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Die Box




27. September 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  L.O.U. (Dave Mullins)


L.O.U.
(Dave Mullins)

USA 2017, Buch: Dave Mullins, Schnitt: Anthony Greenberg, Musik: Christophe Beck, 6 Min., Kinostart: 28. September 2017 (Vorfilm von Cars 3)

Spoiler-Hinweis: der folgende Text erzählt die gesamte Geschichte des Films nach.

Das Prinzip der beseelten Spielzeuge, die sich nur bewegen, wenn sie beobachtet werden, trug den ersten abendfüllenden Pixar-Spielfilm und seine (bisher) zwei Sequels. Beim neuesten Pixar-Kurzfilm greift man wieder darauf zurück, mit der gesamten asimovschen Mythologie (das Wohl des Kindes steht an erster Stelle, noch vor der Selbsterhaltung!).

Vom Genre her beginnt Lou wie ein Horrorfilm, wie eine Weiterführung der makabren Experimente des bösartigen Nachbarjungen Sid aus Toy Story, der Spielzeuge zunächst massakrierte und dann aus ihren »Leichenteilen« wie ein junger Dr. Frankenstein neue Geschöpfe bastelte - nur, dass er lange Zeit nicht geglaubt hätte, dass die Ursprungskreaturen oder seine bizarren Basteleien tatsächlich zum Leben erweckt werden könnten.

In Lou sieht man zunächst einen Ort des Friedens, einen Kinderspielplatz voller glücklicher, spielfreudiger Bewohner, die beim Läuten der Glocke viele Spielzeuge (aber auch Kleidungsstücke und ähnliches) zurücklassen. Und dann beginnt eine seltsame Kreatur, die sich hinter Büschen und ähnlichem verbirgt, die Gegenstände einzusammeln.

Der Berliner Anfang des Films ist ein wenig überinszeniert, was einerseits der Hektik der Großstadt geschuldet ist, aber auch davon zeugt, dass die eigentliche Story möglichst schnell beginnen soll. Mit der Lungenärztin Dr. Murtsakis (Jasmin Tabatabai) und der unnachahmlichen Steffi (Shenia Pitschmann) geht es dann in Richtung Humor und »auf Krawall gebürstet«, mit dem Betreuer Matthias (Jerry Hoffmann) ist eine erste Vertrauensperson gefunden, und dann beginnt das Bergabenteuer - der Kern des Films - was auch über Parallelmontagen zu den Eltern und Rettungsbemühungen bestens funktioniert.

Das hat was von Spielbergs Jaws (dt.: Der weiße Hai), geschieht mit dem hohen Tempo eines Horrorfilms, ist aber kindertauglich, komplett nicht bedrohlich. Von dem Wesen, das implizit den Namen Lou trägt (und ganz sicher nicht L.O.U., wie der Film aus unerfindlichen Gründen in Deutschland heißt), ist zunächst kaum zu sehen, wie der Hai bei Spielberg. Doch nach und nach erhascht man immer mehr.

L.O.U. (Dave Mullins)

© 2017 Disney • Pixar. All Rights Reserved.

Lou besteht aus den zurückgelassenen Spielzeugen: Zwei unterschiedlich große Bälle mit Knöpfen bilden die Augen, ein Sweater formt den Oberkörper, ferner bewegen sich ein Badmintonschläger, ein Football (den man zu Beginn des Films in einem Baumwinkel festhängen sah), ein Baseballhandschuh und eine Spirale, die an Slinky aus Toy Story erinnert, wie eine winzige Volksbewegung, die - Kernstück jeder Kinderfantasie - jederzeit ihre Gestalt ändern kann. Ein Säckchen Murmeln kann zu einem (abermals harmlosen) Geschoss werden, alles scheint möglich.

Die Motivation dieses Wesens besteht darin, Kinder wieder mit ihren Besitztümern zu vereinen. Es lebt in einer Kiste, auf der »Lost and Found« steht und bezieht seinen (vom Film suggerierten) Namen aus der Ellipse der abhanden gegangenen Buchstaben. Dort verborgen, drapiert Lou die Spielsachen so, dass die Kinder sie zu Beginn der nächsten Pause fast sofort entdecken.

Doch dann kommt ein Störenfried dazu, ein dickliches, etwas älteres Kind, ein echter Bully, dessen gegensätzliche Hauptbetätigung darin besteht, den Kindern die geliebten Gegenstände wegzunehmen, sie dabei noch zu demütigen und die Beute aus reiner Bosheit in seinem Rucksack zu verstauen.

L.O.U. (Dave Mullins)

© 2017 Disney • Pixar. All Rights Reserved.

Man sieht, wie Lou dieses Vorgehen missbilligend, ja empört beobachtet, und gegen die in Toy Story etablierten Regeln verbreitet Lou jetzt Angst und Schrecken (ganz wie einst bei Sid) - allerdings nur in der Pause dem Bully gegenüber, der sich nach dem anfänglichen Schock aber zur Wehr setzt.

Nach diesem actionreichen Teil des Films macht Lou eine folgenschwere Entdeckung: Anhand eingestickter Initialen identifiziert Lou den Bully als »J.J.«, und in seiner Kiste liegt irgendwo auch ein Teddybär mit den selben Buchstaben.

Für einen Moment sehen wir einen Flashback zur Zeit, als J.J. selbst ein ganz kleines Kind war, und das Opfer der Drangsalierung durch die größeren Kinder. Implizit weiß auch Lou von dieser Vergangenheit. Und zwingt so den Bully - ohne Worte - die stibitzten Spielzeuge den Kindern zurückzubringen.

L.O.U. (Dave Mullins)

© 2017 Disney • Pixar. All Rights Reserved.

Das ist für J.J. eine Demütigung wider seine Natur, und er absolviert die Aufgabe zunächst widerwillig. Doch dann erfährt er, wie die verhassten kleinen Kinder aufgrund seines veränderten Verhaltens ebenfalls anders auf ihn reagieren. Ein Mädchen ist übermannt von seinem plötzlichen Wandel und umarmt ihn, zwei Jungs wollen mit ihm Ball spielen - plötzlich ist er nicht mehr der gefürchtete Widersacher, sondern ein Spielkamerad.

Mit dieser reichlich didaktischen Message belässt es der Film aber nicht, denn nebenbei wird J.J. auch der Exekutor von Lous ultimativem Opfer: er gibt und gibt, bis alle seine Einzelteile glückliche Besitzer finden und er zu existieren aufhört. Natürlich auch, weil er jetzt nicht mehr gebraucht wird. Aus zwei monsterhaften Wesen wird so etwas wie ein Team aus Knecht Ruprecht und dem Weihnachtsmann.

Das mag man im Detail etwas rührselig finden, aber vom high concept her ist Lou exakt das, was wir bei den Pixar-Filmen der letzten Jahre vermissten. Und für mich sind sechs Minuten Film nicht weniger wert als 90 - solange das Werk stimmig ist und überzeugt.