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Die Box




5. Juli 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ihre beste Stunde (Lone Scherfig)


Ihre beste Stunde
(Lone Scherfig)

Originaltitel: Their Finest, Großbritannien 2016, Buch: Gaby Chiappe, Lit. Vorlage: Lissa Evans, Kamera: Sebastian Blenkov, Schnitt: Lucia Zucchetti, Musik: Rachel Portman, Kostüme: Charlotte Walter, Production Design: Alice Normington, Casting: Lucy Bevan, mit Gemma Arterton (Catrin Cole), Sam Cleflin (Tom Buckley), Bill Nighy (Ambrose Hilliard / Uncle Frank), Jake Lacy (Carl Lundbeck / Brannigan), Jack Huston (Ellis Cole), Helen McCrory (Sophie Smith), Paul Ritter (Raymond Parfitt), Rachael Sterling (Phyl Moore), Eddie Marsan (Sammy Smith), Richard E. Grant (Roger Swain), Hubert Burton (Wyndham Best / Johnnie), Lily Knight (Rose Starling), Francesca Knight (Lily Starling), Claudia Jessie (Doris Cleavely / Lily), Stephanie Hyam (Angela Ralli-Thomas / Rose), Jeremy Irons (Kriegsminister), Henry Goodman (Gabriel Baker), 117 Min., Kinostart: 7. Juli 2017

Das größte Rätsel dieses Films ist wohl, warum man den so schön ironischen Titel von Lissa Evans' Buchvorlage, Their Finest Hour and a Half, nicht übernahm. Zum britischen Kriegsbeitrag im Zweiten Weltkrieg beizusteuern, indem man einen Spielfilm dreht, der neben den Produktionsproblemen für eine wahre, dahinter versteckte Geschichte und die feministischen Anfänge einer Drehbuchautorin steht, ist natürlich ein dramaturgischer Drahtseilakt, wenn man auf die obligatorische Liebesgeschichte (im Stil der damals erfolgreichen Screwball Comedies) nicht verzichten mag, aber Regisseurin Lone Scherfig (Italiensk for begyndere, Wilbur wants to kill himself, An Education, One Day) beweist erneut, dass sie große Gefühle mit Pathos und Humor mischen kann. Und sich mittlerweile zu einer Expertin für ein sehr englisches Kino gemausert hat.

Ellis Cole (Jack Huston), ein erfolgloser Maler, ist natürlich dagegen, als seine Frau Catrin (Gemma Arterton) etwas »dazuverdienen« will (so war das damals offenbar), und so steckt man nicht nur mitten im Weltkrieg, sondern es beginnt auch in der Beziehung zu kriseln. Versierte Kinobesucher bemerken zwar, dass es zwischen Catrin und ihrem neuen Vorgesetzten Tom (Sam Cleflin) ein wenig funkt, aber man gibt sich reichlich Mühe, die Geschichte so zu präsentieren, dass es nun wirklich keineswegs um einen Ehebruch geht, sondern um die Emanzipation einer durchaus kreativen Drehbuchautorin.

Ihre beste Stunde (Lone Scherfig)

© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Was bei Their Finest bestens funktioniert, ist, dass sich der Film nicht nur auf eine Storyschiene festlegt, sondern eigentlich jedem/r ZuschauerIn etwas bietet. Da gibt es die unterhaltsamen Probleme in der Filmproduktion, bei denen insbesondere Bill Nighy als abgehalfterter Krimi-Star glänzen darf, da gibt es den Widerstreit zwischen dem Kriegsministerium (mit Jeremy Irons in einer der winzigsten Rollen seiner Karriere) und seinen propagandistischen Plänen, den Unterhaltungsanspruch und nicht zuletzt die wirkliche Geschichte hinter dem Filmplot, für die Catrin, die »Schmalz-Expertin« unter den Schreibern (»you know: slop, girl talk, women's dialog, woof woof!«), extra zwei Zwillingsschwestern interviewte. Und nicht zuletzt ist da auch noch die reale Gefahr des Weltkriegs, die Regisseurin Scherfig ebenfalls sehr gekonnt in die Geschichte mit einfließen lässt. Und zwischen alldem (und den zwei Männern) steckt Gemma Arterton als die »Heldin« (wenn man dem deutschen Titel glauben will) und trägt mit einer inzwischen angeeigneten Ruhe und Selbstsicherheit den ganzen Film.

