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Die Box




15. April 2009
Thomas Vorwerk
und Daniel Walther
für satt.org


Cinemania-Logo 61:
Berlinale Dokumente (2009, Teil 5)


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Zum Vergleich
(Harun Farocki, Forum)

Deutschland / Österreich 2009, Buch: Harun Farocki, Matthias Rajmann, Kamera: Ingo Kratisch, Schnitt: Meggie Schneider, Zeichnungen: Andreas Sieckmann, 61 Min.

Harun Farocki ist ein Filmemacher vom alten Schlag, und wenn er einen Dokumentarfilm dreht, dann wird oft auch wirklich etwas dokumentiert. Bei diesem Projekt wollte er im Vorfeld den Begriff der "Arbeit" untersuchen, und den titelgebenden Vergleich antreten zwischen traditionaler, frühindustrieller und hochindustrieller Arbeit, was zunächst an Hand unterschiedlicher Methoden des Hausbaus festgemacht werden sollte, nach einigen Recherchen kam er jedoch auf einen dafür benötigten, ebenso universell wie banal erscheinenden Gegenstand: einen Ziegelstein.

Der Film, der auf Kommentare gänzlich verzichtet, sich ganz auf den Vergleich konzentriert, und nur zur Verdeutlichung auf eigens gefertigten Zeichnungen die Produkte und Hinweise auf die Produktionsformen liefert bzw. in Untertiteln die jeweiligen Orte des Geschehens benennt, beginnt in Afrika, genauer in Gando in Burkina Faso. Hier sieht man, wie in einzelnen Arbeitsschritten noch jeweils ein einziger Ziegelstein mithilfe eines simplen Holzkastens geformt wird, bevor die in der Sonne getrockneten Steine von diversen Arbeitern in einer "Eimerkette" verarbeitet werden, bis schließlich offenbar die gesamte Ortsbevölkerung dabei mithilft, den verbindenden Mörtel zu verstreichen. Ich will nicht zu sehr die Vergleichsmomente vorwegnehmen, aber hier arbeiten noch sehr viele an und mit einem einzeln hergestellten Produkt.

Weiter geht es in Hinjawadi in Indien, wo mit einer metallenen Form bereits je zwei Ziegel fertiggestellt werden können. Hier lagern Unmengen von Ziegeln in der Sonne, Arbeiter sind nur wenige zu sehen. Immer noch in Indien (sozusagen "Indien, Teil 2"), sieht man bereits so etwas wie eine Ziegelei (übrigens seit 1930 kaum verändert), in der die Ziegel mithilfe einer "Strangmaschine" (Fachbegriff stammt aus dem Pressematerial) "geschnitten" werden (jeweils zwei "Schnitte" pro Arbeitsgang, und danach mit einem holprigen Fließband transportiert werden.

So geht es weiter über einen noch primitiv wirkenden Ringofen (seit 1945 im Betrieb) bis zu einer modernen Ziegelfirma in Dachau-Pellheim, Deutschland. Hier sieht man nur noch einen Aufseher, der reichlich gelangweilt wirkt. Um ihn herum übernehmen Maschinen die Arbeit, auch das Produkt Ziegel hat mit der klaren Quaderform nur noch wenig Ähnlichkeit, doch der Endpunkt des Films (und sozusagen auch so etwas wie ein Höhepunkt) findet in Österreich statt. Wo in Burkina Faso beim Bau eines Krankenhauses und eines Schulgebäudes nichts importiert war, sondern direkt vor Ort, nur durch menschliche Energie entstand, sieht man hier, wie Roboter an offensichtlich genau berechneten Stellen auf Ziegeln Klebstoff auftragen, und andere Roboter dann die Ziegel aufeinander schichten. Hierbei wird durch die luftige Varianz der Ziegel, die jeweils in einem unterschiedlichen Winkel angebracht werden (und übrigens viel Raum zwischen den Ziegeln hinterlassen, was man entgegen der eigentlichen Funktion der Ziegel deuten könnte) eine Art "Bild" erstellt, das die Ziegel wie Pixel auf dem Computer einsetzt. Was sich zunächst noch sehr interessant anhört, doch das auf einer großflächigen Wand eines sehr modern gestalteten Gebäudes entstehende Bild zeigt nicht etwa das Portrait einer historischen Persönlichkeit oder das Signet einer umworbenen Marke, sondern ein eher abstraktes und willkürlich wirkendes Muster, das an nichts erinnert, höchstens vielleicht an einige Wellen im Wasser. Und somit liefert Farocki zumindest indirekt einen Kommentar-Ansatz, Zum Vergleich ist wahrscheinlich der Film der Berlinale, in dem am wenigsten geredet wird, der aber die Diskussion nach dem Film am intensivsten anregt. Und mit den primitivsten filmischen Mitteln in einer Stunde beispielsweise das Prinzip der Montage am eindrücklichsten vorführt. [Rezension von Thomas Vorwerk]

