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16. August 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


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Männernamen



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  Träum was Schönes - Fai bei sogni (Marco Bellocchio)

Träum was Schönes
- Fai bei sogni
(Marco Bellocchio)

Originaltitel: Fai bei sogni, Italien / Frankreich 2016, Buch: Valia Santella, Edoardo Albinati, Marco Bellocchio, Lit. Vorlage: Massimo Gramellini, Kamera: Daniele Cipr√", Schnitt: Francesca Calvelli, Musik: Carlo Crivelli, Kostüme: Daria Calvelli, mit Valerio Mastandrea (Massimo), Bérénice Bejo (Elisa), Guido Caprini (Massimos Vater), Nicolò Cabras (Massimo als Kind), Dario dal Pero (Massimo als Teenager), Barbara Ronchi (Massimos Mutter), Emmanuelle Devos (Enricos Mutter), Fausto Russo Alesi (Simone), Piera Degli Esposti (Simones Mutter), Roberto Herlitzka (Pastor Abisso), 134 Min., Kinostart: 17. August 2017

Wenn man sich im Leben mal für die Mathematik entschieden hat, rechnet man alle Nase lang alles mit. So ist zumindest mein persönlicher Eindruck. Wenn ich dann im Presseheft zu Fai bei sogni lese, dass Regisseur Marco Bellocchio, ein italienischer Altmeister, von dem ich aber nie einen Film zu Gesicht bekam, im Jahr 1939 geboren ist und seinen Debütfilm 1956 ablieferte, dann wundere ich mich, warum jemand mit 16 oder 17 schon Filmregisseur wird. Vor allem, wenn er 1959 sein Philosophiestudium abbricht, um sich der Filmkunst zu widmen. Und siehe da, in der Filmographie ist das Debüt dann plötzlich von 1965. Ein simpler Zahlendreher, aber wenn man mitrechnet, fragt man sich, warum das den Autoren nicht aufgefallen ist.

Leider hat die Angewohnheit des Mitrechnens mir auch den Film madig gemacht. Erst im Nachhinein erfuhr ich, dass der Film die Adaption eines autobiographischen Romans ist. Die Hauptfigur hat sogar den selben Vornamen wie der Autor. Da die Handlung gut vierzig Jahre umreißt, man sich aber größtenteils entschlossen hat, die genauen Jahreszahlen nicht einzublenden, gibt es hier eine Menge nachzurechnen, und manches scheint hier nicht ganz hinzukommen...

Aber um das Pferd mal anders aufzuzäumen: Fai bei sogni erinnert ein wenig an die psychoanalytischen Filme Alfred Hitchcocks, also vor allem Spellbound und Marnie. Dort geht es jeweils darum, dass sich jemand in eine Person verliebt, die unter einem psychologischen Trauma leidet. In Fai bei sogni spielt diese Liebe zwar auch eine Rolle, aber Hauptfigur Massimo will selbst herausbekommen, was damals wirklich passierte, als er mit neun Jahren seine Mutter verlor und ihm die Erwachsenen offenbar nicht die Wahrheit erzählten.

Während Hitchcock die Psychoanalyse jeweils ziemlich reißerisch aufbauscht und in Kontrast zu einem Kriminalfall stellt, der am besten gleichzeitig »aufgelöst« werden soll, hat Fai bei sogni den Vor- und Nachteil, dass es a) nicht sicher um einen Kriminalfall geht (ich muss das aus Spoiler-Vermeidungsgründen etwas schwammig ausdrücken), b) zwar auf einem Roman aufbaut, das autobiographische Element aber glaubhaft wirkt, und c) der Film sich hier vierzig Jahre Zeit lässt für die »Auflösung« und nebenbei auch viel über den Zeitenwandel in Italien erzählt.

Der Anfang des Film, in dem man den neunjährigen Massimo (Nicolò Cabras) noch mit seiner Mutter (Barbara Ronchi) sieht, mit der er Twist tanzt, einen Gruselfilm schaut und er sie über ein küssendes Paar im Bus ausfragt, ist vielversprechend.

Gleichzeitig beginnt der Film aber auch »neu« im Turin des Jahres 1999, wo der deutlich ältere Massimo (Valerio Mastandrea) nach dem Tod des Vaters dessen Wohnungsauflösung vornimmt und hierbei nach zusätzlichen Indizien sucht.

