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Die Box




7. September 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Don't breathe (Fede Alvarez)


Don't breathe
(Fede Alvarez)

USA 2016, Buch: Fede Alvarez, Rodo Sayaguez, Kamera: Pedro Luque, Schnitt: Eric L. Beason, Louise Ford, Musik: Roque Banos, Kostüme: Carlos Rosario, mit Jane Levy (Rocky), Dylan Minnette (Alex), Stephen Lang (Blind Man), Daniel Zovatto (Money), Emma Bercovici (Diddy), Franciska Töröcsik (Cindy), Katia Bokor (Ginger), 88 Min., Kinostart: 8. September

In Evil Dead musste Jungschauspielerin Jane Levy (Suburgatory) einiges über sich ergehen lassen. Insbesondere die Schlussszene, in der sie unter einem Auto festgeklemmt wird und sich mit einer Kettensäge befreien muss, während ein dauerhafter Blutregen auf sie prasselt, dürfte zur Entscheidung beigetragen haben, das Horrorgenre vorerst zu meiden. Doch als Evil-Dead-Regisseur Fede Alvarez für seinen zweiten Spielfilm wieder eine Hauptdarstellerin suchte, ließ sie sich doch überreden. Und diesmal kommt sie vergleichsweise glimpflich davon: Krabbeln und Fallen durch irgendwelche Lüftungsschächte, auf Tuchfühlung gehen mit einem Rottweiler, ein sexueller Übergriff oder an den Haaren über den Straßenasphalt gezerrt werden (wobei man bei dieser Szene ziemlich deutlich wahrnimmt, dass es nicht ihre eigenen Haare sind und man auch sonst effektetechnisch »nachgeholfen« hat) - nach ihrem Abhärtungstest im ersten Film wirkt das wie ein Schonwaschgang.

Wobei Don't breathe - bereits ein Überraschungshit in den USA mit schier unglaublichen imdb-Bewertungen (8,2!) - nicht wirklich geruhsam im Vergleich zu Evil Dead wirkt. Man bleibt auf einem realistischen Level (keine Dämonen) und zelebriert keine Splatter-Orgie (keine motorisierten Schneidewerkzeuge), der Body-Count ist eine Spur geringer - aber selbst mit einer Handvoll Figuren in einem kleinen Haus kann man eine Menge Spannung und Nervenkitzel aufbauen. Und Fede Alvarez weitet den Filmtitel auch auf die Zuschauer aus, die kaum mal eine Atempause bekommen.

Don't breathe (Fede Alvarez)

Bildmaterial: © 2016 Sony Pictures Releasing GmbH

Die Prämisse des Films mag einem bekannt vorkommen: Auch in Wait until Dark von James-Bond-Regisseur Terence Young musste sich 1967 eine blinde Figur eines Einbruchstrios erwehren. Doch damals war das Audrey Hepburn als terrorisiertes Opfer, während diesmal Stephen Lang, der militärische Oberbösewicht aus Avatar, als blinder, alter Hausbesitzer so gar kein Interesse daran zeigt, sich in die Opferrolle drängen zu lassen. Auch diese Figur genoss einst eine Militärausbildung und verglichen mit den Vietkong wirken die drei häufig auf ihr mögliches Strafmaß konzentrierten Jungspunde, die vom Barvermögen des alten Herren erfahren haben, relativ läppisch.

Alvarez legt (laut Presseheft) Wert auf die Feststellung, dass der Zuschauer selbst entscheiden soll, welche(n) der Protagonisten man vom Kinosessel aus anfeuert.

I don't like it when filmmakers force me to pick a side. A lot of the stories I see are very manipulative. I don't need to be spoon-fed who is good or bad. Let me choose who I like. We show you an array of characters and let you decide. No one is a saint here. Everyone has shady motives. You have to pick the one that you connect with.

Leider funktioniert der Film aber reichlich anders. Von den drei jungen Einbrechern ist Money (Daniel Zovatto aus It follows) eindeutig derjenige, der am ehesten dem Typus »Krimineller« entspricht. Bei einem Einbruch zu Beginn des Films, der die typische Vorgehensweise des Teams zeigt, wichst er auf den Fußboden (übrigens eine erkleckliche Menge), was (mindestens) dreifach sinnlos erscheint. In der Zeit hätte er weiteres Diebesgut ausmachen können, eine zusätzliche Demütigung der Einbruchsopfer bringt keine wirklichen Vorteile mit sich - und seine DNA-Spuren hinterlässt er so auch noch. Money ist dann auch derjenige, der (ohne Absprache) eine Pistole mit ins Haus des Blinden bringt. Was sich im Nachhinein nicht als die cleverste Idee offenbart.

