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Die Box




7. Juni 2013
Thomas Vorwerk
für satt.org


  After Earth (M. Night Shyamalan)
After Earth (M. Night Shyamalan)
Bildmaterial © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH
After Earth (M. Night Shyamalan)
After Earth (M. Night Shyamalan)


After Earth
(M. Night Shyamalan)

USA 2013, Buch: Gary Whitta, M. Night Shyamalan, Kamera: Peter Suschitzky, Schnitt: Steven Rosenblum, Musik: James Newton Howard, Production Design: Thomas E. Sanders, Kostüme: Amy Westcott, mit Jaden Smith (Kitai Raige), Will Smith (Cypher Raige), Sophie Okonedo (Faia Rage), Zoe Isabella Kravitz (Senshi Raige), Glenn Morshower (Commander Velan), Sacha Dhawan (Hesper Pilot), Chris Geere (Hesper Navigator), Kristofer Hivju (Security Chief), Jaden Martin (Nine-Year-Old Kitai), 100 Min., Kinostart: 6. Juni 2013

Da will man mal etwas professioneller in seinen Texten wirken, und dann zwingen einen äußere Umstände quasi dazu, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen. Unprofessionell und auch noch persönlich.

Ich muss etwas ausholen. Schon früh hatte ich mich zur Pressevorführung von After Earth angemeldet, das wichtigste Auswahlkriterium war hierbei, dass ich für den nahenden Starttermin noch kaum Filme gesichtet hatte. Es gab dann noch eine konkurrierende Vorführung, bei der der Film mich weitaus mehr interessierte, und ich war schon kurz davor, mich gegen Papa und Sohn Smith zu entscheiden (der Trailer überzeugte mich auch nicht besonders), als an einem Tag zwei Dinge fast gleichzeitig geschahen. Zum einen erfuhr ich von einer weiteren Vorführung des interessanteren Films, zum anderen kam vom von mir geschätzte Roman- und Comic-Autor Peter David (jeweils ein gutes Jahrzehnt Star Trek: New Frontier, The Incredible Hulk und X-Factor – das Mutantenteam, nicht die Casting-Show) am 30. Mai folgender Tweet:

»Ignore the reviews and go see After Earth. Night, Will and Jaden did a terrific job.

Es machte mich zwar ein wenig argwöhnisch, wie David dreimal jeweils den Vornamen benutzt, aber zumindest gewann ich wieder etwas Vertrauen in den Film.

Am Tag der Vorführung gelang es mir dann, mit freundlicher Unterstützung der BVG drei Minuten nach Filmbeginn einzutrudeln. Später erfuhr ich von Kollegen, dass abgesehen von einem Flashback, der zeigt, wie Will Smith mithilfe des »Ghosting« ein garstiges Alien tötet (das hatte ich auch gerade noch beim Eintreten ins Kino gesehen) vor allem ein spannender Action-Höhepunkt des Films gezeigt wurde, bevor man in der Geschichte drei Tage zurück geht und die Vorgeschichte erzählt. Also hatte ich nicht wirklich viel verpasst, aber ich hatte mehrfach im Film das Gefühl, dass mir irgendwelche Informationen fehlen. Wie sich die Atemluft auf der Erde verändert hat, so dass die Menschheit sie verlassen musste – oder was in den Jahrhunderten seitdem geschah: all dies wurde sicher zumindest ansatzweise mit ein paar Schrifttafeln erklärt.

Nach dem Film überflog ich dann eher zum Zeittotschlagen einige Passagen im Presseheft und sah dort, wie Will Smith, Hauptdarsteller, Produzent und Lieferant der ursprünglichen Story, voll des Lobes darüber ist, dass die Geschichte von After Earth (von dem bereits eine Fortsetzung in Planung ist) weit über das hinaus geht, was man im Film sieht.

»This world is so thoroughly thought out,« says Will Smith.
»The history for these characters was laid out beyond anything
I've ever seen before. Just as an example, for me, playing Cypher
– a general with the Rangers – it was fantastic to know that my
character's grandmother was head of the Rangers, and it was
during her tenure that she united the government under the Rangers.
What that meant was that her son, my character's father, never got
the chance to head the Rangers until he was almost 50 years old
- he missed his prime. That's the kind of history Peter explored
- while details like this aren't a part of this movie, they help us
with our characters and to understand this world as a distinct
place, and give us a rich environment.

Peter...? Das war wohl der Co-Autor des Drehbuchs, der neben M. Night Shyamalan in den Credits genannt wurde ... ich blätterte kurz im Presseheft, doch jener Typ heißt Gary Whitta. Ich scanne den Text also weiter, und als aufmerksame Leser wisst ihr alle bereits die Pointe, die sich mir erst nach anderthalb Seiten überflogenem Presseheft offenbarte. Es gibt eine »bible« zum Film und der Welt, in der er spielt, die von den Star-Trek-Romanautoren Peter David, Michael Jan Friedman und Robert Greenberger gemeinsam erarbeitet wurde. Peter David veröffentlichte ferner die »Novelisation« zum Film, Michael Jan Friedman einen »Prequel-Roman«, bei dem es als »Bonusmaterial« auch noch ein paar Kurzgeschichten gibt, mindestens zwei davon stammen von Peter David.

