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21. Februar 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Die Verlegerin (Steven Spielberg)


Die Verlegerin
(Steven Spielberg)

Originaltitel: The Post, USA 2017, Buch: Josh Singer, Liz Hannah, Kamera: Janusz Kaminski, Schnitt: Sarah Broshar, Michael Kahn, Musik: John Williams, Kostüme: Ann Roth, Production Design: Rick Carter, mit Tom Hanks (Ben Bradlee), Meryl Streep (Katherine "Kay" Graham), Bob Odenkirk (Ben Bagdikian), Sarah Paulson (Tony Bradlee), Alison Brie (Lally Weymouth), Bruce Greenwood (Robert McNamara, Zach Woods (Daniel Ellsberg), Carrie Coon (Meg Greenfield), Michael Stuhlbarg (Eugene Patterson), Bradley Whitford (Fritz Beebe), Tracy Letts (Paul Ignatius), David Cross (Phil Geyelin), Pat Healy (Phil Geyelin), Will Denton (Michael), David Costabile (Art Buchwald), Curzon Dobell (Richard Nixon), 116 Min., Kinostart: 22. Februar 2018

»Ein Plädoyer für Pressefreiheit und Feminismus«, »Hollywoods Antwort auf Donald Trump«, »Meryl Streep spielt zum Niederknien« (größtenteils paraphrasiert aus Titel, Thesen, Temperamente, wo man gleich danach eine neue Bucherscheinung über den aufkeimenden Feminismus der selben Zeit vorstellte, somit also vielleicht noch die thematische Gleichschaltung als Ausrede vorkramen könnte).

Ich bin ohne Vorwissen in den neuen Spielberg gegangen, habe nur die Warnungen einiger Kritikerkollegen zur Kenntnis genommen und war aufrichtig überrascht, wie großspurig didaktisch der Film beginnt, um dann immer deutlicher zur Lachnummer zu werden. Doch zahlreiche opinion leaders sind geradezu verschossen in den Film, was mich mehr verwundert als alles andere.

Die Verlegerin (Steven Spielberg)

© 2017 20th Century Fox Film Corporation and Storyteller Distrib. Co. LLC. All rights reserved.

Die Story davon, wie jenes Drehbuch in die Hände von Steven Spielberg geriet und er sein bereits größtenteils vorbereitetes SciFi-Videospiel-Spektakel Ready, Player One für einige Monate auf Eis legte, habe ich wohl vernommen. Und von Präsident Trump und seiner geifernden Idiotie und Meryl Streeps gefeierter Rede bei der letztjährigen Golden-Globe-Verleihung habe ich auch gehört.

Doch was andere als hochaktuell und bewundernswert einstufen, ist für mich eine überstürzte Trittbrettfahrerei, die ich von Spielberg, der normalerweise eher die Trends setzt, so nicht erwartet habe. Allzu viele Filme über Whistleblower werden aktuell rausgehauen, und der Seitenhieb auf Trump ist nicht gerade subtil.

Noch schlimmer ist aber, dass der Film für mich nie eine wirkliche Spannung erreichte. Tom Hanks verkörpert zum soundsovielten Mal einen Gutmenschen mit genauestens justiertem moralischen Kompass, während man bei den unzähligen (sehr gut gecasteten) Nebenfiguren wenigstens noch Abstufungen und Ambivalenzen gibt.

Die Verlegerin (Steven Spielberg)

© 2017 20th Century Fox Film Corporation and Storyteller Distrib. Co. LLC. All rights reserved.