Die Geschichte wird dann von zwei Seiten aus aufgerollt, wobei es um typisch italienische Themen wie Religion und Fußball geht, man nebenbei aber auch erfährt, dass der ältere Massimo mit der Ärztin Elisa (Bérénice Bejo) eine Frau findet, die hier quasi die Ingrid-Bergman-Rolle übernehmen und ihm helfen könnte - denn auf subtile Weise trägt er die alten Probleme immer noch mit sich herum. Er weiß, dass irgendwas nicht stimmt und will es jetzt genau wissen.

Wenn man nach gut zwei Stunden dann herausbekommen hat, worin Massimos Problem bestand (unter anderem über einen etwas seltsamen Gruselfilm, bei dem ich bis jetzt nicht weiß, ob es den wirklich gab oder ob er das fiktivste aller Elemente dieses Films darstellt), kann man im Nachhinein feststellen, wie hübsch alles zusammenpasst. Nahezu alle rätselhaften Eindrücke, die auf den Jungen damals einen großen Eindruck gemacht haben (teilweise hat er auch selbst sehr seltsam gehandelt), stehen in einem ziemlich deutlichen Zusammenhang mit der »Auflösung«.

Das Problem hierbei ist: So wie der Junge unterschwellig wohl ahnte, was wirklich passiert sein muss, ist es auch für den Zuschauer keine riesige detektivistische Aufgabe, etwas früher auf die Lösung zu kommen. Doch - und hier wird's schade - ich hatte auch gar nicht den Impuls, das Geheimnis früher herauszubekommen, weil für mich das größte Geheimnis darin bestand, warum man so einen weitschweifigen Film dreht, dessen »Auflösung« schließlich für Massimo (auch als Romanautor) durchaus wichtig ist, aber für mich den langen Weg über Teenagererlebnisse, eine unwahrscheinlich klingende Berufskarriere und diverse wichtige zeitgeschichtliche Anlässe, die ich während der Filmhandlung immer wieder versuchte, in ein zeitliches Gerüst einzupassen, nicht rechtfertigt.

Der Film hat einige tolle inszenatorische Ideen (mir gefielen am besten die Anleihen bei Jacques Tourneurs Cat People, der hier mit realen Schwimmbaderlebnissen in einen Zusammenhang gestellt wird), aber letztlich habe ich mich einfach nicht interessiert für die Auflösung und somit den ganzen Film. &Umml;brigens ein Umstand, der für mich die genannten Hitchcock-Filme auch nicht zu Höhepunkten seines Werks macht.

Hiermit sollte dem Leser immerhin ein Anhaltspunkt gegeben sein, ob er sich auf diese gut zweistündige Seelenarchäologie einlassen sollte oder nicht.


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  Als Paul über das Meer kam (Jakob Preuss)

Als Paul über das Meer kam – Tagebuch einer Begegnung
(Jakob Preuss)

Deutschland 2017, Buch: Jakob Preuss, Kamera: Juan Sarmiento G., Schnitt: Franziska von Berlepsch, Karoline Vielemeyer, Musik: The Trouble Notes, Gary Marlowe, mit Paul Nkamani, 97 Min., Kinostart: 31. August 2017

»Tagebuch« heißt in diesem Fall, dass verschiedene Tage auf dem Weg des aus Kamerun stammenden Paul Nkamani über Marokko nach Deutschland dokumentarisch festgehalten werden. Die Tage sind durchlaufend numeriert (1, 4, 12, 17, 28, 37, 55, [...] bis zur 730, die schon zum Abspann gehört) und mit kleinen Überschriften versehen (»Risiken minimieren«, »Im Reiseführer steht es nicht«, »Gefahr animiert zum Beten«, »Oh, là là«, »Das deutsche System«, »Verschiedene Realitäten« usw.).

Die filmische Begleitung der Reise beginnt in einem Waldstück bei Nador (Marokko), nahe des Mittelmeeres, in einem (von den Flüchtlingen) improvisierten Camp, wo man noch eine deutliche Distanz zwischen dem Regisseur und seinem Protagonisten spürt (»Wir trinken nicht aus Genuss, sondern um den Alltag zu vergessen.«)

Die ursprüngliche Begegnung wird wie willkürlich, zufällig präsentiert, dem Presseheft kann man aber entnehmen, dass beide Jura studiert haben, was schon eine gewisse Gemeinsamkeit herstellt.

