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Die Box




26. Juli 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Baby Driver (Edgar Wright)


Baby Driver
(Edgar Wright)

USA / UK 2017, Buch: Edgar Wright, Kamera: Bill Pope, Schnitt: Paul Machliss, Jonathan Amos, Musik: Steven Price, Kostüme: Courtney Hoffman, Production Design: Marcus Rowland, Choreographie: Ryan Heffington, mit Ansel Elgort (Baby / Miles), Lily James (Debora), Kevin Spacey (Doc), Jamie Foxx (Bats), Jon Hamm (Buddy / Jason Van Horn), Eiza Gonzalez (Darling / Monica), CJ Jones (Joseph / Joe), Jon Bernthal (Griff), Brogan Hall (Samm / »The Nephew«), Lanny Joon (JD), Flea (No-Nose Eddie), Sky Ferreira (Baby's Mum), Lance Palmer (Baby's Dad), Hudson Meek (Young Baby), Allison King (Nice Lady Teller), Paul Williams (The Butcher), Jon Spencer (Prison Guard), Big Boi, Killer Mike (Restaurant Patrons), Morse Diggs (Morse Diggs), Walter Hill (Courtroom Interpreter), 113 Min., Kinostart: 27. Juli 2017

D.O.P. Bill Pope sagt über Baby Driver »It's a postmodern musical. So there's not singing and dancing in the street, but the worlds acts to music.«

Zu Beginn des Films, wenn die ersten zweieinhalb Szenen komplett zu existenten Songs geschnitten ist, fällt das besonders auf. Zu Sam and Daves Harlem Shuffle hat man eine Sequenz geschaffen, die für Edgar Wright so typischen kleinen easter eggs aneinanderreiht: die gesamte Straße mit Schaufenstern und Graffiti bietet gemeinsam mit dem darin agierenden Ansel Elgort und der Kameraführung eine Art Musik-Video, den man sich mit Stoptaste und Zeitlupe noch mal in aller Ruhe anschauen will, um die zahlreichen Bezüge auf den Songtext, die Interaktionen zwischen Protagonisten und Kulisse ... und was nicht alles - im Detail betrachten zu können. Kollege Christoph Petersen, der den Film schon ein paar mal gesehen hat, verriet mir sogar, dass einige der Graffiti zwischen den Szenen sogar »übersprüht« wurden, um Platz für neue Songlyrics zu machen.

Baby Driver (Edgar Wright)

© 2017 Sony Pictures Releasing GmbH

Gleichzeitig hatte der Film für mich auch ein gewisses Problem, denn mit der seltsamen Mixtur aus Goofy- und Coolness der Titelfigur Baby konnte ich mich anfänglich nicht anfreunden. Für mich fühlte sich das so an, als können vorrangig Teenager-Mädchen auf diese Figur anspringen, die Intro zur Figur hätte ich mir anders gewünscht.

Aber das Drehbuch, die anderen Figuren und nicht zuletzt der Soundtrack-Einsatz ließen mich darüber hinwegsehen. Man nimmt dem Film wirklich ab, dass Regisseur Edgar Wright mit 21 die Idee hatte, zu Bellbottoms von der Jon Spencer Blues Explosion eine Verfolgungsjagd zu inszenieren - und daraus entwickelt sich nach und nach der Film Baby Driver. Der seinen Titel übrigens von einem Song von Simon & Garfunkel übernahm, den ich zwar auch auf CD besitze, aber komplett verdrängt hatte.

Baby Driver (Edgar Wright)

© 2017 Sony Pictures Releasing GmbH

Statt jetzt zu erklären, inwiefern Kevin Spacey, Jamie Foxx und Jon Hamm als rücksichtslose Kriminelle für Baby ein gefährliches Umfeld darstellen, das sich auch für seinen love interest, die Kellnerin Debora (Lily »Cinderella« James, die aktuell ein wenig durch ihre Vöslauer-Plakatkampagne nervt) verheerend auswirken könnte, habe ich mich in die minutae der Drehbuchentwicklung verliebt und will dazu ein paar Sätze sagen.