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Los herederos
(Eugenio Polgovsky,
Generation Kplus)

Mexiko 2008, Dt. Titel: Die Erben, Buch, Kamera, Schnitt: Eugenio Polgovsky, Ton: Camille Tauss, Cristian Manzutto, Musik: Banda Mixe de Oaxaca, 90 Min.

Die Leinwand ist Schwarz, wir hören nur die Stimmen von Kindern, die beginnen, ein Lied zu singen, kurz nachdem Gesang erklingt, in weißer Schrift der Text des Liedes. Es ist ein Schlaflied für Kinder, das traurig klingt und als passender emotionaler Einstieg in Eugenio Polgovskys Dokumentarfilm Los herederos dient. Die Lebenssituationen der portraitierten Kinder sind gekennzeichnet von Arbeit - und das von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. In verschiedenen Landesteilen Mexikos war der Regisseur unterwegs und hat Kinder bei ihrer alltäglichen Arbeit begleitet.

Die einen Arbeiten auf dem Feld und pflücken Tomaten, Gurken oder Bohnen. In der sengenden Sonne arbeiten bereits die kleinsten im Akkord. Jeder Handgriff sitzt und es lässt sich leicht erahnen, dass die Kinder in ihrem bis dahin kurzen Leben davon schon viel Zeit auf dem Feld verbracht haben. Eine andere Gruppe von Kindern hingegen arbeitet in den Bergen und transportiert Holz mit einem Esel über rutschige Felsen, Flüsse oder durch das Gebirge. Völlig selbstverständlich bewegen sich die Kinder durch das gefährliche Terrain und demonstrieren, dass wie bei den Kindern auf dem Feld jeder Handgriff sitzt. Andere Kinder dagegen schnitzen den ganzen Tag Figuren aus Holz. Sie schneiden sich in den Finger, aber das kann bzw. darf sie nicht lange vom Arbeiten abhalten und so wird der Schnitt kurzerhand fest mit Tesa-Film umwickelt, so dass es problemlos weitergehen kann. Darüber hinaus müssen die Kinder auch noch im Haushalt helfen, die Tiere füttern, putzen oder kochen.

Ohne sich selbst merklich in das Geschehen einzumischen, beobachtet der Regisseur genau die Menschen. Es gibt keine direkt an die Kamera gerichteten Worte, was aber auch nicht nötig ist, denn die eingefangenen Bilder sind zumeist stark genug, um Gefühle von Unverständnis und leichtem Entsetzen zu erzeugen. Sehr geschickt arbeitet Polgovsky mit Gegensätzen. So setzt er Bildern von in Ruhe schwelgenden Bergpanoramen solche der harten Arbeit auf dem Feld entgegen. Immer wieder fängt er Bilder ein, die für Ruhe oder Freiheit stehen, und kontrastiert diese mit schwere Holzpakete schleppenden oder Gemüse pflückenden Kindern.

