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Die Box




28. Februar 2018
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Call me by your name (Luca Guadagnino)


Call me by your name
(Luca Guadagnino)

Italien / Frankreich / Brasilien / USA 2017, Buch: James Ivory, Lit. Vorlage: André Aciman, Kamera: Sayombhu Mukdeeprom, Songs: Sufjan Stevens, Schnitt: Walter Fasano, Kostüme: Giulia Piersanti, Production Design: Samuel Deshors, mit Timothée Chalamet (Elio Perlman), Armie Hammer (Oliver), Michael Stuhlberg (Perlman), Amira Casar (Annella Perlman), Esther Garrel (Marzia), Victoire du Bois (Chiara), Vanda Capriolo (Mafalda), Antonio Rimoldi (Anchiese), André Aciman (Mounir), 132 Min., Kinostart: 1. März 2018

Regisseur Luca Guadagnino muss auch so etwas wie ein acquired taste sein, mir fällt es jedenfalls schwer, mich auf seine Filme einzulassen. Schon sein A Bigger Splash wurde ziemlich abgefeiert, während er mich eher kalt ließ. (I am Love und seine vermutlich italienischsprachigen Filme zuvor habe ich nicht gesehen, weshalb ich darauf nicht so recht eingehen kann.)

Der Rummel, der insbesondere in den USA um Call me by your name gemacht wurde, ist aber schon auf einem höheren Level, während ich nicht einmal mitbekommen hatte, dass der Film letztes Jahr auf der Berlinale lief (natürlich im Panorama). Die Kombination der Romanvorlage von André Aciman, offenbar ein moderner Klassiker im Bereich der queeren Literatur mit dem Drehbuchautor James Ivory bietet einiges an Buzz. (Ich muss zugeben, ich hätte gedacht, Ivory wäre verstorben, weil ich mir einen der letzten Filme, die ich mit ihm verbinde, noch als VHS gekauft habe, aber es ist so, dass seine letzten beiden Regiearbeiten The City of Your Final Destination und The White Countess beide keinen Kinostart in Deutschland bekamen - und dann ist man auch schon 2003 - übrigens auch bei den Drehbüchern - bei Le Divorce, an den ich mich tatsächlich vom Titel her vage erinnern kann, auch wenn ich ihn nie sah.) Und gerade die erotische Spannung des Stoffs sorgte wohl für eine positive und nicht durch sexuelle Vorlieben eingeschränkte Mundpropaganda, die ich mit den USA schon mal gar nicht verbinde, fast auf einem Level mit Bernardo Bertoluccis L'ultimo tango à Parigi - wobei Guadagnino Bertolucci zusammen mit dem für seine Sommerliebeleien bekannten Eric Rohmer zu seinen Regieeinflüssen zählt.

Die Geschichte spielt im Sommer 1983 in Norditalien, wo der italoamerikanische und 17jährige Elio Perlman (Shooting Star Timothée Chalamet) mit seinen Eltern (Michael Stuhlbarg, Amira Casar) lebt. Elio ist gerade in einer von Hormonschüben und Experimentierfreudigkeit gekennzeichneten Phase seiner Jugend, während die Eltern, eine Übersetzerin und ein Archäologe ihm eine klassische Bildung mit Klavierspiel und Literatordiskussionen angedeihen (was ihm durchaus zu gefallen scheint), beim Hinzustoßen eines amerikanischen Doktoranden namens Oliver (Armie Hammer, der nach seinen Anfängen im Blockbuster-Kino immer mehr zum wandlungsfähigen Liebling des Kunstkinos wird) aber ein wenig schlafmützig erscheinen.

Call me by your name (Luca Guadagnino)

© 2017 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Für Elio dreht sich in diesem Sommer alles um seine italienische Freundin Marzia (Esther Garrel) und den mysteriösen älteren Oliver, der in Elios Zimmer einzieht und einen besonderen Beitrag zu Elios Coming-of-Age liefert. Um zu erklären, warum ich gewisse Vorbehalte gegenüber dem Film entwickelte, muss ich etwas ausholen und auch einen nicht unwesentlichen Handlungsdreh herausplaudern, eine gesonderte Spoilerwarnung folgt noch.

Wie ich dem Presseheft entnehmen konnte, das ich zirka einen Monat nach Filmsichtung erstmals inspiziere, soll Oliver 24 sein. Dass der eher kleinwüchsige Chalamet älter ist (Jahrgang 1995) als der von ihm verkörperte 17jährige Elio, habe ich nebenbei mitbekommen, und man würde ihm vielleicht sogar einen 15jährigen abnehmen, aber wenn das Alter von Oliver im Film genannt wurde, muss ich das überhört haben, und Armie Hammer (Jahrgang 1986) wirkt auf mich deutlich reifer als Elio. 1983 war man ja noch nicht so zielorientiert und karrieregeil wie im 21. Jahrhundert, und Oliver wirkt auch keineswegs wie ein dauerhaft hinter seinen Büchern verschwindender Vorzeigestudent, sondern eher wie ein Lebemann und Langzeitstudent (der italienische Sommer scheint ihm wichtiger als seine Studien), den ich jetzt klar in seinen Dreißigern verortet hätte.