Der Weg nach Deutschland wurde nicht immer vom Kamerateam begleitet, insbesondere natürlich die Mittelmeerüberquerung. Hier hat man sich dann mit Zeichnungen beholfen, um die Lücken in der Erzählung zu schließen.

Mir ist relativ früh aufgefallen, dass der Name Paul im Gespräch immer englisch oder französisch ausgesprochen wurde, Regisseur Jakob Preuss aber in seinen eingesprochenen Textpassagen jeweils von einem »quasi-deutschen« Paul spricht, was mir wie ein Widerspruch erschien, oder eine Art Manipulation. Doch dies erklärte sich ganz einfach dadurch, dass die Postproduction natürlich erst viel später begann und Paul, der später bei den Eltern des Regisseurs unterkam, von diesen mit dem deutschen Namen angesprochen wurde, wodurch sich dieses wohl auch auf den Regisseur übertrug.

Paul soll dem »namenlosen« Flüchtlingsschicksal ein Gesicht verleihen, aber es geht im Film auch um die andere Seite, um die EU-Politik, Grenzpolizisten, die von ihrem Job auch nicht unbedingt angetan sind oder überforderten LaGeSo-Angestellten.

Spätestens, wenn sich aus dem Verhältnis Regisseur / Protagonist so etwas wie eine Freundschaft entwickelt und Jakobs Vater es sich zum neuen Ziel gemacht hat, dem neuen »Familienmitglied« die deutschen Sprache beizubringen, verlässt man natürlich ein wenig den Dokumentarbereich, aber das scheint mir um vieles besser als das gegenteilige Extrem, das streng unparteiische »Draufhalten« einer Kamera, wenn jemand gerade im Mittelmeer um sein Leben schwimmt. Hier muss man sich dann zwischen persönlicher Verantwortung als Filmemacher oder als Mensch entscheiden, und die Entscheidung muss und will ich auch als Filmkritiker gutheißen.

Die Geschichte von Paul ist übrigens noch nicht vorbei, wie eine Pressemitteilung kurz vor Kinostart verlauten ließ. Hier versagt dann auch die geschlossene Form des Mediums Film an der fortgesetzten persönlichen Geschichtsschreibung. Tag 730 wirkte nicht wie ein Happy End, aber hoffnungsvoll. Ob der Film jetzt für die endgültige Asylentscheidung eine konkrete Rolle spielt, wäre schon wieder ein Sujet für einen neuen Film.


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  Magical Mystery oder die Rückkehr des Karl Schmidt (Arne Feldhusen)

Magical Mystery
oder die Rückkehr
des Karl Schmidt
(Arne Feldhusen)

Deutschland 2017, Buch, Lit. Vorlage: Sven Regener, Kamera: Lutz Reitemeier, Schnitt: Benjamin Ikes, Musikkonzept: Charlotte Goltermann, Kostüme: Anette Guther, Szenenbild: Vicky von Minckwitz, mit Charly Hübner (Karl Schmidt), Detlev Buck (Ferdi), Marc Hosemann (Raimund), Annika Meier (Rosa), Bastian Reiber (Basti), Jacob Matschenz (Holger), Bjarne Mädel (Werner Meier), Sarah Bauerett (Anja), Leon Ullrich (Dubi), Jan-Peter Kampwirth (Schöpfi), Sarah Viktoria Frick (Sigi), 111 Min., Kinostart: 31. August 2017

Ich gehöre zu den vier Menschen in Deutschland, die nie Herr Lehmann sahen. Damals kam irgendwas dazwischen, und inzwischen habe ich eine so ausgeprägte Christian-Ulmen-Allergie, dass ich den Film vermutlich auch nie nachholen werde.

Obwohl ich Leander Haußmann auch generell eher schrecklich finde, hatte ich mich aber bei der zweiten großen Zusammenarbeit von Haußmann und Lehmann-Autor Sven Regener, Haialarm am Müggelsee, einigermaßen unterhalten gefühlt. Manchmal ist etwas so doof, dass es schon wieder gut ist.

In diese Kerbe will Magical Mystery von Arne Feldhusen (Der Tatortreiniger, Stromberg - der Film) offenbar auch schlagen. Für die Rolle des Karl Schmidt hat Detlev Buck in Herr Lehmann den deutschen Filmpreis bekommen. Man will sich aber (mit Einverständnis des Herrn Regener) vom Lehmann-Film etwas entfernen, etwas eigenständiges bieten, und so spielt Charly Hübner diesmal den Karl »Charly« Schmidt, und Detlev Buck bekam eine andere Rolle. Was natürlich nicht heißt, dass man auf dem Plakat nicht sanft darauf hinweist, dass Magical Mystery im Grunde die Fortsetzung zu Herr Lehmann ist, nur fünf Jahre nach Schmidts »Irrewerdung«.

