den Australier) und liefert damit ein generelles Gruppenprofil ab, das man auch mit badass and bat crazy zusammenfassen könnte.

Suicide Squad (David Ayer)

Bildmaterial: © 2016 Warner Bros Entertainment, Inc. and Ratpac-Dune Entertainment LLC; Foto: Clay Enos/ TM & © DC Comics


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Kurzinhalt

Die nicht für Gewissensbisse bekannte hochrangige Geheimagentin Amanda Walker (Viola Davis) will als Abwehr gegen Metahumans und terroristische Bedrohungen einsitzende Straftäter mit besonderen Kräften dazu erpressen, dass sie diesen dreckigen Job mit hoch anzusiedelnder Sterblichkeitsrate übernehmen. Dazu manipuliert sie auf infame Weise. Noch bevor sich zwischen den antisozialen Psychopathen so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln kann, wird aber eine von ihnen, die man offenbar nicht ausreichend unter Kontrolle hatte (Cara Delevingne in einer seltsamen Doppelrolle, die sie klar überfordert), zu jener Gefahr, die zuvor eigentlich gar nicht existent war. Und im Endeffekt dreht sich der gesamte Film darum, dass die durch eine törichte Aktion entstandene Bedrohung der Welt nun wieder ausgeschaltet werden muss.

Wie Kollege Staben mir im Gespräch offenbarte, könnte man das ja fast noch als bösartigen Kommentar auf gewisse Trends der US-Politik deuten. Doch so viel Intelligenz (oder auch nur Interesse an der realen Welt) wohnt dem Streifen definitiv nicht inne.


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Böse oder gut oder doch böse?

Suicide Squad ist ein Film, der erst mal keinerlei Identifikationsfiguren bietet. Wirklich gar keine! Selbst der hin und wieder durchs Bild laufende Batman ist in seiner Antagonistenrolle zu den noch am ehesten ausgereiften Figuren Deadshot (Will Smith) und Harley Quinn (Margot Robbie) keineswegs ein Held, sondern eher ein Lückenbüßer, dessen Motive man allenfalls aus dem Kontext erahnen kann.

Dass Batman wohl einer der Guten sein muss (zugegeben, nach einigen Jahrzehnten, in denen ich Batman-Comics las, wusste ich das schon), erkennt man immerhin in einer Szene, die gleichzeitig auch die einzige im Film ist, die emotional funktioniert. Deadshot aka Floyd (weil hier incognito) geht mit seiner Tochter Zoe (Shailyn Pierre-Dixon) spazieren, als Batman einen Zugriff auf den zielgenauen Auftragskiller unternimmt. Floyd rappelt sich schnell auf und hat sofort eine Schusswaffe im Anschlag, als die Tochter sich zwischen ihn und den Flattermann stellt - offensichtlich, um letztgenannten vor Paps zu schützen. Kurz darauf landet Floyd im Knast und die Liebe zu seiner Tochter ist durchgehend das eine Gefühl, das diesen Killer vielleicht noch retten könnte. Nur, dass selbst diese Konstellation später nicht mehr funktioniert, denn die buntbemalten Briefe, die Zoe täglich an Papas Knastadresse schickt, sind reine Makulatur.

Anhand des character arch von Floyd (leichte Spoiler!) will ich mal festmachen, warum Suicide Squad nicht nur spektakulär scheitert, sondern auch ein mittelgroßes Ärgernis darstellt. In einer späteren Szene versucht die böse Hexe »Enchantress« (Delevingne) Mitglieder des Squad durch Erfüllung derer innigsten Wünsche auf ihre Seite zu locken. In drei von vier Fällen sind dies Träume von Liebe und idealisierten Familien (selbst, wenn man den Partner zuvor selbst getötet hat). Nur bei Deadshot / Floyd, der (gerüchteweise aufgrund der Bemühungen Will Smiths, sein »Saubermann«-Image nicht zu beflecken) zwischenzeitig ganz so wirkt, als würde er sich doch für die gute Seite entscheiden, besteht die Fantasie darin, Batman zu erschießen. Noch dazu in einer Szene, die sehr der von vorher gleicht - nur ohne Einflussnahme der Tochter.

Noch eine Ecke vorgespult im Film: Deadshot erinnert sich an den Ratschlag der Tochter - in dem Moment, wo er gerade aus heroischen Gründen jemanden erschießen soll. Der Film zelebriert diesen Moment geradezu in Zeitlupe, nur mit dem Ergebnis Peng!