Call me by your name (Luca Guadagnino)

© 2017 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Wie sich die Anziehung zwischen Elio und Oliver immer stärker intensiviert, ist einer der wichtigsten Punkte des Films, und diesen erotischen Tanz mit einem Schritt vor, zwei zurück, wie Magneten, die sich mal abstoßen, dann wieder sehr nahe kommen, hat man in dem über zwei Stunden langen Film auch bis zum Gehtnichtmehr ausgereizt. Dass Oliver seine Homosexualität nicht überdeutlich offenbart, sondern auch mal mit italienischen Mädchen rumknutscht, eine gewisse weibliche Fanbase aufbaut und nicht zuletzt auch wegen der etwas neugierigen Hausangestellten Mafalda immer den Schein wahrt, ändert nichts daran, dass Elio an seinem neuen Freund so interessiert ist, dass er schließlich auch die durchaus willige Marza vernachlässigt.

Der dramatischste Teil des Films dreht sich um eine Verabredung um Mitternacht, die fast wie der Suspense einer tickenden Uhr bei Hitchcock inszeniert wird. Quasi der gesamte Ablauf eines Tages dreht sich aus der Sicht von Elio immer wieder darum, dass er sich informieren muss, wie lange es noch ist bis Mitternacht. Selbst, als er dann mit Marzi aktiv wird, schaut er etwa in einer Szene durch ihre Schenkel auf die neben dem Uhr befindliche Uhr, was schon einen humoristischen Aspekt hat, solange man sich nicht mit Marzis Perspektive befasst, die ähnlich wie Michelle Williams in Brokeback Mountain fast zur tragischen Figur wird (und als Donaldist und Schalke-Fan bin ich eigentlich immer auf der Seite der Verlierer)

Gleich kommt der Absatz mit dem Spoiler, ggfs. überspringen oder hier abbrechen, man weiß ja auch langsam ziemlich viel über die eher sparsam verteilte Handlung des Films.

Call me by your name (Luca Guadagnino)

© 2017 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Eine besondere Rolle in der sich langsam entwickelnden Affäre spielen aber Elios Eltern, die - zumindest auf mich - so wirken, als bekämen sie nichts davon mit, dass Elio und Oliver nicht nur gute Kumpel sind und die beiden dann sogar auf einen gemeinsamen Ausflug schicken. Das wirkt erst im Zusammenspiel von Geheimhaltung und unabsichtlicher Mithilfe witzig, aber später kommt dann das Gespräch mit dem tolerantesten und weisesten aller Väter, der in seiner Jugend auch mal vor einer Experimentierphase stand und es Zeit seines Lebens bereute, dass er diesem Impuls nicht folgte. Das ist ja auch ganz hübsch und aus der Sicht des Romanautors Andr√© Aciman sogar autobiographisch begründet, aber wenn man halt - wie ich - davon ausgeht, dass dieser Oliver, mit dem der liebe Papa seinen minderjährigen Sohn quasi in den Sexurlaub schickt, fast doppelt so alt ist, dann wirkt das alles etwas seltsam und unglaubwürdig. Dass man Homosexualität Anfang der 1980er noch anders als heute betrachtet hat, ist eine Sache, aber ich würde es selbst dann immens seltsam finden, wenn Elio eine Tochter wäre.

Ein anderer Aspekt des Films, den ich eher seltsam fand, war der vor allem durch ein Halsband mit Davidstern symbolisierte jüdische Glaube, der eine große Rolle in der Synergie spielen sollte, aber für mich eher eine behauptete, nicht weiter verfolgte »Deko-Entscheidung« darstellte.

Call me by your name (Luca Guadagnino)

© 2017 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Das Sinnliche des Films ist durchaus gelungen, die Sache mit dem Pfirsich (»I'm sick, aren't I?« - »I wish every one would be as sick as you!«) fand ich jetzt ein gutes Dutzend Jahre nach American Pie und noch länger nach diesem Film mit dem schwer pubertierenden Jungen und der Wassermelone (Léolo, Kanada / Frankreich 1991, mein seltsam funktionierendes Gedächtnis hatte was mit »melo« angeboten und war von einer südeuropäischen Herkunft ausgegangen) nicht wirklich mehr »schockierend«, aber ich muss auch sagen, dass mich die als so super-duper-romantisch und really deep dargestellte Sache, die zum Titel beitrug, jetzt auch nicht unbedingt dahinschmachten ließ.

Call me by your name ist für mich nicht viel mehr als ein sehr sinnlicher Film, der aber lange braucht, um einen gewissen Drive aufzubauen, und der in manchen Momenten auf mich, sagen wir mal »sperrig« wirkte. Da fand ich den größtenteils übersehenen God's Own Country letztes Jahr ungleich berührender und gelungener. Nicht zuletzt auch, weil dort die Figuren handfest und glaubwürdig wirkten, während diese ganze multilinguale Hochkultur-Intellellen-Kiste schon etwas hübsch zurechtdrapiert wirkte.