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Die Box




20. August 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Shopping Girls (Katarzyna Roslaniec)
Shopping Girls (Katarzyna Roslaniec)
Shopping Girls (Katarzyna Roslaniec)
Shopping Girls (Katarzyna Roslaniec)
Shopping Girls (Katarzyna Roslaniec)


Shopping Girls
(Katarzyna Roslaniec)

Polen 2009, Originaltitel: Galerianki, Buch: Katarzyna Roslaniec, Kamera: Witold Stok, Schnitt: Kamil Czwartosz, Jaroslaw Kaminski, Wojciech Mrówczynski, Musik: O. S. T. R. [Adam Ostrowski], mit Anna Kaczmarczyk (Alicja), Dagmara Krasowska (Milena), Dominika Gwit (Kaja), Magdalena Ciurzynska (Julia), Franciszek Przybylski (Michal), Izabela Kuna (Alicjas Mutter), Artur Barcis (Alicjas Vater), Ewa Kolasinska (Lehrerin), Izabela Dabrowska (Julias Mutter), Szymon Kusmider (Zbyszek), Zuzanna Madejska (Paulina, Alicjas Schwester), Dominika Kluzniak (Ärztin), 77 Min., Kinostart: 18. August 2011

Inspiriert von realen Ereignissen, jungen Mädchen, die in Shopping Malls zumeist älteren Herren sexuelle Dienste anbieten und dafür mit Kosmetika, hippen Klamotten, Handys (oder auch einfach mal mit Geld) vergütet werden, hat die Regisseurin zunächst einige der Mädchen interviewt, dann aber ihren Film gänzlich als Spielfilm realisiert (mit Schauspielerinnen und keinen Laiendarstellerinnen, die ihr eigenes Schicksal nachspielen).

Hierbei fällt auf, dass sich die erste Hälfte des Films ganz nach den Mustern amerikanischer Highschool-Komödien abspielt. Dort beginnt der Film (zum Beispiel Mean Girls mit Lindsay Logan, aber auch schon vor einiger Zeit Heathers mit Winona Ryder, so neu ist das Format nicht) meistens mit dem Umzug der Hauptfigur, die an der neuen Schule niemanden kennt und oft auch unterschiedlich deutlich als »hässliches Entlein« dargestellt wird (wobei den bevorstehenden Schwan jeder Zuschauer erkennen wird). Diese Figuren (die erschreckenderweise offenbar Identifikationsfiguren sind) sehnen sich dann danach, im Kreise wohlhabender, gut gekleideter, von Jungens angehimmelter, aber in ihren menschlichen Umgangsformen oft verachtenswerter Cheerleader-Typen aufgenommen zu werden. Dann folgt zumeist eine Verwandlung, die Protagonistin entdeckt die asoziale Hackordnung und die traurigen Hintergründe der vermeintlichen Vorbilder, und gegen Ende folgt dann zumeist eine Emanzipation davon, oft auch in Verbindung eines Liebes-Happyends entdeckt die Hauptfigur dann, dass sie »einfach nur sie selbst« sein muss, um akzeptiert zu werden und »echte« Freunde zu finden. Was ungeachtet dessen, wie blöd es sich teilweise anhört, pädagogisch ja fast noch wertvoll ist.

Ein Mädchen wie Winona oder Lindsay ist auch die 14jährige Alicja (in Cottbus ausgezeichnet: Anna Karczmarczyk), die mit ihren unaufdringlichen Klamotten etwas unscheinbar wirken soll, dabei aber für den Betrachter viel attraktiver (und menschlicher) erscheint als die grell geschminkten, ordinären Kindfrauen, die sie »netterweise« in ihre Clique aufnehmen, weil Alicja eine von ihnen bei der Hausaufgabenkontrolle »deckt«. Ach ja, hatte ich wohl vergessen zu erwähnen: Die Cheerleader-Typen sind zumeist dumm und faul, die Hauptfigur hingegen versucht zumindest, in der Schule mitzuarbeiten.