Gerade über die Montage gelingt es besonders gut, eine Erzählstruktur herzustellen, die nicht nur chronologisch Tag für Tag die arbeitenden Kinder zeigt, sondern Zusammenhänge und damit Spannung erzeugt. Ein Beispiel dafür ist es, wenn er immer wieder Bilder einer alten Frau einschneidet. Im Gegensatz zu allen anderen muss sie nicht mehr auf den Feldern arbeiten, aber trotzdem ist sie die ganze zeit damit beschäftigt, Hausarbeit zu verrichten und so scheint mit dieser alten Frau ein Kreislauf hergestellt, der alle Generationen zusammenführt. Von Kindesalter an dreht sich alles um Arbeit und nach einem beschwerlichen Leben bleibt im Alter nicht viel mehr, als von dem Rest der Familie erwirtschaftet wird, somit wird deutlich gemacht, dass die Kinder von morgen die von heute zu ernähren haben werden. Sehr direkt fragt der Film natürlich auch nach unserer Verantwortung, wenn wir zum Beispiel Möbel kaufen aus dem Holz, das die Kinder tragen mussten - oder die von Kinderhänden gepflückten Tomaten, die auch hierzulande auf dem ein oder anderen Brot landen könnten. Allerdings geht es nicht einfach nur darum, Schuldgefühle zu erzeugen - viel eher steht die Beobachtung und der damit verbundene individuelle Umgang damit im Vordergrund.

Eugenio Polgovsky gelingt eine sozialkritische Dokumentation die durch ihre direkte Beobachtung schonungslos ist, die es jedoch vermeidet, die Kinder und ihre Familien nur als würdelose Opfer eines ungerechten Wirtschaftssystems zu zeigen, obwohl feststeht, dass auch die nächsten Generationen dem Kreislauf nicht entrinnen werden können. [Rezension von Daniel Walther]

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Die wundersame Welt der Waschkraft
(Hans-Christian Schmid, Forum)

Deutschland 2009, Buch: Hans-Christian Schmid, Kamera: Bogumil Godfrejow, Schnitt: Stefan Stabenow, 93 Min., Kinostart: 7. Mai 2009

Requiem mal ausgenommen, zeugen drei der letzten vier Filme dieses Regisseurs für ein ausgeprägtes Interesse an Osteuropa, für Dokumentarfilme war Schmid aber bisher nicht eben bekannt. Es beginnt in einem Berliner Nobelhotel, bei einem Coaching der Zimmermädchen, die "immer ein professionelles Erscheinungsbild" darzubieten haben. Zu Klavierklängen wird ein Bett bezogen, Flusen im Gegenlicht, Freeze Frames beim Titelvorspann.

Die Bettwäsche wird in LKWs nach Polen verfrachtet, wo in einer Großwäscherei die Hotelwäsche im Tageswechsel immer wieder sauber und adrett gefaltet nach Berlin zurückgeschickt wird. Und der Film dokumentiert das Leben der Wäscherinnen und LKW-Fahrer, wobei der Kontrast zwischen blitzsauberen Laken und eher ärmlichen Behausungen, in denen die Niedriglohnarbeiter leben, ohne Problem ein Publikum für anderthalb Stunden bei der Stange halten kann.

Doch wo die eigentümlichen wirtschaftlichen Zwänge, das Zusammenspiel mit einem nahen Kraftwerk oder die PR-geschulten Vorträge des Firmenchefs faszinieren und informieren, verschiebt sich das Augenmerk des Regisseurs unversehens auf die Einzelschicksale der polnischen Arbeiter bzw. auch mal gefeuerter Familienmitglieder. Das wäre auch abendfüllend und nicht automatisch weniger interessant, doch für das Publikum wirkt die Richtungsänderung der Dokumentation ein wenig wie eine Mogelpackung. Ich für meinen Fall wollte nichts übers Schweineschlachten, Eheprobleme eine Kosmetikerlehre oder das Auswandern der Großmutter erfahren, sondern eben etwas über die Wäscherei, die Vorgänge etc.

