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Die Box




28. September 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Frantz (François Ozon)


Frantz
(François Ozon)

Frankreich / Deutschland, Buch: François Ozon, Philippe Piazzo, Lit. Vorlage: Maurice Rostand, Kamera: Pascal Marti, Schnitt: Laure Gardette, Musik: Philippe Rombi, Kostüme: Pascaline Chavanne, Production Design: Michel Barthélémy, Art Direction: Susanne Abel, mit Paula Beer (Anna), Pierre Niney (Adrien Rivoire), Ernst Stötzner (Doktor Hans Hoffmeister), Marie Gruber (Magda Hoffmeister), Johann von Bülow (Kreutz), Anton von Lucke (Frantz Hoffmeister), Cyrielle Clair (Adriens Mutter), Alice de Lencquesaing (Fanny), Axel Wandtke (Rezeptionist), Rainer Egger (Dt. Friedhofswärter), Ralf Dittrich (Adolf), Michael Witte (Gustav), 113 Min., Kinostart: 29. September 2016

Laut Presseheft bat François Ozon persönlich darum, dass man nicht »Adriens Geheimnis« verraten soll. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich an diese Vorgabe halten werde, denn in meiner Interpretation des Films hat Adrien auch ein Geheimnis - aber nicht unbedingt das selbe, das man dem Film entnehmen kann.

Adrien (Pierre Niney) ist ein junger Franzose, den Anna (Paul Beer) kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs am Grab ihres in Frankreich gefallenen Verlobten Frantz (Anton von Lucke) entdeckt. Berechtigterweise fragt sie sich, was einen Vertreter »des Feindes« 1919 dazu bringt, im fernen Quedlinburg Blumen an einem Grab anzulegen. Der Grund dafür ist »Adriens Geheimnis«, das übrigens nur in Ozons Bearbeitung des Stoffs wie ein Geheimnis behandelt wird. Von Maurice Rostands Theaterstück reicht vollauf der Titel, um eine recht klare Vorstellung zu haben, und auch in der frühen Verfilmung durch Ernst Lubitsch (Broken Lullaby von 1932) wird das Geheimnis gleich zu Beginn gebeichtet. Nur Ozon zäumt das Pferd andersherum auf - und ich erkenne Hinweise darauf, dass der Film vielleicht sogar ein Geheimnis haben könnte, das nicht aufgedeckt wird.

Frantz (François Ozon)

Bildmaterial: © X-Verleih

Wenn man Frantz (übrigens eine typisch französische Falschschreibung des typisch deutschen Vornamens, bei Lubitsch hieß die Figur Walter) sieht - und dabei im Vorfeld über ein »Geheimnis« informiert wurde, bieten sich recht schnell zwei Varianten an: a) Adrien könnte Frantz im Krieg erschossen haben; b) die beiden waren ein schwules Pärchen. Beides gäbe Adrien einen Grund, zum Grab zu pilgern. Es gibt natürlich noch andere mögliche Gründe, wenn man lang genug darüber nachdenkt. Unter anderem auch eine Kombination meiner beiden sich aufdrängenden Ansätze.

Im Film geht es um die Kontaktaufnahme zwischen Adrien und Anna, um die Gespräche über einen gemeinsamen Bekannten, um die langsam entstehende Vertrautheit zwischen ihnen, um das in sich widersprechenden Rückblenden entfaltende »Geheimnis« - und nicht zuletzt um einen tief verankerten Fremdenhass, der hier (schon durch die Wahl Ozons, den Film größtenteils in Schwarzweiß zu drehen) auffallend an die »Zukunftsprognose« Michael Hanekes in Das weiße Band erinnert.

Frantz (François Ozon)

Bildmaterial: © X-Verleih

Frantz hat aber auch einige Farbsequenzen, und seit meiner Seminararbeit über Edgar Reitz' Heimat habe ich einen besonders analytischen Blick auf solche Sequenzen entwickelt. Bei der ersten Sichtung kann man den Einsatz eines so deutlichen Stilmittels zumeist nur dann entschlüsseln, wenn es sich um nur sehr wenige Farbszenen geht (wie in Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin, Hitchcocks Spellbound, Coppolas Rumble Fish oder Spielbergs Schindler's List). Nichtsdestotrotz habe ich aber versucht, speziell auf die Farbeinsätze zu achten, und gleich der erste - ein Ast im Vordergrund eines ansonst schwarzweißen Bildes - wirkt vor allem wie ein Aufmerksamkeitserreger. Als wolle Ozon sagen: »Aufgepasst!«

Die meisten Farbszenen sind gleichzeitig Rückblenden, in denen Adrien davon erzählt, wie er Frantz kennengelernt hat. Ein zufälliges Treffen im Louvre wird durch die Farbe zu einem sehr intensiven Moment, und diese Intensivierung der Gedanken scheint auch ein wichtiger Grund für die Wahl mehrerer Farbeinstellungen.

