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13. Juli 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Meine Brüder und Schwestern im Norden (Sung-Hyung Cho)


Meine Brüder und Schwestern im Norden
(Sung-Hyung Cho)

Deutschland / Nordkorea 2016, Buch: Sung-Hyung Cho, Kamera: Thomas Schneider, Julia Daschner, Schnitt: Fabian Oberhem, Ton: Bernd von Bassewitz, mit Kang Yong-Min, Ri Ok-hee, Ri Ju-Hyok, Ri Ok-Kyong, Go Kwang-Bok, Kim Chun-Hwang, Ri Gum-Hyang, Sung-Hyung Cho, 106 Min., Kinostart: 14. Juli 2016

Obwohl sie in Südkorea geboren ist, erhielt die hessische Dokumentar-Expertin Sung-Hyung Cho wegen ihrer deutschen Staatsangehörigkeit eine Einreise- und Drehgenehmigung für Nordkorea, und die erklärte »Heimatfilmerin«, die schon mehrfach die politischen Parallelen ihrer alten und neuen Heimat zu Themen ihrer Filme machte (Endstation der Sehnsüchte, Verliebt, Verlobt, Verloren) versucht hier, unvoreingenommen aus der von Gerüchten umwobenen »demokratischen (Volks-)Republik« (da war doch mal was...) unter dem Quasi-Diktatoren-Geschlecht derer von Kim zu berichten.

Der Film entsteht dabei in einer Art Niemandsland, zwischen den (voreingenommenen) Bildern, die man schon im Kopf hat - und jenen, die die Nordkoreaner von sich preisgeben. Dass die Art und Weise, wie die nordkoreanische Regierung auf den Dreh Einfluss nahm, nie wirklich konkret thematisiert wird, könnte man als Schwäche des Films einstufen (da gibt es wohl Filme, die das deutlicher herausarbeiten), aber trotz einer gewissen Naivität, die Cho einbringt, weil sie ihren Landesgenossen mit offenen Armen entgegen geht und auch irgendwie einen Auftrag verspürt, für eine koreanische Wiedervereinigung zu arbeiten (oder zumindest nicht dagegen), muss man schon reichlich blauäugig als Zuschauer sein, um nicht zwischen den Bildern zu lesen und der Wahrheit zwischen Grusel-Klischee und Propaganda-Heiler-Welt etwas näherzukommen.

Meine Brüder und Schwestern im Norden (Sung-Hyung Cho)

Bildmaterial: © Kundschafter Filmproduktion GmbH

Seltsamerweise erfährt man aus dem Presseheft viele Informationen, die einem der Film vorenthält - was eigentlich immer schade ist, denn ich sehe mich jetzt als Journalist auch nicht in der Bringschuld, all jenes zu nachzuliefern, was die Regisseurin im Film unerklärt lässt. Erwähnen will ich aber zumindest, dass das »Standardprogramm« für ausländische Drehteams wohl jedes Mal exakt gleich abläuft, Cho aber durch vorherige Recherchereisen beim dritten Mal nicht mehr dasselbe »vorgesetzt« bekam, sondern man versuchte, ihr immer wieder neues zu bieten - was implizit natürlich in Richtung »tiefere Einsichten« führt.

Auch behauptet Cho im Presseheft, dass sie einige der Protagonisten (es wird nicht klar, ob dies Interviewpartner mit einschließt) vor Ort »spontan« (ihre Wortwahl) auswechseln konnte. Das sind natürlich Details, die beim Sehen des Films hochinteressant sind. Aber kommen wir zu meiner ganz persönlichen Rezeption, die übrigens irgendwie auch davon geprägt ist, was ich in meinen Schuljahren 1988 und 89 bei einer Tagesfahrt in die DDR und einer Wochenklassenfahrt nach Berlin so erlebte an Intershops, verrußten Bussen und feilgebotenen Spezialitäten inklusive Doppelkorn (die Kids sind kaum erwachsen, da wissen sie Hochprozentiges zu schätzen!)

Meine Brüder und Schwestern im Norden (Sung-Hyung Cho)

Bildmaterial: © Kundschafter Filmproduktion GmbH

Neben erstaunlich vielen Luftaufnahmen und Landschaftspanoramen (wurden die schon geliefert oder gab es dafür auch Genehmigungen und ein ausreichendes Budget?) beginnt der Film nach einigen Voice-Over-Erklärungen seitens der Regisseurin mit einem Ausflug zum ärmlich wirkenden Waldhaus, in dem Kim Jong-il II am 16.2.1942 geboren wurde. Eine offenbar gut geschulte Touristenführerin liefert sämtliche Infos, wobei auffällt, dass sie schon bei der Schilderung des wenige Monate alten Babys vom »General« spricht.