Im Zusammenhang mit der Berlinale hieß es mal, Schmid wolle einige der Arbeiterinnen zur Premiere auch zum Festival bringen, wobei die Filmprotagonisten wahrscheinlich in den üblichen Hotels untergebracht worden wären, und sie somit womöglich in jener Wäsche schlafen würden, die sie vor drei Tagen noch selbst gewaschen haben. Ein Sequel über diese Weiterentwicklung der Kontrastsituation würde ich mir auch gern anschauen, einzig weiß ich nicht, inwieweit es dazu kam.

Und so bleibt Die wundersame Welt der Waschkraft ein Film, der zur Hälfte beeindruckt, sein Potential ausschöpft und auch sehenswert ist, während aber die andere Hälfte des Films ein wenig ziellos wirkt, und nicht weit entfernt davon ist, an den momentan noch anhaltenden Doku-Boom im Fernsehen zu erinnern. Ich persönlich hätte hier einen stringenteren 50-Minuten-Film bevorzugt. Oder auch zwei kürzere Filme, wobei der über die konkreten Lebensumstände der Arbeiter halt irgendwie anders hätte angepriesen werden. Ein Film, eine Art Bonusmaterial, gerne auch beides im Festival Circuit, dann womöglich das angesprochene Sequel (auch wenn Schmid während der Berlinale wahrscheinlich kaum Zeit für Dreharbeiten gehabt hätte), und die drei Filme hätte man dann gemeinsam als kleine Trilogie regulär in den Kinos starten lassen - das wäre aus meiner Sicht perfekt gewesen. [Rezension von Thomas Vorwerk]

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Elektrokohle (Von Wegen)
(Uli M. Schueppel, Panorama Dokumente)

Deutschland 2009, Buch: Uli M. Schueppel, Kamera: Cornelius Plache, Uli M. Schueppel, Schnitt: Ernst Carias, Musik: Einstürzende Neubauten, mit Blixa Bargeld, FM Einheit, Alexander Hacke, NU Unruh, Mark Chung, Ronald Galenza, Juliane Behnfeldt, Alexander Pehlemann, Claus Löser, Andreas Stobernack, Renate Ziemer, Andreas Wendt, Robert Richter, Anja Jauert, Ingo Brunner, Robert Mießner, Mirko Naydowski, Matthias Loeper, Alexander Kunze, Frank Radermacher, Gozamba, Heiko Siebert, Heiner Müller, Jack Lang, 90 Min., Kinostart: 28. Mai 2009

Am 21. Dezember 1989, als Ost-Berlin noch die Hauptstadt der DDR war, die Abrissarbeiten an der Mauer aber beispielsweise in den Nachtstunden auch auf DDR-Seite begannen (laut "Chronik der Wende"), begeben sich die Mitglieder der Einstürzenden Neubauten zu einem Konzert im Ostteil der Stadt, im Wilhelm-Pieck-Saal der VEB Elektrokohle. Hiervon gibt es Videomaterial aus dem Kleinbus der Band, aber auch von der Pressekonferenz (damals noch mit Vertretern der erst einige Monate alten DFF-Sendung "Elf99"), natürlich vom Konzert selbst und auch im Backstage-Bereich wurde einiges dokumentiert.

