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Die Box




6. April 2016
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Freeheld (Peter Sollett)


Freeheld
Jede Liebe ist gleich
(Peter Sollett)

USA 2016, Originaltitel: Freeheld, Buch: Ron Nyswaner, Vorlage: Cynthia Wade (Kurzdoku), Kamera: Maryse Alberti, Schnitt: Andrew Mondshein, Musik: Hans Zimmer, Johnny Marr, mit Julianne Moore (Laurel Hester), Ellen Page (Stacie Andree), Michael Shannon (Dane Wells), Steve Carell (Steve Goldstein), Luke Grimes (Bryan Kelder), Josh Charles (Todd Belkin), Mary Birdsong (Carol Andree), Skipp Sudduth (Reynolds), Gabriel Luna (Quesada), Kelly Deadmon (Lynda Hester), Jeannine Kaspar (Margaret), Tom McGowan (William Johnson), Kevin O'Rourke (Dan Wickery), William Sadler (Peter Santucci), Dennis Boutsikanis (Pat Gerrity), Mina Sundwall (Maya Kelder), 104 Min., Kinostart: 7. April 2016

Ich laufe nicht mit Scheuklappen durchs Leben oder schließe die Augen, sobald im Kino ein Trailer läuft, aber generell will ich gar nicht immer alles über Filme schon im Vorfeld erfahren. Regisseur, Darsteller, Genre, evtl. eine Literaturvorlage (ich meide Nicholas Sparks), der Rest wird sich schon ergeben. Wer sich von diesem Film ähnlich überraschen lassen will (obwohl der deutsche Zusatztitel bereits einiges an Zusatzinformationen preisgibt), sollte in diesem Fall einfach keine Kritiken lesen. Wenn man ein großer Fan von Julianne Moore oder ein noch größerer von Steve Carell ist, kann man dieses Risiko auch halbwegs eingehen. Wer vorher genauer einschätzen will, ob sich der Kinobesuch lohnt, der wird exakt jenen Überraschungsmoment opfern, der für mich das Interessanteste am Film war.

Freeheld, trotz Englisch-Studium kein Titel, der irgendwie schon alles vorwegnimmt, beginnt wie ein Polizeifilm. Laurel Hester (Julianne Moore) und Dane Wells (Michael Shannon) sind gut eingespielte Partner bei einem oft gefährlichen Job, erst nach und nach erkennt man, dass Laurel vor ihrem Kollegen hat, der offenbar schon seit langem versucht, ihr näherzukommen, dabei aber eher die zögerliche Gentleman-Masche fährt, ein Geheimnis verbirgt. Unter anderem, weil Lauren darauf hofft, nach 23 Jahren Polizeidienst als erster weiblicher »Lieutenant« des »ocean county« New Jersey ihre Karriere zu krönen, erscheint es ihr beinahe unmöglich, zu ihrer gleichgeschlechtlichen sexuellen Präferenz zu stehen.

Freeheld (Peter Sollett)

Bildmaterial © Universum Film

Und damit kommen wir zur Liebesfilm-Passage des Films, sie lernt bei einem Volleyballspiel unter Gleichgesinnten (vorsichtshalber weit weg von ihrem Arbeitsplatz) die jüngere Stacie (Ellen Page) kennen, und es dauert nicht sehr lange, bis die beiden Frauen ein gemeinsames Haus beziehen und ihre Partnerschaft »registrieren« lassen. Was aber noch nicht bedeutet, dass Laurel ein Coming-Out hat. Im Gegensatz zur sehr offen zu ihrer Sexualität stehenden Stacie verbleibt die sonst so selbstbewusste Polizistin im Wandschrank, was zu einigen Streitereien unter den Frauen führt, weil es Stacie eben nicht so behagt, als Schwester oder WG-Mitglied vorgestellt zu werden...

