Anzeige:
Die Box




18. Mai 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Die Prüfung (Till Harms)


Die Prüfung
(Till Harms)

Deutschland 2016, Buch: Till Harms, Kamera: Börres Weiffenbach, Anne Misselwitz, Istvan Imreh, Ruth Olshan, Schnitt: Sybille Eckhardt, Musik: Eike Groenewold, Sound Design: Henrik Cordes, Mischung: Valentin Finke, mit den PrüferInnen Esther Berias, Carolin Eichhorst, Titus Georgi, Onno Grohmann, Stephan Hintze, Jan Konieczny, Helga Melzer, Burkhard Niggemeier, Nora Somaini, Stefan Wiefel und den BewerberInnen Benito Bause, Lucas Franken Danijel Gavrilovic, Patrick Gees, Anna-Lena Hitzfeld, Leon Hoge, Svenja Koch, David Lau, Moritz Leu, Swantje Riechers, Isabel Tetzner, Jing Xiang u.a., 96 Min., Kinostart: 19. Mai 2016

Als Kritiker sieht man Filme eigentlich ganz anders. Wenn ich mal einen Film »zum Spaß« schaue, lasse ich meinen Notizblock zuhause und bin irgendwie viel entspannter. Wenn ich später über den Film etwas schreiben soll, muss man auf manche Details achten, die einen sonst vielleicht überhaupt nicht interessieren. Jahreszahlen, Städtenamen, die Namen der Figuren (bei exotischen Filmen schreibe ich die akribisch mit - und manchmal hilft das sogar).

In diesem speziellen Beispiel war ich aber mal unaufmerksam und will meinen Lesern ein (mögliches) Aha-Erlebnis verschaffen, das mir versagt blieb. Die Prüfung ist ein bei der »Perspektive Deutsches Kino« dieses Jahr mit dem Hauptpreis ausgezeichneter Dokumentarfilm, der sich mit der Aufnahmeprüfung an der staatlichen Schauspielschule Hannover befasst. Der Film beginnt mit zwei Erfolgsmeldungen: zwei der Bewerberinnen bekommen die Mitteilung, dass sie aufgenommen werden (bei 687 Bewerbungen auf zehn Studienplätze eine Art »Lottogewinn«). Die eine (Anna-Lena Hitzfeld) dreht am Telefon vor Freude fast durch, eine andere ruft noch mal zurück, weil sie es noch nicht glauben kann. Ich bin mir einigermaßen sicher, dass man im Verlauf des Films auch über die zweite Bewerberin etwas mehr erfährt, was man dann auch in den Kontext ihres »Unglaubens« setzen kann. Aber dummerweise habe ich mir den Namen nicht notiert (oder zumindest gemerkt) und deshalb rate ich den Zuschauern, meine Vorwarnung mitzunehmen und besser aufzupassen. Dieses Wissen entscheidet zwar nicht über Gedeih und Verderb des Films, aber womöglich gefällt er euch dadurch noch eine Spur (und ich fand ihn auch so schon toll).

Die Prüfung (Till Harms)

© Börres Weiffenbach

Die Casting-Situation als Prämisse einer Doku hatten wir ja erst kürzlich in Dirigenten - Jede Bewegung zählt, und ich habe den Verdacht, dass wir davon in nächster Zeit immer mehr zu sehen bekommen werden - einfach, weil das (eher manipulative als dokumentarische) Format im Fernsehen so erfolgreich ist - und so langsam auch jene Generation von Filmemachern folgt, die davon (wie von anderen Unarten) geprägt wurde.

Glücklicherweise setzt sich Die Prüfung sehr positiv ab von den Kinderträumen unter der rigiden Tyrannei von Dieter, Heidi und wie sie alle heißen. So kann man hier zwar auch emotionale Momente erleben, aber sie werden nicht bis zum letzten ausgequetscht wie ein Kuheuter im Schraubstock.

Überhaupt geht es mehr um die Prüfer als die Prüflinge, über unterschiedliche Ansprüche und Ansichten, aber auch um Favoriten oder - zumindest in einem Fall - eine Kandidatin, für deren Ausscheiden ein Prüfer fast schon intrigiert. Da möchte man fast die Reaktionen der Betroffenen erleben, wenn sie ihren ersten Kinofilm mit eigenen Augen sieht und mit diesem (unverdienten?) Feindbild konfrontiert wird.

