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Die Box




25. Mai 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Big Eden (Peter Dörfler)


Big Eden
(Peter Dörfler)

Deutschland 2011, Originaltitel (Berlinale Panorama): The Big Eden, Buch, Kamera, Schnitt: Peter Dörfler, mit Rolf Eden, Tochter Irit (61), Sohn Alexander (51), Sohn Peter (50), Sohn Marco (42), Enkel Dani (33), Sohn Max (21), Sohn Patrick (19), Sohn Kai (13), sowie diversen Lebensabschnittspartnerinnen und Müttern, u. a. Brigitte, Uschi, Martina und Sieglinde, Menachem Golan u. v. a., 90 Min., Kinostart: 8. Dezember 2011

The Big Eden war eine der wenigen positiven Überraschungen der diesjährigen Berlinale (was natürlich auch daran liegt, dass ich die Filme, bei denen meine Erwartungen eher gering waren, oft gar nicht erst angeschaut habe). Regisseur Peter Dörfler hatte schon mit Achterbahn bewiesen, dass er nicht nur ein Gespür dafür hat, interessante Persönlichkeiten zum Sujet seiner Filme zu machen - er hat auch bei den Interviews und der Aufbereitung des Materials ein unübersehbares Talent gezeigt. Und bei seinem dritten Film einer Trilogie über »egomane Männergestalten« (Trilogien - egal wie nachträglich fabriziert sie sein mögen - sind immer gut dafür, die Neugier des Publikums auf die ungesehenen Filme zu leiten, und ich muss zugeben, dass ich Dörflers Debüt Panzerknacker nun auch gerne sehen würde) zeigt Dörfler mit viel Fingerspitzengefühl, wie man einer so umstrittenen Person wie dem früheren Diskotheken-Mogul einerseits Respekt für seine Errungenschaft zollen kann, ihn aber für die eher skeptischen Teile des Publikums auch auf subtile Weise bloßstellen kann - und das Ganze ist unabhängig vom Standpunkt des Betrachters (ob Playboy-Abonnent oder Frauenrechtlerin) auf jeden Fall amüsant.

Die Hauptfigur des Films liebt es - was für den Filmemacher natürlich ein Geschenk ist - sich zu inszenieren, seine aktuelle Geliebte (gesprochen wie die Bardot, geschrieben wie die Frauenzeitschrift) wie ein Sammelstück vorzuführen, kurzum: Eden erklärt sich selbst zum Exhibitionisten. Und er zeigt nicht nur sich gern, sondern auch seine über Jahrzehnte angewachsene Materialsammlung. Fotos, Zeitungsauschnitte, Filmschnipsel, darunter auch nicht wenige »private« Aufnahmen mit seinen Gespielinnen aus mehr als einem halben Jahrhundert Playboy-Dasein. Selbst seiner nicht gerade zimperlichen Freundin ist es mitunter peinlich, wie Eden nichts unversucht lässt, sich zu produzieren, sei es in Talkshows oder TV-Sendungen über »Sex im Alter«. Aber bei alledem bewahrt er sich eine furchtlose Grundehrlichkeit, die man belächeln oder bewundern kann.

Der Film zeigt oder beschreibt natürlich das komplette Leben Edens, von der Flucht vor den Nazis nach Haifa, seiner Beteiligung im »Gründungskrieg« Israels 1948/49, seiner Zeit als Jazzmusiker, seiner Rückkehr nach Europa, über Paris nach Berlin (1956), der Eröffnung eines Jazzclubs, gefolgt von Kabaretts und Diskotheken. Nebenbei spielt er noch in Filmen mit, kommt auf innovative Ideen wie einen (weiblichen) DJ, der »oben ohne« auflegt, und ist mit vielen immer jünger werdenden (in Relation gesehen) Frauen beschäftigt, die dann auch vor zumeist weißem Hintergrund (»seine Farbe«) interviewt werden. Und man ist verblüfft, wie nüchtern diese die Sache sehen, wenn man beispielsweise nicht mehr nur noch zum Geburtstag regelmäßig eine Aufmerksamkeit erhält, sondern auch zum Muttertag, weil man jetzt in einem anderen »Verteiler« gelandet ist.