Und Meryl Streep als Galleonsfigur der Gleichberechtigung? Selbst Sarah Paulsen in einer recht kleinen Rolle als Ehefrau von Hanks taugt eher zum role model. Zu Beginn des Films ist die Streep ein etwas verschüchtertes Mütterchen, das sich in Society-Kreisen auskennt (Oscar Wilde vergibt vier von fünf Gurken-Sandwichs), aber trotz intensivem Coaching keine Rede merken kann und die tolpatschig gegen Stühle rennt oder ihre Tasche fallen lässt. Man macht klar, dass sie als Geschäftsfrau, die die Washington Post geerbt hat und nun an die Börse gehen will, endlich ernst genommen werden will. Es wird klar gemacht, wem sie vertraut, auf wen sie hört, und wer ihr eher suspekt ist (Hanks als Chefredakteur Ben Bradlee, der offenbar gelernt hat, dass er seiner Chefin nicht immer alles erzählen sollte). Relativ blitzschnell entwickelt Streeps Figur dann ein Rückgrat, ein Gewissen und ein Selbstbewusstsein, dass Spielberg in einer Kreiselfahrt abfeiert, die Streep in einem güldenen Kleid im bewundernden Blick der Kamera zeigt. Während sie in warmes Licht und eine beständige Fahrt gehüllt wird, sieht man die in einem Schnittstakkato in kaltem blauen, stressigen Einzelbildern der Zeitungsmänner als deutliches Gegenteil.

Die Verlegerin (Steven Spielberg)

© 2017 20th Century Fox Film Corporation and Storyteller Distrib. Co. LLC. All rights reserved.

Was nützt es, wenn die komplizierte Geschichte von Drehbuch und Inszenierung leicht verständlich und durchaus komplex vorangetrieben wird, wenn der Film in den letzten zwanzig Minuten mit einem gefälligen Eiergeschaukel zum Feminismus-Märchen verkommt? Plötzlich ist »Die Verlegerin« Kay Graham, ganz wie die politisch gewichtige Schauspielikone, für die Trump nur Schmäh über hat, zur Gesellschaftsikone, die alle Frauen bewundern. Selbst eine Regierungspraktikantin, also eine nominelle Gegenspielerin, würde sich am liebsten ihre Women's-Lib-Mitgliedskarte signieren lassen (ich übertreibe hier etwas), vor dem Gericht, in dem über das Schicksal der Post entschieden wird, stehen hübsch ausgewählte Beispielfrauen drapiert, die abermals voller Bewunderung zu ihr aufschauen, und die weiblichen Redaktionsmitglieder der Post sind plötzlich sehr präsent, wo man sie zuvor als Tippsen und Putzfrauen kaum wahrnahm. Da schüttelt es mich.

Und um dem Ganzen noch einen aufzusetzen, wirkt es dann so, als h√§tte das neue Super-Vorbild, das wir mit 45 Jahren Verspätung abfeiern sollen (bei der realen Person durchaus angemessen, aber ich spreche hier über die Darstellung im Film), nach der sicherlich aufreibenden Gerichtssitzung in der Folgenacht (der Zuschauer hat genau mitbekommen, wann die Post gedruckt wird) nicht besseres zu tun, als - vermutlich zum ersten Mal - in der Druckerei aufzutauchen, um pittoresk und ehrfurchtsvoll zu den Gebetsmühlen der Pressefreiheit aufzuschauen, bis sie dann mit dem ebenfalls unter Schlafstörungen leidenden Chefredakteur in der Ferne kleiner zu werden. Da fehlt fast nur noch der Sonnenuntergang à la Lucky Luke (immerhin hat Spielberg nicht vergessen, dass eher bald der Aufgang ansteht). Das ist Spielbergkino zum Erbrechen. (Und wenn es schon so im Drehbuch stand, dann hätte er den Moment halt kritisch hinterfragen müssen.)

Die Verlegerin (Steven Spielberg)

© 2017 20th Century Fox Film Corporation and Storyteller Distrib. Co. LLC. All rights reserved.

Ich gestehe Herrn Spielberg eine hohe Anerkennung ein, dass er, ähnlich wie Clint Eastwood zu seiner aktivsten Regiephase, mal einfach so eine so komplexe Story runterdrehen kann, aber seine sorgfältiger durchdachten Filme sind da schon noch um einiges gelungener. The Post ließ mich kälter als Munich, selbst War Horse erzählt sein Kriegsmärchen mit kraftvolleren Bildern, wo hier die auffälligsten Einstellungen eher auch die ärgerlichsten sind (inklusive der Passagen zum Schluss, die den Film im Grunde zum überflüssigen Prequel zu All the President's Men machen).

So einen braven Obrigkeits- und Genialitätsglauben, wie ihn manche Kritiker Spielberg gegenüber liefern, würde Donald Trump sich von Herzen wünschen!