Die Prüfung (Till Harms)

© Börres Weiffenbach

Richtig hübsch gelöst beim Film ist, wie man die fünf Prüfungstage voneinander trennt. Teilweise aus dem Büro eines Prüfers schaut man immer wieder auf die ankommende U-Bahn, die an der Haltestelle Messe/Ost hält und dann täglich gut 120 Bewerber in Richtung Hochschule entlässt. Am ersten oder zweiten Tag sieht man auch im Verlauf des Tages, wie manche schon frustriert mit ihrem Trolley hinter sich wieder zurück zur Bahn gehen.

Wie ein Prüfer erklärt, gibt es eine Art Standard-Vorgehen für Bewerber, die es sich leicht machen wollen: »'nen Stuhl, sitzen und dann am besten 'nen zeitgenössischen Text - keine Körpereinbindung!« Aber so einfach machen es die Prüfer, die auch auf Atemmuster und was nicht alles achten, ihren Kandidaten nicht. Spätestens in der zweiten Prüfungsrunde wird getestet, ob die Bewerber sich auf Veränderungen einstellen können (»Wir geben Dir mal 'ne Schwester und 'nen Tisch!«), ob sie den Raum nutzen können oder den eingeübten Text zu variieren in der Lage sind (»Text von 'sie' auf 'du' umstellen!«). Dazu ein Prüfer »Wenn man bedenkt, dass wir eigentlich 'ne Hochbegabtenbildung geben, ist das im Grunde nur ein Gratis-Workshop für sie.«

Die Prüfung (Till Harms)

© Börres Weiffenbach

Vor allem lernt man aber viel über den Frust und manchmal auch die Überforderung der Prüfer. »Hannover, die Stadt, in der die Männer ihre Frauen an der Leine spazieren führen ... das war ein Witz, um euch aufzulockern!«

Während man sich nicht statistisch auf eine Begabtenquote verlassen kann (am Dienstag hat man nur vier Bewerber weitergelassen und sich vorgenommen, »weniger streng« zu sein - und am Mittwoch kam dann keiner, der irgendein Talent demonstrierte), kämpfen die einzelnen Prüfer für ihre Lieblinge. »Man hat Favoriten, manche können, manche nicht - und wenn die nicht können, ist man sauer auf die anderen [Prüfer], weil die etwas nicht sehen, was ich sehe.«

Die Prüfung (Till Harms)

© Sven Heußner

Die Prüfung ist nicht nur voller Einsichten, sondern auch sehr unterhaltsam - und diese beiden inszenatorischen Gegenpole machen es sich nicht schwer, sondern unterstützen sich gegenseitig. Nach einem Interview-Block kommt dann mal wieder eine Übung, in der die Bewerber über in einem (imaginären) Bach stehende Steine hüpfen sollen, bis sie dann (sehr unterschiedlich) hinein fallen. Es geht um Bewegung, Inspiration, Fantasie, Musik ... Mein persönlicher Liebling namens Benito Bause zeigt besonderes Talent, wenn er nicht nur mal eben von hier auf jetzt ein Lied trällert, sondern auch noch dem Prüfer am Klavier schnell die Akkorde vorbetet, die er für dieses selbstkomponierte Stück benötigt.

Unter den vielen teilweise unerwarteten Statements der Prüfer gibt es Verdrossenheit, aber auch tiefe Ehrlichkeit: »Bei Frauen schaue ich anders. Die sind nicht mein Beuteschema - und da sehe ich auch eher das Künstlerische!« Und im Endeffekt sind die Prüfer auch nur Menschen, mit den selben Fehlern und Schwächen wie wir alle. Da wird etwa der Bewerberin Jing Xiang einerseits ein »Asia-Bonus« unterstellt (weil man solche Gesichter seltener auf deutschen Bühnen sind), aber im gleichen Augenblick mäkelt ein Prüfer »Warum spielt sie so was wie Salome, was nichts mit ihr zu tun hat?« Wo ich dann in meinem Kinosessel dachte »Aber das sollte doch für sie sprechen, dass sie jetzt über sich hinauswachsen will und sich nicht schon selbst auf ein Stereotypen-Casting einlässt ...«

So oder so, Die Prüfung ist einer der Dokumentarfilme (statistisch so alle drei Jahre einer), die mich mitreißen und überzeugen. Und den ich von Herzen empfehlen kann. Vielleicht werdet auch ihr »beinahe weinen«, weil ihr »noch nie so 'ne Nina gesehen« habt. Oder euch die (wenigen) Haare raufen, weil eine Bewerberin »komplett verwirrt ist, was das ist: Theater - Da geht 'ne Maschine los, das ist 'n Krampf!« Doch in diesem Fall könnte man sogar »Ein Krampf!« als positives Zitat auf das Plakat schreiben, weil der Frust ebenso wie die Beglückung aus dem Film ein Erlebnis machen.