Wenn Debora und Baby sich kennen lernen, geht es sofort um Songs, und »Baby« taucht im Titel nicht weniger als dreier Titel aus dem Soundtrack auf. Debora selbst stimmt den später angespielten Song Debra an, den Beck diesmal, im Gegensatz zu Ramona in Scott Pilgrim vs. the World, nicht extra neu schreiben musste.

Baby Driver (Edgar Wright)

© 2017 Sony Pictures Releasing GmbH

In welcher Reihenfolge die folgenden Details Einzug ins Drehbuch fanden, kann ich natürlich nicht nachverfolgen, aber gerade der Name »Baby« (in den Credits habe ich mal die korrekten Namen der Figuren, so aufgelöst, zusammengesammelt) ist natürlich mehrfach Grund für Hohn und Spott. An einer Stelle spielt man auch - im typischen Tonfall - auf die Austin-Powers-Filme an, die auch visuell mit ins Spiel kommen, weil einer der Bankräuber für einen Überfall Michael-Myers-Masken (der Bösewicht aus Halloween) besorgen soll, aber mit Mike-Myers-Masken (der Darsteller des Austin Powers, auch bekannt aus Wayne's World und als Stimme von Shrek) ankommt. Im kurzen Disput um die Verwechslung kapiert der nicht so filmbewanderte Knacki so ziemlich gar nichts, für ihn scheinen die Maskenträger (und vermutlich auch die Masken) aus Halloween und Friday the 13th kaum unterscheidbar. Entsprechend stellt sich dann auch im weiteren Verlauf von Baby Driver heraus, dass eine der Hauptfiguren nicht nur mit Vornamen Jason heißt, sondern auch noch »Jason Van Horn«, weshalb er beim Showdown des Films auch bevorzugt »höllisch« rot ausgeleuchtet wird.

Mit solchen Details bestückt Edgar Wright seine Filme standardmäßig. Je öfter man sie sieht, umso mehr kann man entdecken. Nicht nur bestimmte Speiseeis-Sorten, die wiederholt auftauchen, auch subliminal messages wie die kleinen Herzen bei der Busfahrt in Scott Pilgrim. Und natürlich jede Menge Querverweise, Filmanspielungen etc. In Baby Driver fallen teilweise sogar die Schüsse im Takt des gerade aktuellen Songs auf Babys Playlist. Ich muss zugeben, dass mir dieses Spielchen für die Fans auch Freude bereitet. Und wenn sie nebenbei noch das Drehbuch bereichern (wie hier etwa bei Babys eigenem musikalischen Hobby), umso besser!

Hier hat er etwa - passend zum mit Musik vollgestopften Soundtrack - kleine Gastauftritte für Musiker eingebaut oder Walter Hill (Regisseur von - unter anderem - Driver, einem Film, dessen Einfluss man nicht ignorieren kann) zu einer kleinen Sprechrolle überredet (ich hab's auch erst dem Nachspann entnommen und nicht einmal Jon Spencer erkannt).

Baby Driver (Edgar Wright)

© 2017 Sony Pictures Releasing GmbH

Baby Driver ist durchgehend sehr unterhaltsam, aber der Showdown (selbst, wenn man hier auf die Langlebigkeit von besagtem Jason Vorhees verweist und sogar ein paar Filmtode nachspielt) war für mich eine ganze Ecke zu langgezogen. Da hätte sich die penible Drehbucharbeit auf andere Aspekte konzentrieren sollen.

Auch die Auflösung bzw. Auflösungen mehrerer Handlungsfäden überzeugten mich nur bedingt, da merkt man dann ganz deutlich, dass man zwischen der kriminellen Vergangenheit Babys und seiner Rolle als Filmheld unbedingt einen Kompromiss finden musste, der möglichst alle Zuschauer zufrieden stellt. Bei mir hat's nicht geklappt.

Dennoch kann ich den Film uneingeschränkt empfehlen, wie es eigentlich Pflicht sein sollte, wenn man einen Film selbst auch noch mal sehen will. Auf der DVD werden dann vermutlich auch wieder zwanzig zusätzliche easter eggs erklärt, die man beim ersten Mal im Kino gar nicht alle so schnell realisieren kann.