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Die Box




11. August 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Shit Year (Cam Archer)
Shit Year (Cam Archer)
Bildmaterial: Salzgeber & Co.
Shit Year (Cam Archer)
Shit Year (Cam Archer)
Shit Year (Cam Archer)


Shit Year
(Cam Archer)

USA 2010, Buch: Cam Archer, Kamera: Aaron Platt, Schnitt: Madeleine Riley, Musik: Mick Turner, Sound Design: Cam & Nate Archer, mit Ellen Barkin (Colleen West), Luke Grimes (Harvey West), Bob Einstein (Rick), Theresa Randle (Marion), Melora Walters (Shelley), Josh Blaylock (nicht Marcus), Djuna Bel (Mädchen im Bett), Rickie Lee Jones (Stimme), 95 Min., Kinostart: 11. August 2011

Nach einer kurzen Einstellung, die zeigt, wie ein schwarzes Mädchen am Strand auf eine brennende Tonne zuläuft, beginnt dieser Film mehr oder weniger mit dem Satz: »Harvey West would have loved San Francisco one hundred years ago.« Dies nimmt eigentlich schon ein bisschen vorweg, dass sich Cam Archer in seinem zweiten »Spielfilm« auch nicht von herkömmlichen chronologischen Erzählweisen einengen lässt. Hier purzeln Träume, Voice-Over-Passagen, theatralische Auftritte, Fernsehinterviews und Momentaufnahmen des Lebens der abgetretenen Schauspielerin Colleen West (Ellen Barkin hart an der Autobiographie) in teilweise faszinierenden Schwarzweiß-Aufnahmen übereinander. Was den Film aus dem Gros anderer narzißtisch-selbstverliebter Arty-Farty-Essayfilme heraushebt, ist neben dem immer wieder aufblinkenden Humor (die Gespräche mit der sich aufdrängenden Joggerin), der selbst solchen Werken abgeneigten Zuschauern mehr als nur ein Mindestmaß an Unterhaltung bietet, Archers Begabung, den Betrachter durchaus auf schleichendem Weg in seine Gedankengänge einzuwickeln. Wer nur halbwegs aufmerksam dem Film folgt, kann ohne Probleme 75% seiner wabernden Narration folgen und nebenbei an vielen Details anecken, die, wo man bei ähnlichen Filmen längst entnervt abgewunken hat, zum aktiven Mitdenken anregen. Das Sounddesign mit Hahnengeschrei oder auf- und abebbendem Flugzeuglärm, die meisterhaften Kompositionen bei den Spielszenen in überirdisch anmutenden Fantasieräumen, der wie ein Running Gag durch den Film irrende Tamales-Verkäufer, der assoziativ zur Interpretation plötzlich viel beiträgt - die wenigsten Filme können eine derartige Dichte, ein so durchgeplantes Konzept vorweisen - jetzt mal ganz unabhängig davon, ob man als Konsument willens oder in der Lage ist, diesen Gedankengängen zu folgen (leider zeigt sich auch hier mal wieder, dass die erklärenden Bemerkungen des Regisseurs im Presseheft eigentlich zur befriedigenden »Lektüre« des Films unabdingbar sind - doch man fragt sich, inwiefern die Betrachter - auch in Hinsicht auf eine DVD-Veröffentlichung - in den Genuß dieses Metatextes kommen).

Die andere große stählerne Säule, auf der der Film ruht, ist Ellen Barkin, eine etwas in Vergangenheit geratene Darstellerin, die man je nach Alter und Filminteresse aus Filmen wie The Big Easy, Sea of Love, Down By Law, Fear and Loathing in Las Vegas oder Palindromes kennen sollte, und die es in Sachen der im Alter noch gestiegenen Intensität ihres Spiels und ihrer schieren Präsenz durchaus mit Kolleginnen wie Charlotte Rampling, Catherine Deneuve, Debbie Harry oder Patti Smith aufnehmen kann (die Musikerinnen mag man mir zur Verdeutlichung verzeihen - mir fielen keine weiteren Schauspielerinnen ein, die dem Vergleich standhalten konnten).

Mit diesen zwei festen Standbeinen lässt sich der Film auch nicht durch gelegentliche von Parfümherstellern entlehnte Werbeästhetik oder gelegentliche kurze dramaturgische Durchhänger beirren.