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Die Box




22. Juni 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Bastille Day (James Watkins)


Bastille Day
(James Watkins)

UK / Frankreich / USA 2016, Buch: Andrew Baldwin, Kamera: Tim Maurice-Jones, Schnitt: Jon Harris, Alex Heffes, mit Idris Elba (Sean Briar), Richard Madden (Michael Mason), Charlotte Le Bon (Zoe Naville), Thierry Godard (Rafi Bertrand), José Garcia (Victor Gamieux), Kelly Reilly (Karen Dacre), Vincent Londez (Yannick Bertrand), Eriq Ebouaney (Baba), Anatol Yusef (Tom Luddy), Mohamed Makhtoumi (Christophe), Theo Costa Marine (Xavier), Jérôme Gaspard (Yves), Aksel Ustun (Peroxide Paul), 92 Min., Kinostart: 23. Juni 2016

Als »One Line Synopsis« steht im Presseheft »Rasanter Actionfilm mit Schauspielstar Idris Elba«. Wenn man ein bisschen mehr von der Story hört, denkt man, das Ganze geht in Richtung 24 oder Die Hard, nur eben mit dem aus The Wire, Prometheus oder Pacific Rim bekannten markigen Elba anstelle der alten weißen Männer Sutherland oder Willis. Was Bastille Day aber aus meiner Sicht interessant macht, ist der Umstand, dass die üblichen Materialschlachten aus Actionfilmen (komplexe Choreografien, angeberische Stunts, riesige Explosionen) ganz hinter der Story und den Figuren zurückstehen. Und an der Seite des »Supermanns« mit der Top-Ausbildung gesellen sich zunächst eine, später zwei Figuren, die eher aus dem Hitchcock-Repertoire stammen: relativ normale Personen, die durch blöde Zufälle (und auch ein bisschen Eigenverschulden) plötzlich in einen Verdacht geraten und nun sowohl von der Polizei als auch von den versteckten Drahtziehern gejagt werden. Vergl. North by Northwest, To Catch a Thief oder The Thirty-Nine Steps.

Der Film beginnt auch mit einer dieser »Neben-Hauptfiguren«, dem US-amerikanischen Taschendieb Michael Mason (Richard Madden aus Game of Thrones), der gleich mal in der Ausübung seines Broterwerbs gezeigt wird, diesmal unterstützt von einer Frau, die splitternackt vorm Sacré-Cœur herumspaziert und damit dafür sorgt, dass Michaels potentielle Opfer ausreichend abgelenkt sind.

Bastille Day (James Watkins)

Bildmaterial: © Studiocanal

Zwischendurch wird zwar auch der in Ungnade gefallene CIA-Agent Sean Briar (Idris Elba) eingeführt, aber dann kommt gleich noch eine weitere Figur ins Spiel: die sich später als Anarcho-Aktivistin herausstellende Zoe (Frankokanadierin Charlotte Le Bon aus The Walk) soll für ihren Lover Jean eine »harmlose« Bombe in einem Bürogebäude deponieren. Die superrechten Politiker, die sich sonst dort rumtreiben, sollen zu dem Zeitpunkt allesamt woanders sein, es geht nur um eine Warnung. Doch als Zoe dann im Zielstockwerk ankommt, wuseln dort lauter Gebäudereinigerinnen mit dunkler Hautfarbe umher und Zoe bricht die Aktion ab. Und schon erfährt man, dass hinter der Aktion zwielichtige Gestalten stecken, die relativ schnell sowohl die unliebsame Zeugin loswerden wollen als auch unbedingt eine Explosion wollen. Wo und mit wie vielen Opfern ist ihnen eigentlich egal.

Es kommt so, wie es kommen muss: Michael beobachtet Zoe und wähnt in der Tasche, die die aufgelöste junge Frau neben sich auf ein paar Treppenstufen stellt, interessante Beute, die ihm aber etwas später fast um die Ohren fliegt. Und wegen vorbildlicher Pariser Videoüberwachung sieht Michael sein Gesicht bald in diversen Nachrichtensendungen, weil er als Bombenleger Schuld am Tod von vier Menschen sein soll.

Bastille Day (James Watkins)

Bildmaterial: © Studiocanal

Dass das CIA komplett unabhängig von den Pariser Behörden nicht nur diesen Fall verfolgt (die Verantwortlichen drohen mit einem weiteren Anschlag zum französischen Unabhängigkeitstag), sondern die ortsansässige Polizei auch vorerst uninformiert lässt, wirkt etwas seltsam (Logiklöcher gibt es mehrere und noch deutlichere im Film), aber immerhin ist das gut für die Handlungsbasis, dass der CIA-Mann jetzt den Taschendieb jagt (die Bombenleger aber auch), diesem seine seltsame Geschichte auch irgendwann glaubt - und als nächstes wollen die beiden zusammen die Bombenkurierin Zoe finden ... die zwar die Verbindung zu den echten (diesmal etwas anderen) Terroristen ist, aber nebenbei auch noch geschützt werden muss.