Zeit für einen weiteren Richtungswechsel in der Genre-Einordnung des Films, denn nun entdeckt Laurel, dass sie Krebs hat, was sie zunächst für sich behält. Krankheitsfilme generell und Krebsfilme im besonderen sind ja mittlerweile auch ein eigenes Genre, und Julianne Moore scheint durch ihren Oscar für Still Alice prädestiniert für so eine Rolle, das Entscheidende ist hierbei aber, dass die Krankheit zwar eine wichtige Rolle im Film spielt, aber in meiner genremäßigen Zuordnung des Films irgendwie doch nur etwas mehr als ein Viertel ausmacht. Denn die große Liebe (gab es vor Love Story eigentlich keine Krebsfilme oder habe ich die nur nicht wahrgenommen?) bleibt weiterhin wichtig, Genre Nr. 4 folgt ja noch (im nächsten Absatz), und selbst die Sache mit dem Polizeifilm verliert man nicht gänzlich aus den Augen - auch wenn es fortan eher um die Beziehung zu den Kollegen geht als um die Aufklärung eines eher wie ein narratives Alibi mitgeführten Falls.

Freeheld (Peter Sollett)

Bildmaterial © Universum Film

Als sich herauskristallisiert, dass die Krebserkrankung wohl negativ für die Patientin ausfallen wird und die Lebenserwartung sich eher im Bereich von Monaten als von Jahren einordnen lässt, kommen wir nun zum eigentlichen Hauptthema des Films, das eine Entwicklung in Richtung Gerichtsdrama mit sich bringt. Stacie ist Gegensatz zu ihrer gutverdienenden Lebenspartnerin nur Mechanikerin (die Auftürmung von Lesbenklischees auf diese Figur - Kurzhaarfrisur, Holzfällerhemden etc. - ist leider nicht besonders subtil), und damit ist abzusehen, dass sie nach Laurels Tod Probleme damit haben wird, die ausstehenden Raten für das (noch gemeinsame) Haus zahlen zu können. Bei Laurels zumeist männlichen Kollegen und deren Ehegattinnen wäre dies kein Problem, denn die Polizistenwitwen erfahren durch einen Polizeifond eine finanzielle Sicherung. Aber bei einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft ist dies nicht vorgesehen. Und um diese Gleichstellung kämpft Laurel jetzt. Das klingt wie ein Abschiedsgeschenk an die jüngere Partnerin (die eher auf das Geld verzichten würde, wenn Laurel diese Energie auf den Kampf gegen den Krebs verwenden würde), aber letztendlich wird daraus eher eine verspätete Variation ihres Coming-Outs. Nun ist Laurel diejenige, die dafür kämpft, dass ihre Liebe von der Gesellschaft akzeptiert (und quasi »honoriert«) wird, während Stacie der zunehmende Rummel eher unangenehm ist.

Freeheld (Peter Sollett)

Bildmaterial © Universum Film

Zu dieser Entwicklung passt eigentlich ganz gut der Auftritt von Steve Carell als Schwulenrechtler mit einer eigenen Agenda, der aber die Frauen bei ihrem Kampf unterstützt (ähnlich wie der zunächst eher schockiert-enttäuschte Polizei-Kollege Shannon). Wenn man bei Julianne Moore fast zwangsläufig an Still Alice denkt (sie hat ja immerhin u.a. auch schon mal Clarice Starling gespielt, also eine FBI-Agentin - oder eine größtenteils glücklich liierte Lesbe in The Kids are all right), so drängt sich bei Steve Carell seine letzte große Rolle in Foxcatcher ins Gedächtnis. Das Seltsame ist hierbei aber, dass seine Rolle in Freeheld einerseits eine »ernsthafte« Rolle ist, man hier aber durch sein Lispeln und das Überkandidelte eher an Carells lange Karriere als Komiker erinnert wird. Und das unterstützt die Richtung des Films nicht unbedingt.

In Kochshows wird einem das ultimative Gaumenerlebnis ja gerne als eine Vielzahl von Geschmackserlebnissen verkauft. Das die Ente süßsauer ist, ist schon mal ein guter Ansatz, aber sie soll auch noch knusprig sein, die Sauce dazu cremig usw. Bei einem Spielfilm zählt ja irgendwie auch das abschließende Urteil des Zuschauers, und da kann man sich dann doch fragen, ob die verschiedenen »Geschmacksrichtungen« sich im Endeffekt alle durchsetzen konnten, oder ob man auf den Anfang als Polizeifilm lieber hätte verzichten können, um andere Aspekte stärker auszuarbeiten.