Fast zwanzig Jahre später erinnern einige der damaligen Konzertbesucher sich an die damalige Umbruchstimmung, und gehen den Weg, den sie damals genommen hatte, erneut nach, wobei die Veränderungen natürlich allenthalben offensichtlich sind. Dieses Filmprojekt spricht natürlich ein erstaunlich großer Zielpublikum an, neben den Neubauten-Fans ist auch der zeithistorische Kontext interessant, Berliner sind ohnehin angesprochen, doch für mich persönlich war es ein wenig eigenartig, dass die "Fans" von damals heutzutage zu großen Teilen in den Kreis kulturell wichtiger F-Prominenz aufgestiegen sind, beispielsweise Journalisten wie Claus Löser oder Robert Mießner. So, wie der Film betont, dass das Konzert von "echten Ostfans" und nicht nur FDJ-Mitgliedern besucht wurde, wirkt die Auswahl der "Zeitzeugen" etwas einseitig, als hätte man nur alte Kumpels angerufen. Interessanter wäre es womöglich gewesen, die damaligen Ordnungskräfte (insbesondere die bereits etwas älteren wie die Garderobenfrau) zu interviewen, doch der Film gerät zu einer ziemlichen Abfeierei der Neubauten, die damals zwar auch schon von Heiner Müller anmoderiert wurden, der den französischen Kulturminister Jack Lang zur Veranstaltung "schanghaite", aber eben nicht hundertprozentig dem allgemeingültigen Kultur-Kanon entsprachen, wie es hier dargestellt wurde. Neubauten-Platten wie Haus der Lüge (1989) waren zwar auch Teil des kommerziellen Durchbruchs der Band (zeitnah mit Nick Caves Tender Prey), aber im Film erscheint es fast so, als wäre Marcel Reich-Ranicki der Bandleader, und alle Musik-Zeitschriften würden sie geschlossen hochleben lassen, was ich zumindest etwas anders im Gedächtnis habe.

Aber all dies ist natürlich fast unvermeidbar bei so einem Projekt, und der Film ist dennoch extrem unterhaltsam, all die kleinen Anekdoten gewinnen womöglich auch dadurch, dass man eben einige Namen und Personen wiedererkennt, ob nun aus dem Freundeskreis oder der täglichen Lektüre. Wenn Claus Löser den Abhörspezialisten der Stasi das neue Neubauten-Album vorführt, ist das vielleicht noch witziger, als wenn "irgendein" Fan davon berichten würde.

Die Kamera ist 1989 oft so hautnah dabei, dass man die Nasenhaare sieht, und auch wenn die Grenzübergänge heute etwas ostalgisch verklärt wirken (Blixa: "Das ist meine Ausweisverlustanzeige."), und das heutige Schicksal des nach dem Arbeiterführer benannten Saals ("Dit is aus Willem Pieck jeworn? Wahnsinn!") sehr detailliert den Niedergang des Kapitalismus vorführt, so sieht Von Wegen die damaligen Zustände auch nicht eben durch die rosarote Brille, wie insbesondere die Schilderungen eines damaligen Offiziersanwärters dokumentieren ("Man war in der Kaserne, als die Mauer fiel, man war bei den Riots auf der falschen Seite und man war hilflos"). Die kleinen Höhepunkte des Films wirken manchmal eher unabsichtlich wie eine Bushaltestelle im Hintergrund, auf der das Konterfei von Dieter Bohlen für sein Super-Talent wirbt. Und so ist der Film kein Meisterwerk, aber all jene, die sich für Teilaspekte des Projekts interessieren, sollten durchaus auf ihre Kosten kommen. [Rezension von Thomas Vorwerk]

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Endstation der Sehnsüchte
(Sung-Hyung Cho, Panorama Dokumente)

Deutschland 2009, Int. Titel: Home away from Home, Buch / Schnitt: Sung-Hyung Cho, Kamera: Ralph Netzer, Axel Schneppat, Stefan Grandinetti, 97 Min.

Der Begriff Heimat und auch dessen Komplexität steht im Vordergrund von Sung-Hyung Chos Dokumentarfilm Endstation der Sehnsüchte. Der Film begleitet drei Frauen, die in den 1970ern ihre Heimat in Korea verlassen haben, um in Deutschland als Krankenschwestern zu arbeiten, und nun ihren Lebensabend mit ihren deutschen Ehemännern in der alten Heimat verbringen wollen. Obwohl sie sich in Deutschland vollends integriert hatten, Familien gegründet und sich die deutsche Lebensart angeeignet haben, blieb immer ein Gefühl von Heimweh. So zeigt der Film nicht nur die Perspektive der Gastarbeiterinnen und ihre (Re-)Integrationserfahrungen, sondern darüber hinaus die recht unterschiedlichen und jeweils durchaus amüsanten Bemühungen ihrer Ehemänner, sich in den neuen Lebensabschnitt hinein zu finden.