Karl lebt in einer Drogen-WG in Hamburg-Altona, soll aber für eine Techno-Deutschland-Tour (»wie bei den Beatles, nur auf Rave!«) als zuverlässiger und immer nüchterner Fahrer reaktiviert werden, der dann frühmorgens die zugedröhnten DJs erbarmungslos weckt, damit man zur nächsten Station der Tournee aufbrechen kann.

Erklärtes Ziel war es wohl, einen ähnlich absurden Film zu drehen wie damals die Beatles. Mit der Regener-typischen Lakonie (»Versteh' ich nicht!?« - »Is' ja auch ein Insiderwitz!«).

So spielen sich größere Teile des Films (nach der WG-Intro, aber vor der Tour), zwischen der Zentrale von »Bumm Bumm Records« (»Gummistiefel-Techno«), eines Asia-Imbiss namens »La La« und einem Club, dessen Namen ich nicht mitbekommen habe, ab. Soll heißen: mit der selben Hintergrund-Musik stapfen die selben Figuren von A nach B, von B nach C und zur Abwechslung auch mal von C nach A. Darauf kann man dann als Zuschauer mit unbändigem Gelächter reagieren oder mit einsetzender Konsternation.

Ich muss an dieser Stelle mal eine kurze Exkursion einflechten, weil es so gut passt. Denn Karl Schmidt soll eigentlich in der Lüneburger Heide Urlaub machen, »mit Wassertreten und so...«.

Ungefähr zur Zeit, als Karl Schmidt irre war, war ich mit meinem besten Kumpel in einem Steintor-Kino in Bremen, wo Don Siegels Invasion of the Body Snatchers lief. Präsentiert von »Lüpi«, also Lüneburger Pilsener, die auch einiges an Freibier zur Verfügung stellten. Im Film gab es dann eine Stelle, in der ein Blumentopf zu sehen war. Ob der in konkreten Bezug stand zur quasi-floralen Bedrohung, weiß ich nicht mehr, aber einige Reihen hinter uns saß im Publikum ein Herr, der offenbar dem »Lüpi« schon reichlich zugesprochen hatte, der halblaut raunte: »Blumen? Blumen find' ich gut!«

Soll heißen: für einen Regener-Film kann man sich ebenso wie für 2001 - A Space Odyssey in eine »empfängliche Grundsituation« versetzen, was ich vor der Pressevorführung sträflicherweise unterließ. Das entspricht ja dann auch nur dem Zustand der Protagonisten, die dann voller Inbrunst verlauten lassen können: »We're here, we're hip!«

So wie der Mittwoch in Köln der kleine Samstag ist, muss man sich halt einlassen auf den Film, dann lacht man auch über das Fluxi Hotel in Unterschleißheim, den »Hit mit der Flöte«, der eigentlich aus einem zentralen Saxofon besteht oder die Kombination von Marschmusik und Erbrechen.

Teilweise will man hier sogar fast philosophisch werden (»Ein Tag, den Du mit Tiere füttern anfängst, ist kein verlorener Tag«), aber leider ist es so, dass für mich der beste Gag des Films eine grauhaarige Frau war, die ein schwarzes Tieschört trug, auf dem in klobiger roter Schrift »Mutter« stand.

Kein Wiedereinlass ohne Wiedereinlassband!


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  It was fifty years ago today! (Alan G. Parker)

It was fifty years
ago today!
The Beatles:
Sgt. Pepper
& beyond
(Alan G. Parker)

Originaltitel: It was fifty years ago today... Sgt. Pepper and beyond, GB 2017, Buch: Alan G. Parker, Kamera: Steve Kendrick, Schnitt: Ian Farr, Musik: Andre Barreau, Evan Jolly, Archiv-Recherche: Keith Badman, mit Julia Baird, Andre Barreau, Pete Best, Tony Bramwell, Jenny Boyd, Ray Connolly, Tony Crane, Hunter Davies, Steve Diggle, Neil Harrison, Bill Harry, Freda Kelly, Billy Kinsley, Simon Napier-Bell, Philip Norman, Barbara O'Donnell, Andy Peebles, Steve Turner, 114 Min. + ca. 20 Min. Bonusmaterial, Kino-Stichtag: 27. August 2017

2000 legte Hendrik Handloegten (Liegen lernen, Fenster zum Sommer) mit Paul is dead einen hübschen kleinen Debütfilm vor, der nur einen winzigen Schönheitsfehler hatte: Weil der Film in starkem Maße auf die Songs der Beatles zurückgriff, konnte man ihn wegen der für so einen kleinen Film unerschwinglichen Musikrechte nie »regulär« im Kino zeigen.

