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Die Box




28. März 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org


  The Music Never Stopped (Jim Kohlberg)
The Music Never Stopped (Jim Kohlberg)
The Music Never Stopped (Jim Kohlberg)
Bildmaterial © Senator Film
The Music Never Stopped (Jim Kohlberg)
The Music Never Stopped (Jim Kohlberg)
The Music Never Stopped (Jim Kohlberg)
The Music Never Stopped (Jim Kohlberg)


The Music Never Stopped
(Jim Kohlberg)

USA 2011, Buch: Gwyn Lurie, Gary Marks, Buchvorlage: Oliver Sacks, Kamera: Stephen Kazmierski, Schnitt: Keith Reamer, Musik: Paul Cantelon, Kostüme: Jacki Roach, mit J.K. Simmons (Henry Sawyer), Cara Seymour (Helen Sawyer), Lou Taylor Pucci (Gabriel Sawyer), Tammy Blanchard (Tamara), Scott Adsit (Dr. Biscow), Julia Ormond (Dianne Daley), Mía Maestro (Celia), James Urbaniak (Mike Tappin), Max Antisell (Young Gabriel), Ryan Karels (Bernie), Peggy Gormley (Florence), Josh Segarra (Mark Ferris), Xander Johnson (Weed), Jesse Roche (Steve), Erica Berg (College Representative), 105 Min., Kinostart: 29. März 2012

Für dieses Projekt, das bereits einige Jahre in »development hell« verbracht hatte, raffte sich Produzent Jim Kohlberg zu seinem Regie-Debüt auf. In seinem Essay The Last Hippie beschreibt Oliver Sacks (Awakenings) den Fall eines Gedächtnisverlusts, der über Musiktherapie behandelt wurde. Für die Verfilmung wurde zwar einiges verändert, aber der medizinische Hintergrund und der menschliche Faktor findet sich in dieser Vater-Sohn-Geschichte wieder.

Der kleine Gabriel war einst der Stolz seines Vaters Henry (J.K. Simmons), unter anderem auch deshalb, weil er dessen Musikvorliebe für Big-Band-Sounds teilte und fehlerlos diverse Singles dieser Epoche benennen konnte, was durch die persönliche Verbindung des Liedguts zur Biographie des Vaters ein enges Band knüpfte.

Doch als Gabriel (Lou Taylor Pucci) erwachsen wird und sich für die Rockmusik der späten 1960er interessiert, findet der Bruch zwischen den Generationen gleich auf viele Arten statt, und bei einer Universitätsvorstellung reißt er aus, um mit Gleichaltrigen (darunter seiner Freundin Tamara) zu einem Grateful-Dead-Concert zu fahren. Danach verschwindet Gabriel für Jahrzehnte, verliert Großteile seines Gedächtnisses, und die Bemühungen seiner Eltern, ihm bei der Wiederherstellung seiner Erinnerung zu unterstützen, leiden unter dem Bruch mit dem Vater, den traumatischen Erfahrungen Gabriels und den Ressentiments Henrys.

Die Musik ist das Rückgrat dieses Films. Angefangen mit den Quizspielen der jungen Familie, über die frühe Musiktherapie und ihre zunächst zufällig erscheinenden Erfolge, baut dann alles darauf auf, wie Vater und Sohn trotz unterschiedlicher Vorlieben aufeinander zu gehen, und Henry sich mit Verspätung der Musik von Interpreten wie Bob Dylan öffnet, um mit seinem Sohn über Musik, Politik und seine damalige Sturheit zu sprechen.

Hierbei funktioniert The Music Never Stopped einerseits nach den Gesetzen Hollywoods, so es diese noch für ein reiferes Publikum gibt, verwässert aber die tatsächliche Fallstudie nicht über Gebühr, und das Ergebnis ist ein gelungener Drahtseilakt zwischen nüchterner wissenschaftlicher Betrachtung des musikalischen Phänomens und einem kleinen Independent-Film (wie sie immer seltener gedreht werden), der sich Mühe gibt, sein Publikum mit guter Laune und einem Hauch von Optimismus in die Realität zu entlassen.

Besonders interessant ist hierbei, wie Lou Taylor Pucci mit seinem gewöhnungsbedürftigen Vollbart zwischen Lethargie und Euphorie wechselt und das Standardprogramm eines Kinofilms, die Liebesgeschichte, ebenfalls mit einer überdurchschnittlichen Authentizität durchgespielt wird. Zum einen, wenn Gabe seine große Liebe Tamara wiedersieht, zum anderen, wenn er in der Kantine Celia kennenlernt, und die Verbindung - wie es sich bei einem cleveren Drehbuch gehört - natürlich über ein musikalisches Moment herbeigeführt wird.

Eine der letzten Wendungen des Films mag manchem eine Spur zu hollywood-mäßig vorkommen, aber ungeachtet dessen, ob dies auch im tatsächlichen Fall so passierte, wer als Regisseur oder Drehbuchautor die Chance auslässt, einen Film so parademäßig zur Zusammenführung fast aller seiner Themen zu bringen, der hat einfach seinen Beruf verfehlt. Und Jim Kohlberg hat mit diesem Debüt klar vor Augen geführt, dass er auch als Regisseur überzeugt.