Anzeige:
Die Box




13. Juni 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ai Weiwei: Never Sorry (Alison Klayman)
Ai Weiwei: Never Sorry (Alison Klayman)
Bildmaterial © DCM
Ai Weiwei: Never Sorry (Alison Klayman)
Ai Weiwei: Never Sorry (Alison Klayman)


Ai Weiwei:
Never Sorry
(Alison Klayman)

USA 2012, Buch, Kamera: Alison Klayman, Schnitt: Jennifer Fineran, Musik: Ilan Isakov, mit Ai Weiwei, Danqing Chen, Ying Gao, Changwei Gu, Tehching Hsieh, Huang Hung, Yanping Liu, Evan Osnos, Inserk Yang, Zuzhou Zuoxiao, 91 Min., Kinostart: 14. Juni 2012

Der Titel dieses Film ist ziemlich clever, weil man ihn auf zweierlei Art deuten kann. Zum einen impliziert er, dass der chinesische Künstler Ai Weiwei keine seiner Aktionen gegen die chinesische Regierung bereut, ungeachtet dessen, wieviel Scherereien (euphemistisch ausgedrückt) sie ihm gemacht hat. Diese Lesart unterstützt der Film zwar nicht immer, aber sie scheint dennoch akzeptabel. Zum anderen spielt der Titel direkt auf das »so sorry« an, dass die chinesische Regierung manchmal verlauten lässt, wenn Ai Weiwei wieder zum Opfer einer willkürlichen Aktion der Regierung wurde, und man nachträglich ansatzweise beweisen kann, dass die Obrigkeit im Unrecht war. Offensichtlich liegt China nicht wirklich daran, sich zu entschuldigen (sonst würden sie solche Aktionen ja auch einstellen), die Entschuldigungen sind jeweils nur PR-Aktionen, um Gesicht zu bewahren, denn auch wenn der Kampf zwischen China und Ai Weiwei ein ungerechter ist, so hat Ai mehrfach bewiesen, dass er mit seinen Twitter-Followern etc. trotz seines ungebrochenen Nationalstolzes der aktuellen Regierung durchaus Schaden zufügen kann, sei es durch die aufwendige Recherche, wie viele Schüler (5212) bei einem Erdbeben aufgrund der staatlichen Billig-Schulhäuser umkamen (eine Statistik, die das Land lieber unter den Teppich bzw. die Trümmer gekehrt hätte), sei es durch die ständige Dokumentierung des Künstlers, der immer wieder Opfer von staatlichen Repressalien (oder auch mal einer Körperverletzung) wird, oder sei es durch die Unterstützung seiner Anhänger, die liebend gern spenden, wenn Ai Opfer einer horrenden Geldsumme wegen vermeintlicher »Steuerhinterziehung« wird.

Im Film fasst es Ais Mutter (bzw. eine Stellvertreterin?) mal zusammen: »Eine Person kann nicht ein komplettes Land verändern. Wenn die Regierung Angst vor einer Person hätte, wäre es nicht mehr die Regierung.« Andererseits sieht sich Ai aber auch in der Rolle der einen seiner etwa vierzig Katzen, die es gelernt hat, eine Türklinke anzuspringen und somit die Tür zu öffnen. Sie macht den Weg frei für die anderen Katzen, die ihr folgen. Inwiefern es in diese Analogie passt, dass die begabte Katze aber nie eine Tür schließt, das muss ich mir noch mal durch den Kopf gehen lassen ...

Neben der durchaus spannenden Schilderung des politischen Kampfes zwischen Ai und der Regierung (es droht ihm immer mal wieder, weggeschlossen zu werden oder wie der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo quasi ganz von der Bildfläche zu verschwinden) dokumentiert der Film auch den Künstler, sein an Andy Warhol erinnerndes Vorgehen, die eigentliche Handarbeit von vielen Helfern (»We're just hired assassins«) ausführen zu lassen (aber allein hätte er auch die Millionen künstliche Sonnenblumenkerne, mit denen er quasi die Londoner Tate Gallery überflutete, kaum herstellen können), seine Aktionen mit antiken Vasen, die er mit einem Coca-Cola-Schriftzug verziert oder für die Kamera zerdeppert und vieles mehr. Und seine Netzaktivitäten, die ein Dokumentarfilm natürlich nur mit einigen Schwierigkeiten »rekonstruieren« kann, ohne sich der Manipulation der virtuellen »Dokumente« schuldig zu machen. Aber die Politik spielt immer wieder herein in seine Kunst, wenn er ein Stadion entwirft, dann aber die Olympiaeröffnung boykottiert oder die Regierung ihn unter fadenscheinigen Erklärungen zwingt, eines seiner persönlichen Gebäude selbst abzureißen - woraus Ai dann ein Happening mit Fanbeteiligung macht. Der Stinkefinger auf dem Filmplakat (den man übrigens auf einer ganzen Reihe von Kunstwerken wiederfindet) ist der Beweis, dass eine kleine Geste gleichzeitig ein politisches Statement, aber auch eine künstlerische Ausdrucksform sein kann. Was auch beinahe für den Film zutrifft, aber rein filmisch überwiegt dann doch das politische Element.