Es gibt so unglaublich viele Stellen, an denen dieser Film kentern könnte wie das Filmschiff Nancy Starling in seiner größeren Studio-Badewanne, aber Scherfig umschifft die allermeisten und ihr gelingt dabei ein sehr unterhaltsamer Film mit ein paar rührseligen Momenten, die aber durchaus zum Film passen.

Ihre beste Stunde (Lone Scherfig)

© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Nach etwa einem Drittel des Films kam ich zur erstaunlich gut funktionierenden These, das vieles, was sich die Drehbuchautoren für den Film-im-Film The Nancy Starling zurechtlegen (»authenticity, optimism and a dog«), auch in der Geschichte des »Hauptfilms« eine Rolle spielt. Und ob es an der Buchvorlage, am darauf basierenden Drehbuch (von Gaby Chiappe, die hier nach fast zwanzig Jahren Fernsehroutine ihr erstes Filmdrehbuch abliefert) oder an Lone Scherfig liegt, die kleinen Ausnahmen zu dieser Regel verleihen dem Film das besondere Flair. Wenn schließlich sogar die nicht zum Drehbuch gehörenden Momente zwischen Tom und Catrin ihren Weg in The Nancy Starling finden, dann ist das keineswegs eine Überraschung, wird aber dennoch ziemlich clever eingebaut (insbesondere bei der einen kleinen Szene, die dann aber doch überrascht).

Wann immer man als Zuschauer auf einen Film-im-Film trifft, kann man sich darauf verlassen, dass dieser von geringerer Qualität ist als der »Hauptfilm«. Das ist ein ungeschriebenes Kinogesetz, das eigentlich nie gebrochen wird. In diesem speziellen Fall ist es zwar auch so, dass man den Film-im-Film nicht wirklich ernst nehmen kann (auch, weil man sowohl beim Abfassen des Drehbuchs als auch bei den Dreharbeiten dabei war), aber all den »slop«, den Optimismus und das Type-Casting aus The Nancy Starling findet man auch - in abgemilderter Form - in Their Finest wieder. Und das ist ein beabsichtigtes Durchschauen des filmischen Prozesses, das sich aber nie der Unterhaltung in den Weg stellt. Und dadurch zu einem »slop« besonderer Güte führt.

Ihre beste Stunde (Lone Scherfig)

© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Insbesondere bei Bill Nighy, der seine Figur mit Bravour lächerlich macht, aber immer durchblicken lässt, dass er selbst als Schauspieler natürlich mit den selben Altersproblemen kämpfen muss (»Das Autogramm ist für unsere Mutter, wir wissen nicht, wer der Typ ist«).

Für mich persönlich hat außerdem noch Eddie Marsan, einer meiner absoluten Lieblingsschauspieler (Vera Drake, Happy-go-Lucky, Tyrannosaur, Jonathan Strange & Mr Norrell), den Film veredelt. Gerade weil er in seiner winzigen Rolle dem Film etwas Herz einimpft - und dann auch noch seiner beruflichen Nachfolgerin, Helen McCrory als seine Schwester Sophie, quasi etwas »mitgibt«, was deren Rolle, die durchaus etwas klischeebeladen ist, eben auch so etwas Ähnliches wie »authenticity and optimism« verleiht. Und einen Hund.

Ihre beste Stunde (Lone Scherfig)

© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Ich muss sagen, mir fällt es einigermaßen schwer, genau zu beschreiben, was mich an diesem Film so berührt hat. Zum Teil waren es die selben Momente, die manche KollegInnen eher störten. Aber es passiert selten, dass »Schmalz« und absehbare Entwicklungen so sehr zum Gelingen eines Films beitragen wie hier. Und durch die in den Film gleich mit eingebaute Distanzierung von diesen Old-School-Filmschmonzetten-Elementen lässt man es (oder zumindest ließ ich es) viel bereitwilliger zu, sich auch auf diese Momente, die man als Vielschauer und Kritiker manchmal nur noch erkennt, aber nicht durchlebt, viel stärker ein.

Ich war am Ende des Films zwar noch Lichtjahre von den dort dargestellten Kinozuschauern entfernt (die sich zu Beginn des »Hauptfilms« noch über die Geschehnisse auf der Leinwand lustig machten), aber irgendwie inspirierten sie mich auch, mich zumindest ähnlich wie sie zu verhalten. Und somit sowohl die Authentizität zu hinterfragen als sich auch auf den (von den Filmemachern wie von einem Arzt verschriebenen) Optimismus einzulassen.