Don't breathe (Fede Alvarez)

Bildmaterial: © 2016 Sony Pictures Releasing GmbH

Verglichen damit ist Alex (Dylan Minnette, der Kinderstar aus Let me in (der fiese »Kenny«), Prisoners und Labor Day, jüngst auch in Goosebumps) eher der Zögerer, der Konsequenzen bedenkt. Er hat sich informiert, welche Tatumstände bei einer Verhaftung zu höheren Strafen führen (beispielsweise eine mitgeführte Feuerwaffe) und ihm geht es auch sehr um Rocky (»I need to get her out of here!«). Für die Flucht aus dem hoffnungslosen Detroit wirft man beim vermeintlich letzten Einbruch auch einige frühere Regeln über Bord.

Mädchen sind zerbrechlicher und angreifbarer, haben aber im Horror-Genre den Vorteil des »final girl«. Im Fall von Rocky gibt man sich mit einer Szene den Anschein, dass sie tatsächlich »gerettet« werden muss - oder sich selber retten sollte. Denn sie wohnt bei ihrer Mutter, die sie zumindest verbal missbraucht und gering schätzt. Und dann hat sie noch eine kleine Schwester, die sie vor diesem »Elternhaus« retten will. Die Frage, die man sich bei aller Empathie aber stellen muss, lautet: Gibt es denn keinen anderen Weg, dieser Umgebung zu entfliehen, als andere Leute zu bestehlen?

Don't breathe (Fede Alvarez)

Bildmaterial: © 2016 Sony Pictures Releasing GmbH

Denn aus meiner Sicht geht es nicht um das, was später im Haus des Blinden geschehen wird (wer den Trailer gesehen hat, weiß, dass der ein Geheimnis verbirgt), denn »der Zweck heiligt die Mittel« funktioniert einfach nicht, wenn die Motivation für die ursprüngliche Tat der vermeintlichen »Helden« nichts anderes als Habgier ist.

Was außerdem problematisch im Film ist: die Tonspur. Wenn man ins Haus eines Blinden eindringt, sollte man nicht als erstes eine Scheibe einschlagen. Natürlich muss man den Ton fürs Publikum überhöhen, aber hier nimmt man die Blindheit und die damit zusammenhängende Intensivierung anderer Sinne einfach nicht wirklich ernst. Irgendwann erriecht der Blinde mal den Fußschweiß in den ausgezogenen Schuhen der Einbrecher (und erkennt daran, dass es doch mehrere waren). Aber was ist mit Luftbewegungen, Wärme, anderen Ausdüstungen oder einfach den diversen kleinen Geräuschen, die wir als Publikum wahrnehmen können. Wenn man wie auf dem Plakat die Hand vor den Mund schlägt, bedeutet das ja nicht automatisch, dass man dadurch leiser atmet oder seinen Puls unter Kontrolle bekommt.

Don't breathe (Fede Alvarez)

Bildmaterial: © 2016 Sony Pictures Releasing GmbH

Im Großen und Ganzen hat mich Don't breathe wirklich gut unterhalten. Aber es gab so viele Kleinigkeiten, die genervt haben. Wenn man eine Adresse googlet, bekommt man keinen Zeitungsartikel über die Person, die dort lebt (außer vielleicht bei 10 Downing Street). Wenn ich den Vibratoralarm eines Handys hören kann, hat auch ein Blinder damit kein Problem. Und die Szene mit dem Hund im Auto ... jetzt nicht wirklich, oder?

Allerdings gibt es auch einige wirklich gelungene Dinge. Die Soundtrackmusik ist teilweise toll. Aus einigen Geräuschesamples wie Steinen, die sich aufeinander wälzen, hat man minimalistische Melodien gebastelt, die mich irgendwie an das »Heigh Ho« aus Snow White and the seven Dwarves erinnerte (wenn auch in der Tom-Waits-Version). Oder die Szene, wie der Rottweiler geduckt durch den Lüftungsschacht krabbelt - besser als Aliens. Die größtenteils gelungene Rauminszenierung. Und nicht zuletzt ein Teilaspekt des Endes, der mich an zwei tolle Filme eines tollen Regisseurs erinnerte. Leider kann ich seinen Namen wegen der Spoiler-Gefahr nicht nennen, aber wer sich ein wenig in der Filmgeschichte auskennt, wird diese Art von Ende wiedererkennen.

Fede Alvarez ist einer von den Guten, er steckt nur eine Spur zu sehr im Genrekino fest.