Dass der erfolgreiche (von der empfindlichen Haftstrafe mal abgesehen) Auftragskiller sich doch für sein Metier und sein Talent entscheidet, könnte man fast noch positiv werten - immerhin interessanter als die weichgekochte Papi-Kiste, die zum Tonfall des Films nicht recht passen will. Doch es gibt noch eine letzte Szene mit der Tochter, und hier sieht man Floyd dabei, wie er ihr bei den Mathehausaufgaben hilft. Und hier setzt sich Autor und Regisseur Ayer offensichtlich komplett gegen Familienmensch Will Smith durch. Denn plötzlich ist die Tochter hochinteressiert daran, wie der Vater bei der treffsicheren Ausübung seines Killerjobs mathematische und physikalische Gesetze einrechnet. Schon ganz zu Beginn des Films zeigt Deadshot, dass auch bei Kopfschüssen auf lange Entfernung die alte Billardregel »Einfallswinkel = Ausfallswinkel« zu funktionieren scheint. Und die Tochter wirkt verhalten begeistert darüber, wie Paps sie in seine Berufsgeheimnisse einweiht. Oder anders ausgedrückt: statt dass die Figur des Killers durch die Liebe zur Tochter zu Besserem bekehrt wird, ist es eher so, als würde er die tapfere und pazifistische Tochter in seine Richtung zerren und ihr weißes Unschuldsgewand beflecken - und das aus der Sicht auf den Film für einen nicht einmal besonders gelungenen Gag, den man ans Ende des Films drapiert, als ginge es um eine besonders wichtige Aussage.

Suicide Squad (David Ayer)

Bildmaterial: © 2016 Warner Bros Entertainment, Inc. and Ratpac-Dune Entertainment LLC; Foto: Clay Enos/ TM & © DC Comics


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Nach the bad & the ugly: das wenige Gute

Dass es im Blockbustersegment mit dem Erzählkino irgendwie den Bach runtergeht, ist keine Neuigkeit. Action, Spektakel und Effekte sind oftmals weitaus wichtiger als Storylogik oder eine nachvollziehbare Motivation der Figuren. Für diese Art Kino ist Suicide Squad ein weiteres trauriges Paradebeispiel. Die Fahrigkeit der MTV-Strecke mit den Kurzvorstellungen der Protagonisten wird beibehalten, die Scharen von Gegnern, die den Mittelpfad zwischen preiswerten Verkleidungen und uninspirierten CGI-Effekten einschlagen, lassen noch jede Zombieherde oder einen Indianerangriff aus den 1950ern wie durchdacht erscheinen. Worauf sich der Film versteht: knallige Oneliner, Margot Robbie als durchgeknallter Augenschmaus und jede Menge Design. Mal liegt der Joker in einem ornamentalen Kreis von Schuss- und Stichwaffen, Spielkarten und Champagnerflaschen und man fragt sich, wie lange wohl an dieser einen Einstellung (die dem Film keinen wirklichen Impetus verschafft) gebastelt hat. Auch die Kostüme und Requisiten sind teilweise bis ins Detail durchdacht: Boomerangs Plüsch-Einhorn, Deadshots Hoodie und Harleys kunstvoll zerschlissenes Shirt oder der trotz seiner Slapstick-Artigkeit gefährlich wirkende Hammer.

Was besonders dem aktuellen Zeitgeist nachempfunden ist, sind die zahlreichen Tattoos: ob Harley, ihr »pudding« Joker oder Diablo: man hat das Gefühl, dass für das ausgefeilte Tattoo-Design und die tägliche Maske mehr Zeit verwandt wurde als für das Drehbuch des Films. wobei es aber letztlich auch nur die absoluten Fanboys interessiert, in welcher feinziselierten Schriftart das »damaged« auf der Stirn des Jokers steht oder was man diesem Film noch durch die Standbildtaste für Geheimnisse entlocken kann.

Suicide Squad (David Ayer)

Bildmaterial: © 2016 Warner Bros Entertainment, Inc. and Ratpac-Dune Entertainment LLC; TM & © DC Comics

Letztlich fällt mir nur eine Comicverfilmung ein (und ich kenne verdammt viele), die ich als noch misslungener als Suicide Squad einschätzen würde, wenn es um ein geschlossenes Filmwerk geht und nicht um teilweise gelungene Einzeleffekte, Dialogfetzen, Over-Acting oder Musikeinsätze. Und das ist Frank Millers The Spirit, der nicht nur einen komplett misslungenen Mistfilm darstellt, sondern dabei noch einen Meilenstein der Comicgeschichte durch den Fleischwolf dreht (wobei Miller aus unerfindlichen Gründen sogar glaubt, er tue seinem verstorbenen Kollegen Will Eisner damit einen Gefallen). Von dieser Fallhöhe ist Suicide Squad glücklicherweise weit entfernt. Aber einen Flachköpper mit solch einem Budget so zu versemmeln, ist schon eine ziemliche Leistung. David Ayer hat es hiermit auf meine handverlesene kurze Liste der Filmschaffenden geschafft, denen ich vermutlich nie wieder eine Chance gebe, mich derart zu enttäuschen und aufzureiben.