Alan G. Parker umgeht dieses Problem ganz einfach: Er drehte einen Dokumentarfilm über die Bedeutung von Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band (1967, mein Jahrgang!), ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Album der Beatles, bietet dazu aber in zwei Stunden redseliger Beweihräucherung keinerlei musikalisches Material der Beatles.

Darüber könnte man vielleicht noch hinwegsehen oder es als ambitionierte Einschränkung verstehen, aber leider ist der Film auch ansonsten eine Mogelpackung. Als ich das letzte Mal nachgecheckt habe, waren mit Paul McCartney und Ringo Starr noch zwei der Fab Four am Leben. Doch wer wird im Film interviewt: Pete Best (der mit stolzer Brust berichtet, wie einige Orden aus seinem Haushalt es zum Covershot auf die Brust John Lennons schafften), die Schwester von John Lennon oder die Schwägerin von George Harrison. Von den Sekretärinnen von Brian Epstein und des Beatles-Fanclubs ganz zu schweigen!

Zugegeben, neben den üblichen Anekdoten wie der auffälligen Buchstabenkombination in Lucy in the Sky with Diamonds erfährt man auch einiges, was zumindest mir neu war. Nur halt über zwei Stunden verteilt, wobei insbesondere die letzte halbe Stunde geradezu zementiert, dass der Regisseur so gut wie kein Konzept hatte (zumindest keines, dass er durchgehalten hat) und einfach seine Interviewpartner ja 20 Minuten quatschen ließ und dann so ziemlich alles an Material in den Film gequetscht hat. Völlig einerlei, ob es keinen Menschen interessiert, wenn Brian Epstein Sekretärin klitzeklein erklärt, wie die Büros von Herren mit Vornamen Neil und Peter zueinander lagen (auf dem Korridor treibt sich auch noch ein »Mal« herum) und dass sie einst den auf dem Fußboden kopulierenden Derek Taylor (??) während der Ausübung ihres Jobs überwinden musste. Über die vier Herren erfährt man ansonsten nichts im Film, und entsprechend hat man auch keinen Schimmer, warum dieser Interviewausschnitt im Film landete.

Einer der Interviewpartner, ein gewisser Simon Napier-Bell, der es sich so hinbiegt, die Hilferufe eines depressiven Selbstmörders als hübsche Anekdote zurechtzulegen, weiß über den am 27. August 1967 verstorbenen Brian Epstein immerhin positiv zu berichten, dass er derjenige war, der die Beatles vor den »Mitläufern« (Wortwahl aus den Untertiteln) beschützte. »He put a wall up between The Beatles and the hangers-on«. Napier-Bell erwähnt die »hangers-on« noch mehrfach, erstaunlicherweise wird es aber offenbar weder ihm noch den Filmemachern bewusst, dass das ganze Filmprojekt eigentlich vorrangig von solchen Schmarotzern (meine persönliche Wortwahl) getragen wird.

Ein bösartiges Statement, das ich mal meiner Sitznachbarin zuraunte, um die gefühlt ewige Zeit verstreichen zu lassen, offenbarte sich später als nahezu prophetisch. Der »Soundtrack« des Films, der größtenteils aus ein paar Sitar-Klängen (wenn's gerade passt...) oder anderen den Beatles »nachempfundenen« Klangwelten besteht, ist, so kann man es im Nachspann lesen, tatsächlich käuflich zu erwerben. Andre Barreau von den »Bootleg Beatles« erhofft sich also nicht nur damit ein paar Groschen, er ist auch einer der »Experten«, die im Film interviewt werden.

Neben der selbst für Beatles-Fans erfahrbaren Langeweile des Films, der übrigens nach einer Einblendung der Lebensdaten Brian Epsteins komplett jedes Konzept verliert, gehören zu den bemerkenswertesten Stellen (leider nicht im positiven Sinne) des Films zwei »visuelle« Entsprechungen von Beatles-Songs. In offensichtlich extra inszenierten Schwarzweiß-Bildern sieht man einmal zwei Frauen Blumen auf ein Grab legen, später umschleicht eine Politesse ein geparktes Auto.

