Anzeige:
Die Box




8. März 2017
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Moonlight (Barry Jenkins)


Moonlight
(Barry Jenkins)

USA 2016, Buch: Barry Jenkins, Lit. Vorlage: Tarell Alvin McCraney, Kamera: James Laxton, Schnitt: Joi McMillon, Nat Sanders, Musik: Nicholas Britell, Kostüme: Caroline Eselin-Schaefer, Casting: Yesi Ramirez, Production Design: Hannah Beachler, Art Direction: Mabel Barba, Set Decoration: Regina McLarney Crowley, mit Trevante Rhodes (Black), Ashton Sanders (Chiron), Alex R. Hibbert (Little), Andr√© Holland (Kevin), Jharrel Jerome (Kevin, 16), Jaden Piner (Kevin, 9), Mahershala Ali (Juan), Janelle Monáe (Teresa), Naomie Harris (Paula), Shariff Earp (Terrence), Duan »Sandy« Sanderson (Azu), Edson Jean (Mr. Pierce), Tanisha Cidel (Principal Williams), Patrick Decile (Terrel), Herveline Moncion (Samantha), Larry Anderson (Antwon), Stephon Bron (Travis), Don Seward (Tip), 111 Min., Kinostart: 9. März 2017

Es kommt mitunter vor, dass ich mir zur Inspiration Kritiken anderer Leute durchlese, aber in diesem Fall war es reiner Zufall, dass ich auf die Userkritik des aus Kanada stammenden »Lord moo_23« auf imdb stieß, in der ein Satz mich besonders berührte, weshalb ich ihn hier mit meinen Lesern und Leserinnen teilen will:

[I]t's a film about teaching a child how to swim,
feeling the sand on your skin,
and cooking a meal for an old friend.

Diese Inhaltsangabe, die eigentlich nur Sinn ergibt, wenn man den Film gesehen hat, schafft es auf sehr poetische Weise, den coming-of-age-Aspekt des Films zu betonen, Liebe und Humanismus in winzige Gesten zu verpacken und gleichzeitig auch noch die dreigeteilte Dramaturgie des Films unaufdringlich zu repräsentieren.

Moonlight (Barry Jenkins)

© A24 / DCM

Wie leichtfüßig Regisseur und Drehbuchautor Barry Jenkins es hier schafft, mit drei unterschiedlichen Darstellern drei wichtige Passagen im Leben seiner Hauptfigur zusammenzumontieren, das ist kaum zu glauben. Aber ein Blick auf das ebenfalls meisterhafte Plakat des Films gibt einem eine ungefähre Vorstellung davon. Drei sehr unterschiedliche (bunte) Schattierungen der blackness, eine Fragmentierung, die man immer deutlicher verspürt, je genauer man drauf schaut, aber gleichzeitig auch ein Blick, der tief in die Seele hineinschauen lässt, sich aber dennoch (nach Sichtung des Films) auf die drei disparaten, aber zusammenhängenden Facetten der drei Teile des Films aufdröseln lässt.

Und wenn schon ein aus einer Kritik gerissener Satz und ein Plakat (wer heutzutage einen repräsentativen Blick auf Filmplakate wirft, wird sich schwer tun, dabei noch von einer einst florierenden Kunstform zu sprechen) so viel Intelligenz und Poesie ausstrahlen, wie ist es dann erst bei einem Film, dessen verspäteter Triumph bei der Oscarverleihung auf lange Zeit einzigartig in der Filmgeschichte bleiben wird?

Moonlight (Barry Jenkins)

© A24 / DCM

Ich muss sagen, die farbintensive Kameraarbeit von James Laxton war mir eine Spur zu gelackt, die Ambivalenz in der Figur des herzensguten Drogendealers Juan (Oscar für Mahershala Ali) hätte man schärfer ausarbeiten können, und das Ende des Films hat mich zunächst auch nicht überzeugt.

Aber wenn man im Nachhinein, mit gut zwei Monaten Abstand, noch mal zurückschaut auf den Film, so wird er immer besser. Besonders interessant ist das bei den eher härteren Konturen, dem Bullying, das nicht vor gefährlicher Körperverletzung halt macht, dem machomäßigen lautstarken Gangsta-Rap, der einen Teil des Soundtracks einnimmt oder dem lautlosen Schrei einer überforderten Mutter, dass man mit genügend Abstand immer deutlicher wahrnimmt, wie Jenkins diese scharfen Kontraste nutzt, um ein nuanciertes, fast pointillistisches Portrait zu zeichnen. Oder, um auf die Kamera (und das Plakat) zurückzukommen, je bunter der Film zunächst wirkt, umso exakter wirkt der Gesamteindruck, der auch im Titel der Kurzgeschichtenvorlage mitschwingt: In moonlight black boys look blue.

Moonlight (Barry Jenkins)

© A24 / DCM

Dass Moonlight bahnbrechend in der Wahl seiner zwei Hauptthemen ist, die ich persönlich noch nie so prägnant kombiniert sah (obwohl das vermutlich einfach daran liegt, dass ich zu wenige Filme gesehen habe), ist sicher einer der Hauptgründe, die dazu führten, dass man den so super-hetero-mäßigen La La Land ausstechen konnte - doch Moonlight ist keiner dieser message-Filme! Jenkins wirft einfach einen Blick auf ein, zwei, drei, vier Personen, die allesamt komplementär wirkende Charakterzüge haben ... und lässt es so wirken, als entwickeln sich diese Einblicke in die menschliche Seele wie von selbst. Und wenn man dabei mal darüber nachdenkt, wie stumpf, uninspiriert und geradlinig die allermeisten Filmfiguren sind (selbst, wenn es mal eine schillernde Charakterstudie gibt, sind die Menschen drumherum oft nur dramaturgisches Füllmaterial), dann bekommt man einen Einblick, wie toll dieser Film eigentlich ist.

Filme wie Moonlight oder Elle (der für die altehrwürdige Academy offenbar noch zu provokant und kompromisslos war) führen einem vor Augen, was es für extreme Qualitätsstufen im cineastischen Tagesgeschäft gibt (verglichen damit ist der Punktevorsprung des FC Bayern eine feine Nuance in einem homogenen Feld).

Moonlight (Barry Jenkins)

© A24 / DCM

Und man sollte sich (ganz persönlich) glücklich schätzen, wenn man solche Filme in der heutigen Kinolandschaft, die von dummen und überflüssigen Blockbustern geprägt ist (und von Zuschauern, die einem nicht glauben, wenn man ihnen sagt, dass Handys auch einen Aus-Schalter haben), überhaupt wahrnimmt.