Das am meisten zitierte Zitat aus dem Film dürfte folgendes sein: »Ich habe im Leben immer nur Glück gehabt. Das war so, hundertprozentig. Ich hatte nur, nur, nur Glück, nie ein Tief, nie richtigen Ärger, immer nur rauf, rauf, rauf, bis heute.« Eine andere Aussage aus seiner besten Zeit als Discobetreiber ist kein wirklicher Widerspruch dazu: »Das einzig Schwere war nachts das Geldzählen.« Und zum Abschluss noch die schönste Schnittkante des Films: Eine der sieben Mütter von Edens sieben Kindern beschreibt das Verhältnis zu »ihrem« Sohn. Er wäre ein »Bilderbuchvater« gewesen, und die beiden hätten auch »viel miteinander unternommen«. Dann der Schnitt zu einer Erotik-Messe. ‘Nuff said.



Abschließend noch meine übliche Tirade angesichts der Veränderung der Definition eines Dokumentarfilm. Ich kapiere, dass angesichts der heutigen Sehgewohnheiten einige Personen das Betrachten von Fotos im Sinne von »Stills« mit ein Paar Kamerabewegungen womöglich »langweilig« finden, und ich kann auch nachvollziehen, dass die Animation von Fotografien dem Auge des Betrachters zusätzliche Beschäftigung ermöglichen. Die Art und Weise, wie man »tote« Fotos so zu neuem Leben verhelfen kann, ist natürlich auch eine Art der Inszenierung, die durchaus faszinierend sein kann und sowohl über den Regisseur (oder den Animationsregisseur) als auch über das Fotomaterial einiges aussagen kann. Wenn in The Big Eden aus einer Fotowand sozusagen der Traum einer Jahrzehnte andauernden Disconacht wird, so kann ich mich auch als Purist dem nicht ganz verschließen. Aber wenn Fotos plötzlich dreidimensionell wirken sollen (als könne man wie einst bei Blade Runner in einem Foto um die Ecke schauen), oder der Schatten von Blättern auf einem weißen Sakko sich plötzlich bewegt, als wiegen sich die Blätter im Wind, dann verleiht dies dem Fotomaterial keinerlei zusätzliche Informationsebene, und auch in Sachen »Atmosphäre« ist der Gewinn eher zu vernachlässigen. Und auch rein visuell kann es selbst einen Animationsfreund wie mich kaum bei der Stange halten. In solchen Momenten ist es meiner bescheidenen Meinung nach einfach besser, wirklich zu »dokumentieren« und nicht fiktives dazuzuerfinden. Selbst wenn die fiktiven Elemente nur Mauerabschnitte sind, die auf den Fotos nicht zu sehen sind, oder die Schatten von Blättern, die sich in einem (dubiosen) Wind bewegen, der die starre Person auf dem Foto auch nicht lebendiger erscheinen lässt. Vielleicht sollte mal jemand einen Katalog erstellen, anhand dessen man feststellen kann, wie »dokumentarisch« ein Dokumentarfilm eigentlich ist. Empathisch vorgelesene Briefe, inszenierte Spielszenen, Tieraufnahmen, aus denen eine »Handlung« konstruiert wird, Interviews mit akkurat zusammengestelltem Hintergrund (Ulrich Seidl), nachgestelle Interviews, Gemälde (Vaterlandsverräter) undsoweiter - und wenn man für jede dieser »Abweichungen« 5% o. ä. von einem (nur theoretisch existierenden) »absoluten« Dokumentarfilm abzieht, dann kann man anhand eines Prozentwerts erkennen, ob ein Dokumentarfilm womöglich nur noch so heißt, weil er Inszeniertes »dokumentiert« (vgl. RTL plus). Ich persönlich würde mich freuen, wenn ich anhand einer »freiwilligen Dokumentarkontrolle« auf einen Blick sehen könnte, ob ich einen Film überhaupt sehen möchte oder mich nur darüber aufregen würde. Dummerweise würde diese Praxis aber natürlich dann noch mehr Verlogenheit ins Genre bringen, weil manche Filmemacher dann vielleicht versuchen, mit irgendwelchen Mitteln eine »65%-Doku« zu erreichen, obwohl es eigentlich nur 40% sind. Im Endeffekt bleibt es doch am Betrachter hängen, die Lüge zu entlarven. Ich persönlich freue mich immer wieder, wenn jemand sehr überrascht über Besuch ist, man aber ohne Problem erkennen kann, dass sich das Kamerateam längst in der Wohnung befindet. Nach diesem langen Sermon muss ich aber sagen, das The Big Eden (ohne Festlegung der Kriterien) etwa auf gefühlte 70-75% kommt, was für meine Bedürfnisse mehr als ausreichend ist.