Hierbei ist die Geschichte gut angefüttert mit politischen Motiven (so ganz nebenbei kommt es zu regelrechten Revolten in Paris) und durchaus modern wirkender multimedialer Technologie. Ähnlich wie in Die Hard sind die vermeintlichen Terroristen (die auch noch in Polizeiuniformen auftreten und jede Menge Chaos stiften) nämlich eigentlich nur Diebe oder Räuber. Und passend zu einem modernisierten Hitchcock-Stoff geht es um virtuelle Währung (500 Mio. Dollar), die auf einem USB-Stick landet. Heutzutage ist der USB-Stick ja das beliebteste MacGuffin der Filmbranche (noch besser finde es, wenn man dieses Klischee noch verkaspert wie bei dem »Sushi-USB« in The Green Hornet).

Bastille Day (James Watkins)

Bildmaterial: © Studiocanal

Ich will Bastille Day gar nicht über Gebühr aufwerten. Es handelt sich hier einfach um einen einigermaßen billig runtergedrehten Action-Knaller, der diverse kleine Probleme hat, die hier und da auch etwas ärgerlich sind. Aber nebenbei hat der Film auch einige wirklich hübsche Ideen, für die man sich den Streifen durchaus anschauen kann.

Da ist beispielsweise der Aspekt »Buddy Movie«. Wie in 48 Hours oder Midnight Run werden der Profi und der Kriminelle hier zu einem unfreiwilligen Team, was auch zu einigen Humormomenten führt. Mein Lieblingsbeispiel: eine Fahrstuhlfahrt, während der Idris Elba meist nur grimmig schaut, während der plötzlich von einer CIA-Karriere träumende Taschendieb den Blickkontakt sucht und schließlich schüchtern fragt »Can I get a gun?«

Das Thema »Chaos stiften« durchzieht ebenfalls das Drehbuch von Andrew Baldwin (der hat bereits einige vielversprechende Arbeiten abgeliefert - nur sind die Filme alle noch nicht abgedreht). Die bösen Terroristen / Räuber sind vor allem darauf bedacht, zur Ablenkung diverse politische und gesellschaftliche Gruppierungen aneinander geraten zu lassen. Dazu bringt man eine Moschee cum Gemeindezentrum in den Diskredit, die Bombe gebaut zu haben oder fabriziert ein youtube-Video, das übertriebene Polizeigewalt zeigt. In der einen Szene, wo sich Taschendieb Michael erstmals wirklich beweisen muss, benutzt der aber (nicht, dass das besonders thematisiert wird, aber ich finde es dennoch interessant) exakt die selbe Strategie, instigiert eine Schlägerei zwischen einem harmlosen Kneipengänger und einem noch harmloseren Kellner, sorgt weiterhin dafür, dass eine weitere Kundin der bar ein Glas Rotwein in den Brustbereich geschubst bekommt und verkrümelt sich dann nebst einer gestohlenen Brieftasche, während es in dem Etablissement reichlich ungemütlich wird.

Bastille Day (James Watkins)

Bildmaterial: © Studiocanal

Später im Film, wenn es schon so ziemlich zur Sache geht, wird auch mal der Widerspruch zwischen Old School und topaktuellem Hi-Tech Teil der Handlung, denn um die bösen Buben, die sich gerade eine halbe Milliarde virtuelle Dollar herunterladen, aufzuhalten, steckt der gewitzte CIA-Mann einfach mal eine Handgranate in eine sogenannte »Geldbombe«, also ein Behältnis, in dem man als Bankkunde des Nachts Hartgeld in eine Art Briefschlitz einwerfen kann. Und schon werden die Digitaldiebe durch wortwörtlich »harte Währung« ausgeschaltet.

Ich könnte ohne Probleme auch genauso viele Beispiele für dümmliche Szenen ausführen, aber ich belasse es hier mal bei einer kurzen Aufzählung:

  1. der Pariser Bürgermeister, der auf einer englischsprachigen Pressekonferenz erstmal erklärt, was denn ein »Bastille Day« ist
  2. ein »Politiker«, der im Fernsehen reichlich idiotisch daherlabert (»Wieder einmal sind es die Ausländer mit ihren barbarischen Ideologien!«)
    - das könnte aber auch durch die Untertitelung vermurkst worden sein
  3. ein von langer Hand geplanter Mexican Standoff - der dann komplett unglaubwürdig aufgelöst wird

Schlussendlich ist Bastille Day hier und dort eine Spur zu brutal, dann wieder eine Ecke zu »glimpflich«, was den Umgang mit den Hauptfiguren angeht - aber selbst noch in seinen misslungensten Momenten ist der Film einfach um einiges intelligenter als andere (vom Budget und den Darstellern her vergleichbare) Actionreißer.