Sie ziehen in das Dorf "Dogil Maeul", das auch "das deutsche Dorf" genannt wird und werden unfreiwillig zur Touristenattraktion, wenn Horden von Neugierigen unaufgefordert durch die Vorgärten trampeln, über die Blumenbeete laufen und für Fotos posieren, wie man das sonst nur von der Weltzeituhr her kennt. Diese sich immer wieder abspielenden Szenen zeigen den kulturellen Zwiespalt der Heimkehrerinnen. Sie leben zwar in ihrer (alten) Heimat, haben sich aber dabei an einen Ort zurückgezogen, der angefangen von der Marmelade über deutsche Fleischwaren, Gartenzwerge und typisch deutsche Inneneinrichtung alles Bekannte aus der "zweiten" Heimat, der ihrer Ehemänner, bietet. Auch diesen fällt es gerade beim Belagerungszustand durch Touristen nicht immer leicht, sich an die neue Heimat zu gewöhnen. Der Film wechselt zwischen Szenen aus dem Alltag und Interviews von Woo-Za, Young Sook und Chun-Ja, in denen sie erzählen, warum sie nach Deutschland gegangen sind und wie sie sich in dem neuen Land zurechtgefunden haben. Sehr offen und ehrlich erzählen sie auch von ihrer Zeit vor der Migration nach Deutschland, von Kindern und gescheiterten Ehen. Dies sind die nachdenklichen Momente des Films, wenn die drei Frauen teilweise in traditionellen koreanischen Trachten inmitten deutscher Schrankwände sitzen und erzählen.

Darüber hinaus betrachtet der Film auch die drei Männer Ludwig, Armin und Willi genauer. Und ihre Anstrengungen, sich zurechtzufinden. Der eine versucht es mit dem Erlernen eines traditionellen Tanzes und der damit verbundenen Teilnahme an einer Veranstaltung. Ein anderer macht kurzerhand eine Metzgerei auf, und sorgt somit durch frische Blut- und Leberwurst für etwas Heimat auf dem Vollkornbrot. Der letzte im Bunde versucht sich wiederum, durch den Besuch eines Tempels spirituell seiner neuen Heimat zu nähern. Bei allen dreien kommt es zu lustigen Situationen wenn die Kulturen in einem schwer zu vereinbarenden Maße aufeinander treffen, und dies nicht nur in den Vorgärten.

Sung-Hyung Cho gelingt es Beobachtungen einzufangen, die in den andauernden Migrations- bzw. Integrations-Diskussionen um Bereitschaft und Notwendigkeit hierzulande neue Perspektiven anbieten und sich dem Thema eben vom Blickpunkt ins Ausland migrierter Deutscher und eben auch ihrer Integrationsbemühungen nähert, ohne so mundgerecht inszeniert zu sein wie diverse Sendungen im Privatfernsehen. Ein durchaus witziger charmanter Film, der vor allem von der Offenheit der Protagonisten/Innen lebt, worin auch eine Hauptleistung Chos besteht. Eine humorvolle Betrachtung der drei Paare und eine Erörterung, ob die Frage nach Heimat eigentlich überhaupt noch zeitgemäß ist. [Rezension von Daniel Walther]

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When you're strange
(Tom DiCillo, Panorama Dokumente)

USA 2009, Buch: Tom DiCillo, Kamera: Paul Ferrara, Schnitt: Mickey Blythe, Kevin Krasny, mit Jim Morrison, Robby Krieger, John Densmore, Ray Manzarek, 88 Min.

Mit den besten Erwartungen betrat ich hier das Kino. Regisseur Tom DiCillo ist mir seit Living in Oblivion sympathisch, einem Film, der zusammen mit Frank Darabonts The Shawshank Redemption vielleicht nicht meine allerersten Berlinale-Erfahrungen prägte, aber aufgrund der anwesenden Regisseure und überzeugenden Filme die positivsten frühen. Und die Doors mag ich natürlich auch, was kann da schon schiefgehen?

