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Die Box




1. Juni 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Mikro & Sprit (Michel Gondry)


Mikro & Sprit
(Michel Gondry)

Originaltitel: Microbe et Gasoil, Frankreich 2015, Buch: Michel Gondry, Kamera: Laurent Brunet, Schnitt: Elise Fievet, Musik: Jean-Claude Vannier, mit Ange Dargent (Daniel / Microbe), Théophile Baquet (Théo / Gasoil), Diane Besnier (Laura), Audrey Tautou (Marie-Thérèse), Vincent Lamoureux (Steve), Agathe Peigney (Agathe), Douglas Brosset (Oscar), Charles Raymond (Kevin), Ferdinand Roux-Balme (Simon), Marc Delarue (Romain), 104 Min., Kinostart: 2. Juni 2016

Auf dem Weg, sich in die nächste komplizierte Literaturverfilmung (Philip K. Dicks Ubik) zu stürzen, entschied sich Michel Gondry zwischendurch für einen entspannteren, autobiographisch angehauchten Film, einen Jugendfilm, der Gondrys Hang zum Do-it-Yourself-Kino à la »Augsburger Puppenkiste« besser einpasst als je zuvor.

Was anfänglich aussieht wie das fahrende Bett aus Eternal Sunshine of the Spotless Mind, wird hier zum als Gartenhaus getarnten Fahrzeug, mit dem zwei Jugendliche durch Frankreich reisen. Daniel alias Microbe (ein Schmähname aufgrund einer nicht erkennbaren Kleinwüchsigkeit) und Théo alias Gasoil (der hin und wieder nach Benzin müffelt, weil er an seinem Mofa bastelt) sind zwei vermeintlich unterschiedliche Außenseiter, die als Protagonisten eines Gondry-Films aber charmant und entwaffnet »normal« wirken. Ihre jeweiligen Eltern (darunter eine unerwartet wie eine Studienrätin mit Stock im Hintern auftretende Audrey Tautou) wirken da schon eher wie entgegengesetzte Magnetpole - und wie so oft würden die Jungs sich insgeheim die Finger lecken nach so viel grotesker Skurrilität oder spießerischem Etablissement. Daniel, der etwas mehr im Zentrum steht, hat zudem noch ähnlich diametrale Brüder (offenbar 1:1 aus Gondrys Familie übernommen).

Mikro & Sprit (Michel Gondry)

Bildmaterial: © Studiocanal

Wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn erleben die beiden ein großes Sommerferien-Abenteuer, streiten und vertragen sich, der eine verzehrt sich nach einem Mädchen - und vor allem geben sie sich viel Mühe, immer wieder anzuecken.

Es ist ein großer Spaß, dem beizuwohnen, und wie in wirklich gelungenen Jugendfilmen gibt es die volle Palette an Emotionen, die aus der Pubertät eine Achterbahnfahrt ohne klares Ziel macht.

Mikro & Sprit (Michel Gondry)

Bildmaterial: © Studiocanal

Nie zuvor schmiegten sich Gondrys leichtfüßiger Tonfall und seine heiteren Jugenderinnerungen aneinander wie hier. Dass er beispielsweise nebenbei noch eine Songkomposition seiner Mutter mit in den Film einpasste, zeugt davon, wieviel Herz in diesem Film steckt - und wie viel sich davon auf den Zuschauer überträgt. Im Kinderbett dieses ewigen Kindskopf möchte man einfach gern aufwachen, und entsprechend beginnt der Film auch damit, dass sich Daniel immer wieder den Wecker stellt und einfach nur beobachtet, wie seine Eltern zu unterschiedlicher Zeit das Haus verlassen. Ein guter Gondry-Film (und dieser ist der beste, bei dem das Drehbuch nicht von Charlie Kaufman stammt) hat das Potential, dass ich mich so gut behütet fühle wie in der eigenen Kindheit.

Mikro & Sprit (Michel Gondry)

Bildmaterial: © Studiocanal

Und als Bonus kommen dazu seine spinnerten Einfälle, die man vermutlich sogar bei Toys 'r' us gewinnbringend unters Volk bringen könnte: Neben dem fahrbaren Untersatz das beste Beispiel: eine selbstgebaute Jingle- und Geräuschesammlung zum Aufmotzen des Mofas. Wenn die beiden Jungs darin übereinkommen, dass sie noch »im Zeitalter des Papiers« leben und Daniel beim ersten »in-ein-Erdloch-kacken« das Smartphone mit ins Loch fällt, freut man sich über diese Old-School-Chuzpe - und glaubt, dass auch die heutige Jugend das zu schätzen wissen könnte. Die vielleicht genialste Umsetzung des Mark-Twain-Abenteuers in eine Gondry-Welt ist die Kombination von Indianer-Joe und Tante Polly: ein fürsorglicher Zahnarzt, der die Ausreißer am liebsten gleich adoptieren würde. Da kommt kurzzeitig tatsächlich mal Panik auf: »Ich kann hier nicht schlafen, über dem Bett hängt ein Shakira-Poster ...«.

Mikro & Sprit (Michel Gondry)

Bildmaterial: © Studiocanal