Zunächst wirkt das Haus im Wald für eine Wallfahrtstätte reichlich vereinsamt, doch Chos Begleiterin erklärt, dass die Besucherströme nicht abreißen - und schon kommt im Laufschritt eine größere Besuchergruppe, bei der wiederum auffällt, dass sie allesamt Uniformträger sind. Gehört es zum Standardtraining der Ausbildung, dem gewiss zu werden, wofür man kämpft oder wurde die Hundertschaft ganz gezielt und minutengenau abgeordert, um für die Kamera aufzulaufen?

Die Touristenführerin verabschiedet sich mit den Worten »Kommen sie bald wieder. Und kriegen sie bald ein Kind!«, wozu man den ungläubigen Kommentar der Regisseurin (Jahrgang 1966) hört: »In meinem Alter?« Der Humor, der in so einer Doku mit Hinblick auf das Publikum nicht komplett ausgeblendet werden sollte, wirkt zumeist dezidiert unpolitisch und lieber ganz persönlich und individuell. Man lernt neben den gecasteten Protagonisten auch die Regisseurin ein wenig kennen.

Meine Brüder und Schwestern im Norden (Sung-Hyung Cho)

Bildmaterial: © Kundschafter Filmproduktion GmbH

Zwischendurch gibt es wieder ein paar begleitende Bilder (diesmal von einer Fahrradfahrt, die immerhin von einer ironisch wirkenden Musik begleitet wird), und dann geht es weiter mit einem Wasservergnügungsbad. Das abermals etwas leer wirkt, was aber, wie uns erklärt wird, daran liegt, dass der Samstag der »politische« Tag ist, wo sich die Bürger eben wichtigeren Tätigkeiten widmen. Auf Anfrage erklärt man, dass hier am (normalen) Tag 20.000 Menschen auflaufen und das man hochmoderne Erdwärme einsetzt - obwohl keiner der Techniker genau sagen kann, wie tief man dafür bohren musste. Man weiß als Zuschauer nicht genau, wie viel hier Schau und Lüge ist, aber man wird schon sehr argwöhnisch - auch ohne, dass die Regisseurin oder der Film konkret auf bestimmte Diskrepanzen mit dem Finger zeigt, merkt man, dass hier und da etwas nicht stimmt. Kino für mündige Bürger.

Nebenbei wird übrigens erwähnt, dass Bikinis verboten sind (Lachen der Regisseurin). Vgl. mit dem oben erklärten Humoransatz.

Meine Brüder und Schwestern im Norden (Sung-Hyung Cho)

Bildmaterial: © Kundschafter Filmproduktion GmbH

Zu den weiteren Stationen des Films gehören eine Textilfabrik (man fertigt u.a. für die USA), ein auf sozialistische Propaganda-Gemälde spezialisierter »Kunstmaler« (»Ich selbst möchte nichts Hässliches malen. Jeder hat seine Vorlieben!«) und die »Internationale Fußballschule«, in der man quasi erklärt, dass die Kinder schon deshalb kein Heimweh haben, weil sie hier Fernsehen und Snacks geboten bekommen (es geht aber schon ums aktive Fußballspielen ...). Mir persönlich fiel hierbei auf, dass man u.a. Sportbekleidung von Adidas oder Kappa trägt - und in einem Fall sogar ein Chelsea-Trikot. Da fragt man sich als Zuschauer auch, ob bei Anmeldung eines Kamerateams immer der Dreikäsehoch, der am Vortag am lautesten die Propagandalieder mitgesungen hat, die Ehre hat, ein bestimmtes »Kostüm« tragen zu dürfen. Jedenfalls hat man ja nicht so das Gefühl, dass man Werbeartikel des Klassenfeinds einfach so im Internet bestellen kann.

So läuft der ganze Film: man hinterfragt eigentlich jede Aussage und die ausgefeilte Propaganda funktioniert oft genug eher so suboptimal, dass es eigentlich auch notwendig ist, auf jedes Detail genau hinzuweisen.

Aber ganz nebenbei gelingt es der Regisseurin hier und da, einfach mal die Menschen hervorblitzen zu lassen, die trotz allem auch mal Wünsche und Träume haben, die von unseren eigenen gar nicht soo weit entfernt sein müssen. Im Grunde schafft es der Film eigentlich, es vielen Zuschauerschichten mit durchaus unterschiedlichen Herangehensweisen an das Material Recht zu machen. Und ausnahmsweise sehe ich darin gar nicht mal eine Schwäche, sondern eine Stärke des Films. Ich komme nicht mit allen Entscheidungen der Filmemacherin überein, aber wenn man sich mit ihrem »Auftrag« angefreundet (oder zumindest abgefunden) hat, funktioniert der Film einfach - komplett unabhängig davon, wie viel oder wie wenig man vom Dokumentierten glaubt. Und ob man sich auf die Suche nach der Lüge oder nach der Wahrheit begibt: man wird auf jeden Fall fündig!