Anzeige:
Die Box




18. Juni 2014
Thomas Vorwerk
für satt.org


  No Turning Back (Steven Knight)


No Turning Back
(Steven Knight)

Originaltitel: Locke, UK / USA 2013, Buch: Steven Knight, Kamera: Haris Zambarloukos, Schnitt: Justine Wright, Musik: Dickon Hinchliffe, mit Tom Hardy (Ivan Locke) und den Originalstimmen von Ruth Wilson (Katrina), Olivia Colman (Bethan), Andrew Scott (Donal), Ben Daniels (Gareth), Tom Holland (Eddie), Bill Milner (Sean), Danny Webb (Cassidy), Alice Lowe (Sister Margaret), Silas Carson (Dr. Gullu), Lee Ross (PC Davids), Kirsty Dillon (Gareth's Wife), 85 Min., Kinostart: 19. Juni 2014

Im internationalen Trailer zu Locke wird das Branchen-Fachblatt Variety mit folgender Aussage zitiert: »defies our notion of what's cinematic«. Das wirkt nicht nur etwas schmeichlerisch, sondern ist aus meiner Sicht eine schlichte Lüge. Denn Locke hat ähnlich wie Buried mit Ryan Reynolds das »Problem«, dass man die Geschichte eigentlich genauso gut (oder besser?) als Hörspiel erzählen könnte. Und meines Erachtens sollte der Inhalt auch immer ein wenig die Form (oder hier das Medium) bestimmen.

Im Fall von Buried ist es so, dass sich ein Mann in einem Sarg wiederfindet (deutscher Zusatztitel: »Lebendig begraben«) und mithilfe seines Handys versucht, dort herauszukommen. Die filmische Form bringt hier zunächst einmal die dunkle Leinwand mit sich, die die Grundsituation zu jedem Zeitpunkt unterstreichen könnte, wo in einem Hörspiel diese visuelle Entsprechung der Depression und Hoffnungslosigkeit fehlen würde. Doch der Film gibt sich redlich Mühe, dieser Frustration zu entgehen, indem es fast durchgängig etwas zu sehen gibt: das Handy-Display, ein Feuerzeug, Leuchtstäbe, die durchweg vor allem die Lage des Protagonisten verdeutlichen, aber gleichzeitig wortwörtlich einen »Hoffnungsschimmer« liefern, wo eine schwarze Leinwand zwar nicht unbedingt besonders »filmisch« gewesen wäre, aber für die Geschichte umso drastischer und »erschlagender«.

No Turning Back (Steven Knight)

Bildmaterial: STUDIOCANAL

Der deutsche Verleih geht offenbar davon aus, dass der »sprechende Name« Locke, der von einer festgefahrenen Situation zeugt, einem »Klammergriff«, aus dem der gleichnamige Protagonist sich befreien möchte, zum einen vom hiesigen Publikum nicht ohne weiteres als solches verstanden wird, und zum anderen – weitaus ausschlaggebender! – der »deutsche« Verleihtitel »No Turning Back« werbewirksamer ist. Ivan Locke (Tom Hardy) steigt zu Beginn des Films in sein Auto und begibt sich auf eine Reise, von der er nicht zurückkehren kann oder möchte. Und im Verlauf dieser Reise wird die eigentliche Geschichte des Films erzählt. Beinahe komplett verbal. Wie in Buried muss der Filmheld auch hier viel telefonieren, aber zu den rein visuellen Informationen gehören hier nur

  1. die Namen der telefonischen Gesprächspartner, die man jeweils auf dem hochmodernen Display seines BMW sieht (auch, wenn diese durchweg auch in den Gesprächen genannt werden – einzige Ausnahme: eine Figur ist im Adressbuch nicht unter dem Namen aufgeführt, sondern als »Bastard«);
  2. die Stationen der Reise, die über Autobahnschilder und das Navigationssystem gegenwärtig sind (aber im Gespräch wird auch immer wieder erwähnt, wie weit Locke noch etwa von seinem Ziel entfernt ist – manche Zuschauer kennen die Route von Birmingham nach London vielleicht nicht so gut und wüssten gar nicht, an welcher Stelle man von der M6 auf die M1 wechseln muss);
  3. Gestik und Mimik des Hauptdarstellers, die aber bis auf eine aussagekräftige Träne auch jeweils der Stimm-Modulation entnommen werden können;
  4. der Blick über den Rückspiegel auf die leere Rückbank, die Locke als Ansprechpartner nutzt, um sich in ein Zwiegespräch mit seinem (abwesenden) Vater zu vertiefen (ohne die visuelle Information könnte dieses Gespräch etwas verwirrend wirken);
  5. eine Pillendose und andere äußere Anzeichen für einen rätselhaften medizinischen Zustand Lockes.