Um es mal nett auszudrücken, verlor die Filmempfehlung von Mr. David durch dieses Hintergrundwissen einiges an Wert, weil man das Gefühl bekommt, sein Hinweis ist nicht eben objektiv oder fernab eigener Interessen. Inzwischen hatte ich den Film ja auch gesehen, und das auffallendste Merkmal des Films ist meines Erachtens, dass die vielgerühmte »Backstory« im Film selbst fast nichtexistent ist (zumindest in meiner drei Minuten kürzeren Privat-Fassung). Den ganzen Film über erwartete ich, dass irgendein Geheimnis über die von Vater und Sohn zum ersten mal seit hundert Jahren oder so von einem Menschen betretene Erde herauskommen würde – komplette Fehlanzeige! After Earth wirkte für mich wie eine durchschnittliche Folge einer Fernsehserie. Der geeigneteste Vergleich wäre vielleicht jene Folge von Deep Space Nine, in der Odo und Quark auf einem Planet-of-the-Week gemeinsam Bergsteigen – ohne die Szenen, die auf der Station spielen und ohne die beiden auskommen – und betrachtet von jemandem, der keinen Schimmer hat, worum es in der Serie geht. Man könnte dadurch neugierig auf mehr werden, man muss es aber nicht.

Sohn Kitai (Jaden Smith) wird der Aufstieg zum »Ranger« verwehrt, die Beziehung zum Vater (Papa Schmitt), einem Kriegshelden, ist eher brenzlig bis gestört. Die Mutter (Sophie Okonedo – geschätzt ein Drehtag) versucht zu intervenieren: »He doesn't need a commanding officer – he needs a father.«

Nebenbei erfährt man, dass eines der genmanipulierten Killerwesen namens Ursa, für dessen furchtlose Eliminierung Papa zum Kriegshelden wurde, die volljährige Schwester Senshi massakrierte, als der seinerzeit neunjährige Kitai nur hilflos aus einem Versteck zuschauen konnte. Für das außergewöhnliche »Ghosting«, das durch Furchtlosigkeit den Pheremonausstoß stoppt, wodurch die Ursa quasi »blind« werden, was den Aufenthaltsort ihrer prädestinerten Opfer angeht, wurde Kitai durch dieses traumatische Kindheitserlebnis wahrscheinlich nicht besonders gut vorbereitet. Er ist zwar schneller und wendiger als gleichaltrige Kadetten (Jaden Smith ist 14, wie alt Kitai ist, wird nicht explizit erwähnt), neigt aber dazu, in Panik zu geraten.

Für ein bisschen »family bonding« steigen Papa und Sohn gemeinsam in ein Raumschiff, wobei Kitai auf dem Weg seine Furcht vor einem in einem seltsamen Käfig sitzenden Ursa demonstrieren kann, während Superpapa mit so was ähnlichem wie einer Büroklammer an der Bordwand einen bevorstehenden Asteroidensturm vorhersieht, den die Piloten für ein Hirngespinst halten. To cut a long story short: Die Asteroiden beschädigen das Schiff, das notlanden muss, ausgerechnet auf dem eigentlich unter Quarantäne stehenden gefährlichsten Planeten weit und breit: der Erde, wo angeblich alle Kreaturen des Menschen größte Feinde sind – nach dem, was sich Gevatter Mensch zu unserer Zeit so geleistet hat, kann man das ja nachvollziehen ...

Das Schiff bricht beim Absturz entzwei, die beiden Hälften liegen diverse Kilometer auseinander. In einer Hälfte: Kitai und sein durch komplizierte Brüche nicht manövrierfähiger und im Sterben liegender Paps, in der anderen Hälfte: ein womöglich funktionierender Notfallsender und der womöglich beim Absturz schnöde verstorbene oder zumindest noch im Käfig festsitzende Ursa.

Söhnchen muss also alleine los, und wie er dabei zum Mann (oder zumindest zum besseren Soldaten und/oder Killer) wird, ist die eigentliche Geschichte des Films. Besonders störend bei dieser Geschichte sind die teilweise unterdurchschnittlichen Effekte. Die Raubkatzen wirken emmerichesk, wie aus 10.000 BC (wobei selbst noch die besser animiert waren), die pavianähnlichen Großaffen sind CGI-technisch noch hinnehmbar, das Timing und Drumherum bei einer Verfolgungsjagd ist aber jämmerlich. Wenn Kitai bei Tageslicht auf dem Gipfel eines Berges steht, ist er dabei auffallend künstlich ausgeleuchtet vor der Greenscreen, und die zahlreichen Gewässer kommen meines Erachtens zu 95% aus dem Rechner. Und, was noch schlimmer ist, man kommt kaum umhin, dies zu bemerken.

Inwiefern Scientology-Ideologie die Basis der Geschichte gab, ist für mich eher uninteressant, weil der Film so oder so blöd ist. Und gegen Ende immer blöder wird, denn (AB JETZT WIRD HEMMUNGSLOS GESPOILERT!) der große Showdown zwischen Kitai und dem Ursa, sein reichlich unmotiviertes plötzliches Meistern des »Ghosting« (dass Kitai seit drei Tagen in den selben Klamotten rumläuft, dürfte wohl keine Duftstoffe hinterlassen, weil der Zukunfts-Anzug sich – auch, wenn der Film es nicht erklärt – sicherlich nebenbei selbst wäscht), das recht martialische Schlachten des Ursa und die in Sachen Timing irgendwo zwischen North by Northwest-Narrations-Ökonomie und komplettem Blödsinn befindliche Rettung des Vaters (braucht man noch für den bereits in Planung befindlichen After Earth 2), das alles zog den zuvor zumindest noch halbwegs spannenden Film gänzlich runter.

Man mag den reichlich größenwahnsinnigen Machern des Films (nennen wir sie mal »Night, Will and Jaden« nur zuraunen: »Take a knee«. Ob das jetzt im Sinne des Films (knie nieder, ordne deine Gedanken und besinne dich!) oder im Sinne eines urbanen Kampfstils (autsch!) gemeint ist, mag jeder für sich entscheiden.