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Die Box




26. September 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Un amour de jeunesse (Mia Hansen-Løve)
Un amour de jeunesse (Mia Hansen-Løve)
Un amour de jeunesse (Mia Hansen-Løve)
Un amour de jeunesse (Mia Hansen-Løve)
Un amour de jeunesse (Mia Hansen-Løve)


Un amour de jeunesse
(Mia Hansen-Løve)

Frankreich / Deutschland 2011, Buch: Mia Hansen-Løve, Kamera: Stéphane Fontaine, Schnitt: Marion Monnier, mit Lola Créton (Camille), Sebastian Urzendowsky (Sullivan), Magne-Havard Brekke (Lorenz), Valérie Bonneton (Camilles Mutter), Serge Renko (Camilles Vater), Özay Fecht (Sullivans Mutter), 110 Min., Kinostart: 27. September 2012

Lange Zeit führt Un amour de jeunesse geradezu beispielhaft vor, wie »eine Jugendliebe« so funktionieren kann: die 15jährige Camille und der 19jährige Sullivan lieben sich, der Film beginnt damit, dass er Kondome kauft, und quasi das ganze Register (abgesehen von einem schamhaften, aber sehr geschickten Vorhang, der allzu deutliche Intimitäten ausklammert) wird vorgeführt: die abhängig machende, alles umfassende Liebe, mit Melancholie und Todessehnsucht, inklusive Fenstereinstieg zu den Worten »Mein Romeo!«. Teilweise ist das schon eine Spur zu dick aufgetragen, wenn die jungen Darsteller (18 und 25) versuchen, sich die in Stein gemeißelten Dialoge Untertan zu machen, aber das Ganze hat durchaus Charme, und die Regie hin und wieder nette, aber unaufdringliche Ideen.

Doch wie fernes Donnergrollen (oder Bienengesumm und eine zerbrechende Fensterscheibe) kündigt sich dräuendes Unheil an: Sullivan, der gerade sein Studium abgebrochen hat, will für ein Jahr nach Südamerika, trotz aller Liebe scheint dies fast eine Suchttherapie, und auf ihre tiefphilosophische Frage »Was wird aus mir ohne Dich?« entgegnet er nur weltklug »Du musst Dein eigenes Leben leben«. Und nach diesem Punkt entwickelt nicht nur Camille, sondern auch der Film sein eigenes Leben. Zunächst gibt es noch im Off eingesprochene (auffällig literarisch wirkende) Liebesbriefe, während wir Camilles Alltag erleben, inklusive des täglichen Gangs zum Briefkasten und der Resignation bis Trotzigkeit, die dann aber teilweise auch zu klischeehaft ausfällt. Doch nach zwei recht schnell aufeinanderfolgenden Zeitsprüngen scheint Camille den elterlichen Rat, »ein neues Kapitel zu beginnen«, ernstgenommen zu haben. Aus 1999 wird 2000, dann 2003, und auf den ersten Blick erkennt man die Architekturstudentin mit dem Kurzhaarschnitt kaum wieder. Gemeinsam mit dem norwegischen Dozenten Lorenz, einem älteren und wohl erfolgreichen Architekten beobachtet man, wie Camille »ihr Südamerika« erlebt, das unter anderem aus Berlin, dem Bauhaus und Dänemark besteht (rein förder- und multikultitechnisch ist der Film sehr geschickt), und was passiert, als sie Moritz dann nach acht Jahren wiedertrifft, werde ich an dieser Stelle nicht verraten.

Von Beginn an spielt die Vergänglichkeit eine Rolle in dem Film. Das Erbe des Großvaters, das Kinderzimmer im Sommerhaus der Familie, der ältere Architekt, der Ruinen wiederbelebt. Doch im Widerstreit mit dem Motiv des »Circle of Life« geht es immer mehr um Begriffe wie »Reinheit« wie in dem unfassbaren Dialogsatz »Du bist nicht mehr das reine, junge Mädchen von früher«.

Vieles an diesem Film ist hochinteressant. Man begleitet größtenteils Camille, doch wenn der Film mal Sullivan begleitet (meist nur für kurze Passagen), so tun sich mitunter auch Abgründe auf, denn während er in trauter Zweisamkeit sagt »Du treibst mich zum Wahnsinn«, erlebt man ihren Wahn mit, insbesondere, wenn sie allein ist, während der Knabe scheint's ein subtiles, zweites Gesicht hat, sobald er alleine ist. Deshalb leidet man auch immer mehr mit Camille, während Sullivans Briefe allzu koordiniert wirken. Doch wie vieles in diesem Film ist das auch eine Angelegenheit der Brille, durch die man schaut. Am Rande des Geschehens sind auch die Nebenfiguren gut beobachtet, doch im Endeffekt geht es um Camille und Sullivan, und es kommt auch darauf an, wie gut die jungen Darsteller ihre ja ein entwicklungsreiches Jahrzehnt »stemmen« können – oder inwiefern man es ihnen abnimmt. Für meinen Geschmack lächelt (bzw. grinst) Sebastian Urzendowsky (bekannt unter anderem aus Ping Pong) oft eine Spur zu viel – was dadurch gerettet wird, dass sich diese Beobachtung wiederum mit seinen »zwei Gesichtern« kombiniert. Was man dem Schauspieler ankreiden könnte, intensiviert seinen Eindruck in der Rolle – und damit wird die Schwäche fast eine Stärke. Bei Lola Créton (an die ich mich vage aus Catherine Breillats Barbe bleu erinnern kann) ist man verblüfft, wenn sie die Jugendlichkeit ablegt und wie eine ernsthafte Projektleiterin auftritt. Doch einige kurze Szenen auf Baustellen funktionieren für mich keine Spur, wenn sie mit Sicherheitshelm und Clipboard durchs Dekor stolpert und es allzu augenfällig wird, dass man auf das Architektentum nicht so viel Wert legt wie auf die emotionalen Veränderungen. Das ist schade, gerade, weil die Metaphorik (und die Kulissen) dem Film viel bieten, zwei Hostessenjobs Camille aber mehr Tiefe verleihen als ihre große Berufung – und auch das Abspulen mancher Objekte (Bauhaus, Neue Nationalgalerie) eher stiefmütterlich wirkt.

Nichtsdestotrotz ist Un amour de jeunesse ein kleines Juwel am Kinohimmel – auch, wenn es nicht ganz so stark funkelt wie der erste Auftritt der Regisseurin Mia Hansen-Løve – damals noch als Schauspielerin – in Olivier Assayas Fin août, début septembre, an den ich mich durchaus mal erinnert fühlte. Und der übrigens seinerzeit auch schon vom peripher Filmverleih in die Kinos gebracht wurde. Wie bei den Gesichtern der jungen Schauspieler ging hier sogar mehr als ein Jahrzehnt quasi ohne Veränderung an diesem ewig jungen Verleih vorbei.