Bei der nächsten, für meine gesamte Interpretation sehr wichtigen Szene habe ich mir dummerweise nicht notiert, ob sie in Farbe oder Schwarzweiß war. Man findet sie zum Teil zwar auch im Trailer, aber da der komplett in Schwarzweiß gehalten ist, traue ich dem nicht.

Anyway, die Szene zeigt, wie Adrien mit Frantz einen entspannten Abend in Paris verbringt. Beide führen eine junge Dame zum Tanz aus - aber es ist kaum zu übersehen, wie die beiden jungen Männer den Blickkontakt untereinander halten und ihre Tanzpartnerinnen kaum eines Blickes würdigen. François Ozon war ja einst einer der Wegbereiter des schwulen europäischen Kinos, und die knisternde Homoerotik dieser Szene mag nur als falsche Fährte ausgelegt sein ... doch man merkt sich diese Unstimmigkeit.

Frantz (François Ozon)

Bildmaterial: © X-Verleih

Da ich dem Film sein Geheimnis behalten lassen will, kann ich nicht die ganze Geschichte nacherzählen. Wichtig ist, dass die Farbe nicht nur bei den Flashbacks eingesetzt wird, sondern auch, wenn Anna Adrien die Stelle zeigt, an der Frantz um ihre Hand anhielt. Hier geht es nur teilweise um eine intensive Erinnerung - es ist klar, dass auch eine mögliche neue Liebe hier ihren Anfang nehmen könnte. Ich mag mich irren, aber ich glaube, man sieht die Vergangenheit von Frantz immer nur, wenn Adrien davon spricht. Dieser offenbart sich aber im Verlauf des Films als unverlässlicher Erzähler: Er lügt ganz offensichtlich und ändert später seine Geschichte. Aus unerfindlichen Gründen werden seine späteren Schilderungen dann für bare Münze genommen ... und ich entwickelte die Theorie, dass er vielleicht gar nicht aufhört zu lügen, sondern nur seine Lügen ändert. Vielleicht hängt auch die Auswahl der Farbszenen ganz konkret mit dem Thema Lügen zusammen. Womöglich »outet« sich eine Rückblende, die ausnahmsweise nicht in Farbe ist, dadurch als wahrhaftig und die Offenbarung des »Geheimnisses« ist nur eine Schutzbehauptung, um vom aus heutiger Sicht geringfügigen, damals aber weitaus dunkleren Geheimnis einer schwulen Beziehung (noch dazu mit einem »Feind« - ist das nicht im Grunde Landesverrat cum Sodomie?).

Ich muss zugeben, dass meine Herangehensweise an den Film so ihre Schwachpunkte hat, die ich während und nach der Filmsichtung nicht völlig entkräftigen konnte. Aber ich entscheide einfach für mich, dass mir meine »Several Shades of Dark Secrets« weitaus stärker ans Herz gewachsen ist als das, was Ozons Film eigentlich erzählt. Fremdenhass und eine anrüchige »Ersatzliebe«, die durch das Geheimnis noch problematischer wird, sind zwar ganz nette Themen, aber in seiner diesmal reichlich unterkühlten Art macht Ozon daraus auch nicht wirklich viel. Es ist ein bisschen so, dass man großen Wind um das »Geheimnis« macht, aber letztlich säuseln im Film nur ein paar Blätter im Wind, es gibt keinen Schockmoment oder einen Mindfuck, nachdem man den ganzen Film noch mal umdenken muss. Und so bastle ich mir halt mein eigenes Geheimnis, versuche die zwei, drei Szenen, die nicht recht dazu passen wollen, zu ignorieren - und heraus kommt ein Film, der mir um einiges besser gefällt.

Frantz (François Ozon)

Bildmaterial: © X-Verleih

Und in mir vor allem den Wunsch erweckt, den Film nochmal zu sehen und dann ganz konkret darauf zu achten, welche Aussagen Adriens aus irgendwelchen Gründen wohl wahr oder gelogen sein müssen, wann die Farbe in welcher Zeitebene einsetzt und was dafür sprechen könnte, dass ich mir meine Theorie nicht nur einrede, sondern welche Hinweise Ozon womöglich für die etwas tiefer gehende Dekonstruktion des Films irgendwo versteckt hat. Nur so wird aus diesem Film nämlich ein ganz modernes Stück Filmgeschichte und nicht nur ein überflüssiges Remake mit viel aufgebauschter Geheimniskrämerei.

Radikale Umdeutung unter Missachtung der Intention des Regisseurs ist eine Disziplin, die ich viel öfter praktizieren sollte. Auch Uwe Bolls Max Schmeling wurde dadurch ein ziemlich toller Film.