Ich könnte noch stundenlang auf diesen Film einschlagen, weil einfach so vieles daran eine Frechheit war. Mehrfach wiederholt man etwa das Statement, dass Sgt. Pepper durch die Ergänzung der double-A-sided-single Penny Lane / Strawberry Fields Forever noch besser geworden wäre (so fucking what?) oder diskutiert die bahnbrechenden Neuheiten und avantgardistischen Einflüsse. Und schafft es dabei bemerkenswerterweise, Pet Sounds von den Beach Boys aus dem Vorjahr 1966 komplett zu ignorieren. Dazu gehören schon ganz große Scheuklappen, da ist der Weg nicht mehr weit zum Holocaust-Verleugner!

Die Entscheidung des deutschen Verleihs zum »One-Day-Event« (so umgeht man Mundpropaganda und erweckt den Anschein, dass man etwas »verpassen« könnte) an einem Tag, der nicht wirklich zum Feiern einlädt, ist natürlich nur eine Notlösung, weil man die Filmrechte noch nicht erworben hatte, als der Film in England zum Jubiläum des Pepper-Albums startete. Was allerdings das absurde »Bonus-Material« soll - außer die Anzahl der zu vernehmenden Beatles-Songs drastisch zu erhöhen - weiß auch keiner. Man nimmt Hey Jude und drei Coverversionen aus alten Beat-Club-Aufnahmen und es wirkt so, als wolle man etwas retten, was nicht zu retten ist.

Liebe Fans: legt die alten Platten auf und bleibt zuhause. Ein gutgemeinter Rat!

Nachtrag: Derek Taylor war übrigens (ich hab' nachgegooglet) der Pressesprecher der Beatles - hätte man ja aus dem Kontext schließen können!


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  David Lynch - The Art Life (Jon Nguyen, Rick Barnes, Olivia Neergaard-Holm)

David Lynch -
The Art Life
(Jon Nguyen, Rick Barnes, Olivia Neergaard-Holm)

USA / Dänemark 2016, Kamera: Jason S., Schnitt: Olivia Neergaard-Holm, Musik: Jonatan Bengta, mit David Lynch, Lula, 90 Min., Kinostart: 31. August 2017

Kaum zu glauben, aber es gibt noch einen »Dokumentarfilm«, der mich im August noch mehr erzürnt hat als die Beatles-Mogelpackung.

It was fifty years ago today hat gegenüber David Lynch: The Art Life nämlich den geringfügigen Vorteil, dass erstgenannter auf mich immerhin noch den Eindruck eines Films macht, wie misslungen auch immer. Der Lynch-Film hat für »Fans« womöglich sogar mehr neue Einsichten, wirkt auf mich aber wie eine teilweise hingepfuschte Kombination von einem Podcast und einem abgefilmten Bildband.

Okay, man sieht David Lynch auch dabei, wie er Gemälde fertigt oder mit seiner kleinen Tochter Lula (tatsächlich! wie die Figur aus Wild at Heart), aber abgesehen von ein paar Filmausschnitten (nur aus den ganz frühen Werken) gibt es hier größtenteils Gemälde von Lynch zu sehen, während man dazu - mit etwas Filmmusik - seine Stimme vom Tonband hört und er leicht fahrig (»Mr. Smith ... boy ... I can't tell the story...«) Anekdoten aus seinen Anfängen zum Besten gibt.

Nun hat es eine gewisse Faszination, Herrn Lynch zuzuhören, wie er davon erzählt, dass er als Junge im Keller »Verwesungsexperimente« durchführte, die dann stolz seinem Vater zeigte und der nur kommentiert »Dave, I think you should never have children...«, aber ich bin der Auffassung, dass ein Dokumentarfilm nicht nur in der Informationsvergabe erfolgreich sein sollte - ich will auch einen Film, und nicht konzeptlos zusammengetackertes Material, teilweise übelst verpixelt, für das 30 »associate producers« (offenbar crowd funding) und drei Regisseure zuständig sind, von denen einer nicht einmal im Presseheft vorgestellt wird (mein Verdacht: der Hauptsponsor darf sich Regisseur nennen!).



In ca. 14 Tagen in Cinemania 171 (Bashing exotically):
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