Eine Menge. Zunächst einmal ging die Projektion schief. Offenbar zeigte man von DVD, und nach einigem Rumtricksen mit dem Bildformat (natürlich während der Film bereits lief) entschied man sich dann für ein Format, dass das Bild zwar nur geringfügig verzerrte, aber beispielsweise bei den Untertiteln diverse Buchstaben links und rechts "abschnitt". Das war jetzt zugegebenermaßen für mich persönlich kein großes Problem, weil ich ja Englisch verstehe, aber dem Vorführer o. ä. hätte es aufgrund dessen schon auffallen sollen. Für eine reguläre Festival-Vorführung ein untragbarer Zustand.

Dann begann der Film und es wurde erst mal festgestellt, dass es im Film keinerlei "reinactments" mit Schauspielern gibt, wie man sie aus Aktenzeichen XY kennt. Dieser Hinweis war insofern wichtig, weil man Jim Morrison in einigen Out-Takes seiner frühen Amateurfilme (er wollte immerhin mal Filmemacher werden) nicht so ohne weiteres erkannt hätte. Wie in einem Zusammenspiel von David Lynch und Oliver Stone sah man dann in Detailaufnahme ein angerissenes Streichholz, und über Jim Morrisons Todesmeldung initiiert besagtes Streichholz sozusagen eine "Rückwärtskarriere", bevor der Film dann mit einem Schuss einen Neuanfang setzt. Dann ein Off-Kommentar ("narrated by Tom DiCillo"): "The sixties began with a shot." Da hiermit das Attentat auf John F. Kennedy gemeint war (erklärte sich aus dem Bildmaterial), war ich sehr schnell sehr stutzig, denn warum zum Teufel sollen denn die Sechziger erst im November 1963 beginnen, wenn bereits ein Drittel des Jahrzehnts verpufft war? Um es kurz zu machen: der an dieser Stelle einsetzende Verdruss dem Film gegenüber konnte sich später nicht wieder zerstreuen.

DiCillo liefert zwar eine gute Zusammenfassung des Lebens Morrisons und der Karriere der Doors, aber warum er dies mit den politischen Vorkommnissen der 1960er eins zu eins gegenüberstellen muss, ist mir ein ziemliches Rätsel. Und so wird lang und schmutzig abgespult, wer denn alles mit 27 gestorben ist, vom Song "The End" geht man direkt zu den Attentaten auf Martin Luther King und dem anderen Kennedy über, mithilfe von Charles Manson wird Morrisons depressive Phase illustriert, und nachdem der Film es so hinstellt, als sei Morrison in seiner Pariser Dichter-Phase in besonders abgründige Tiefen abgestiegen, genügt dann ein Bild nach seiner Rasur, um seine wiederkehrende Attraktivität als (unerfüllte) Hoffnung auf einen Neubeginn zu proklamieren. Bartträger sind suspekt, dieses seltsame Fazit hat hier weniger mit Hippies und Drogen zu tun, als das man an dieser Stelle des Films fast erwartet hätte, als nächstes neben Charles Manson auch gleich noch Osama Bin Laden zu erblicken. Dass das Aussehen einer Person auch deren Gesinnung spiegeln kann, mag stimmen, aber bloß durch einen Friseurbesuch wird aus einem "langhaarigen Bombenleger" nicht automatisch ein vorbildlicher Patriot (dieser Euphemismus ist mit Bedacht gewählt). Doch die Aussagekraft dieses Films lässt sich am besten anhand eines Schlusszitats demonstrieren: "None of their songs were used in a car commercial". Na, dann ist ja alles gesagt! [Rezension von Thomas Vorwerk]

Schon sehr bald in Cinemania 62: Rezensionen zu aktuellen Kinostarts: Despereaux - der kleine Mäuseheld, Der Entsorgte Vater, Hannah Montana - Der Film, Die Jagd zum magischen Berg, Knowing - Die Zukunft endet jetzt, Winnetoons - Die Legende vom Schatz im Silbersee ...