No Turning Back (Steven Knight)

Bildmaterial: STUDIOCANAL

Zur visuellen Untermalung hingegen gehören unterschiedlichste Kamerawinkel, die Lichter der Laternen und anderer Autos und das hochmoderne Interieur des Autos. Es widerstrebt mir bei Locke wie bei Buried, die handwerklich überzeugende Arbeit von Kamera und Schnitt deswegen gleich über Gebühr zu preisen. Ich habe schon einige Filme gesehen, die sich mit einem sehr eingeschränkten Schauplatz abmühten, und da ist definitiv mehr draus zu machen.

So viel dazu.

In beiden Fällen ist es aber so, dass die erzählte Geschichte (ob als Film, als Kurzgeschichte oder Hörspiel umgesetzt) durchaus packend und interessant ist. Und Steven Knight, den man als Drehbuchautor von Stephen Frears' Dirty Pretty Things (Oscar-Nominierung!) oder David Cronenbergs Eastern Promises kennen könnte, und der mit Hummingbird auch schon eine Regiearbeit ablieferte, ist zwar als Regisseur nicht untalentiert (es gibt in einem Film wie Locke vieles, was man versauen könnte), zeichnet sich aber vor allem durch seine Fähigkeiten als Autor aus. Und deshalb will ich den Film auch nicht aufgrund seiner filmischen Oberfläche untersuchen, sondern angesichts seiner literarischen Qualitäten.

No Turning Back (Steven Knight)

Bildmaterial: STUDIOCANAL

Ohne zuviel von der Geschichte zu verraten, geht es hier um einen Mann, der innerhalb von anderthalb bis zwei Stunden (anfänglich sieht es nach Echtzeit aus, aber in der zweiten Hälfte gibt es auch deutliche Ellipsen) zwei der drei Dinge weitestgehend umsetzen will, die man als Mann unbedingt mal gemacht haben sollte. Das Pflanzen des lutherschen Apfelbäumchen fällt aus, aber Baustellenleiter Ivan Locke kümmert sich um wichtige Schritte bei der Errichtung eines Hauses (und zwar nicht irgendein Haus, sondern eines mit 55 Stockwerken, das später aus 32 Kilometern sichtbar sein soll), will aber gleichzeitig bei einer Geburt anwesend sein. Und im Drehbuch werden diese beiden Schöpfungsakte, die hier in direkter Konkurrenz stehen, immer wieder verbal zueinander in Beziehung gesetzt.

So vergleicht man etwa flüssigen Beton mit Körperflüssigkeiten (»It's delicate like blood«), die gern auch unter besonderem Druck stehen (»Concrete is like shit, like piss. When it comes, you pump it!«), was Locke nicht etwa an eine Ejakulation erinnert (die evolutionäre männliche Tendenz, den »Samen zu streuen« kann man hier leicht in Korrelation setzen zum Vorwurf der Frau, die hinter Locke saubermachen muss: »You leave concrete behind you everywhere«), sondern gleich einen Schritt weiter, zum Vergleich »Like babies« animiert. Biologische Fortpflanzungsprozesse werden parallelisiert mit der Kreation eines glorifizierten Maurers: Wenn erst einmal der Beton in der richtigen Menge und Konsistenz an sein Ziel gelangt ist, wächst das Haus quasi wie von selbst (Lockes Arbeit scheint dann jedenfalls getan).

No Turning Back (Steven Knight)

Bildmaterial: STUDIOCANAL

Seine enge Zusammenarbeit (per Telefon) mit seinem Vertrauten auf der Baustelle fasst Locke wie ein Schäferstündchen zusammen: »It's you and me til the morning«, aber während es zu seinem eigenen zentralen One-Night-Stand ohne Alkoholeinfluss wohl nicht gekommen wäre, traut er seinen Untergebenen auf er Baustelle nur dann eine fehlerfreie Ausübung ihres Jobs aus, wenn sie nüchtern bleiben.

Wenn man erst einmal auf diese Allegorie gekommen ist, findet man überall die absurdesten Interpretationsansätze, Lockes Satz »I have felt scraped out for months« evoziert etwa einen unangenehmen Schwangerschaftsabbruch, und sein Bestreben, »das Richtige zu tun«, im Gegensatz zu seinem Vater, der fast nur ein Samenspender war, Verantwortung für ein Neugeborenes zu übernehmen, selbst wenn er für die Mutter nichts empfindet, dazu, dass er gleichzeitig sein bisheriges Leben hinter sich lässt (»No Turning Back«): »Two hours ago, I had a job, a wife and a home!« Und diese selbstzerstörerische Kompromisslosigkeit bei allem Verantwortungsgefühl macht Ivan Locke zu einer Figur, an die man sich noch lange erinnern wird. Und Tom Hardy, den man zumeist aus Schurkenrollen kennt (Shinzon in Star Trek Nemesis, Bane in The Dark Knight Rises) trägt mit seiner beeindruckenden Performance durchaus dazu bei. So gesehen war es dann doch eine gute Entscheidung von Steven Knight, dass Locke nicht nur eine Stimme hat, sondern auch ein Gesicht.

No Turning Back (Steven Knight)

Bildmaterial: STUDIOCANAL

»I will do this as a favor to the building and to the concrete.«