Das Problem bei Freehold scheint mir hier darin zu liegen, dass der Film auf einer (oscar-prämierten) Kurzdoku gleichen Titels basiert. In einer Doku gibt man sich natürlich Mühe, allen Aspekten einer Geschichte gerecht zu werden. Und diesen möglichst authentischen »dokumentarischen« Ansatz erkennt man auch im Spielfilm Freeheld wieder. Allerdings vermählt mit diversen eher konventionellen Genre-Elementen und prägnanten Dialogzeilen (»In my 23 years of police duty I never asked for special treatment. I only ask for equality!«). Während eine Doku fünf, sieben oder zehn mal die Geschichte von einer anderen Seite aus erzählen kann und das einfach dazu gehört, um der Geschichte »gerecht« zu werden, lässt sich ein Zuschauer bei einem Spielfilm vielleicht nicht darauf ein. Insbesondere, wenn durch die eher konventionelle Erzählweise diese Besonderheit nicht etwa betont wird, sondern eher überspielt. Der emotionale Eindruck, den die in einer Doku nacherzählte Geschichte quasi allein mit sich bringt, wird im Film mit inszenatorischen Mitteln umgesetzt. Man könnte auch sagen: aufgebauscht. Und wo man in einer Doku verschiedenen Protagonisten ganz persönliche Absichten unterstellen kann (was manchmal ein Bonus ist, in anderen Fällen aber auch die Glaubwürdigkeit in Frage stellen kann), kommen hier quasi noch die (streng genommen nicht zur Geschichte gehörenden) Darsteller dazu. Steve Carell zieht seine Show ab (es ist einerlei, ob er dabei vielleicht nur die porträtierte Figur möglichst exakt nachempfindet), Ellen Page, die sich selbst vor einiger Zeit geoutet hat, hat den Film sogar koproduziert. Und nicht zuletzt: man muss diesen Film ja auch irgendwie verkaufen, und geht dafür (nicht nur narrative) Kompromisse ein. Ich habe Cynthia Wades Kurzdoku Freeheld nicht gesehen, aber man hat so das Gefühl, dass dort das »diese Geschichte muss Gehör finden« wichtiger war als die Karriere der Dokumentaristin. Denn, sorry, aber »Kurzdokus« haben ja nun wirklich eine sehr eingeschränkte Verbreitung - und wer dem widersprechen will, der soll mal eben schnell drei bis fünf Titel bekannter Kurzdokus abspulen - ich bin nicht repräsentativ, aber ich könnte leichter kurze Knetanimationen aufzählen.

Freeheld (Peter Sollett)

Bildmaterial © Universum Film

Wie bereits eingangs erklärt, hatte ich bei dem Film aber den Vorteil, dass ich keinerlei Erwartungen hatte und auch die Geschichte nicht kannte. Und für mich funktionierte der Film - Teil für Teil - eigentlich ganz gut. Ich war sogar im Schlussteil geradezu superaufmerksam, weil mich die fünf Freeholders (daher hat der Film seinen Titel, eine Besonderheit der Regionalpolitik New Jerseys) und ihre Darsteller irgendwie interessierten. Denn am Schluss funktioniert der Film quasi etwas wie die Twelve Angry Men (dt.: Die zwölf Geschworenen) von Sydney Lumet. Nur, dass es nur fünf sind, so eine Art Laienrichter, für die sich der Film aber auch nur so weit interessiert, wie sie für die Dramatisierung wichtig sind.

Schlusswort: das etwas, was offensichtlich wider sämtliche Natur ist, dennoch nicht einmal negativ auffallen muss, beweist der Film übrigens durch seinen Soundtrack, den Hans Zimmer und Johnny Marr gemeinsam gestalteten. Als ich das im Nachspann las, schüttelte es mich, denn Hans Zimmer ist mir bis auf wenige seiner Arbeiten (12 Years a Slave, The Simpsons Movie) ein Greuel, während Johnny Marr (The Smiths, The The) ein musikalischer Held meiner Jugend war. Dieser gemeinsame Credit klang für mich wie ein schlechter Scherz - aber da ich dem Ganzen unvoreingenommen lauschte, hörte es sich ganz in Ordnung an. Und wieder zeigt es sich: Man muss sich über Vorurteile hinwegsetzen!