Im Kurzinhalt des Pressematerials wird das übrigens so zusammengefasst:

Alicja ist ein totaler Niemand in der Schule, sie besitzt ein uraltes Handy und trägt vollkommen falsche Kleidung. Doch schon bald lernt sie Milena, Kaja und Julia kennen, die nicht nur allseits beliebt sind und das Sagen an der Schule haben, sie leben auch ein echtes »High Life«, welches ihrer Meinung nach aus Party, Shopping und »echten« Männern besteht.

Hierbei finde ich es interessant aber irgendwie auch bedenklich, wie sich jener Text, der bei Mainstream-Filmen und weniger ambitionierten Publikationen (McDonald’s Kino-News etc.) einfach größtenteils »übernommen« wird, erst nach diversen Zeilen ansatzweise als ironisch »outet«, während die Werturteile über Handy und Kleidung quasi »gottgegeben« und »unanfechtbar« präsentiert werden. Ich habe selbst eine 13jährige Nichte und weiß, dass sich die Anzahl der bisher von ihr verschlissenen Handys umgekehrt proportional zu meinen (bisher zwei) und meinem Lebensalter (43) verhält. Wen das jetzt mathematisch überfordert: sie hat jetzt gerade ihr viertes oder fünftes Handy (und wer jetzt nachrechnet und wiederum meine Mathefähigkeiten in Frage stellen möchte: Man darf nicht jenen Faktor vergessen, dass Handys etwa in einer guten Hälfte meines Lebens generell keine Rolle spielten - also jetzt auf gesellschaftlicher Ebene, nicht auf persönlicher).

Aber zurück zum Film. Alicjas neue Freundinnen, die sich durch so durchdachte Schimpftiraden wie »VerdammteSchlampeAlteJungfrau!« auszeichnen, nehmen Alicja unter ihre Fittiche, helfen ihr, sich neu zu erfinden, und sind dabei so grundgütig, sie auch in ihren Lebensentwurf der sexuellen Gefälligkeiten einzuarbeiten (ich darf Ironie!). Dies führt auch zu solchen Weisheiten wie »Einen Menschen erkennt man schon an seinem Handy« (oder wahlweise den Schuhen oder der Armbanduhr). Für die kleinen Hobbyhuren entscheidet sich das Interesse an Männern natürlich gänzlich über die vorhandenen finanziellen Resourcen. Nebensächlichkeiten wie Alter oder Charakter sind Firlefanz. Und wenn Alicja sich in ihrem durch äußere Einflüsse beschleunigtem sexuellen Erwachen für den gleichaltrigen, etwas linkischen, aber abgesehen vom ähnlichen, gleichsam negativen peer pressure seiner Altersgenossen, sehr nett wirkenden Michal interessiert, bringen ihre neue Freundinnen sie gleich auf den »richtigen« Weg (auch dies ein gern verwendetes Verhaltensschema in Highschool-Komödien).

Und an dieser Stelle verlässt der Film dann ein wenig den Pfad der zumeist harmlosen US-Filmchen. Eines der Mädchen wird schwanger (trotz ihrer lächerlichen und in der Inszenierung / Anwendung zutiefst verblüffenden Gegenmaßnahmen), man verfolgt so tiefschürfende Gespräche wie »Glaubst Du, Sex könnte auch angenehm sein?« --- »Sicherlich, vielleicht.« und ganz schleichend verwandelt sich der Film in eine nicht ganz so drastische Version von Lilja 4-ever. Inklusive Engel-Allegorie nebst selbstgebastelten Flügeln und dem Wunsch zum Freitod.

Den Spagat zwischen Lindsay Lohan und Lukas Moodysson bekommt der Film nicht so ganz hin, aber Galerianki überzeugt auf seine Art doch irgendwie und selbst seine Schwächen kann man dem Film als Stärken anrechnen. Ich bin mir nur nicht wirklich sicher, ob der Film es in irgendeiner Form darauf anlegt (vielleicht in seinem Heimatland Polen?), von jungen Mädchen gesehen zu werden, und inwiefern die pädagogische Botschaft je nach Reife / Umfeld junger Zuschauerinnen nach hinten losgehen könnte. Als etwas älterer und filmerfahrener Betrachter hat mich die Geschichte ein wenig »unterfordert«, wirkliche Überraschungen gab es wenige. Aber dennoch blieb die Faszination eines Autounfalls, wo man ja auch mitunter zwischen Hin- und Wegschauen zerrissen ist.