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Die Box




6. April 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  The Fighter (David O. Russell)
The Fighter (David O. Russell)
The Fighter (David O. Russell)
Bildmaterial: Senator Film
The Fighter (David O. Russell)
The Fighter (David O. Russell)
The Fighter (David O. Russell)


The Fighter
(David O. Russell)

USA 2010, Buch: Scott Silver, Paul Tamasy, Eric Johnson, Kamera: Hoyte Van Hoytema, Schnitt: Pamela Martin, Musik: Michael Brook, mit Mark Wahlberg (Micky Ward), Christian Bale (Dicky Eklund), Amy Adams (Charlene Fleming), Melissa Leo (Alice Ward), Mickey O'Keefe (Himself), Jack McGee (George Ward), Melissa McMeekin (»Little Alice« Eklund), Bianca Hunter (Cathy »Pork'«Eklund), Erica McDermott (Cindy »Tar« Eklund), Jill Quigg (Donna Eklund Jaynes), Dendrie Taylor (Gail »Red Dog'« Eklund), Kate B. O'Brien (Phyllis »Beaver'« Eklund), Jenna Lamia (Sherri Ward), Frank Renzulli (Sal Lanano), Paul Campbell (Gary »Boo Boo« Giuffrida), Caitlin Dwyer (Kasie Ward), Art Ramalho, Sugar Ray Leonard (Themselves), Richard A. Eklund, George Michael Ward, Richard Eklund Jr. (Men on Street), 115 Min., Kinostart: 7. April 2011

Es gibt Boxerfilme (und das sind nicht die wenigsten), die funktionieren nach dem Muster von Rocky. Sportfilme generell, und Mark Wahlberg spielte auch bereits in der Disney-Produktion Invincible eine ähnliche Rolle. Einen etwas abgetakelten Underdog, der einen neuen Karriereversuch startet (dort im American Football), nebenbei eine neue Liebe findet (dort Elizabeth Banks) und so weiter ...

Auf dem Papier könnte The Fighter genau so ein Film sein. Wahlberg als etwas älterer Boxer, Amy Adams als attraktive Kellnerin und die übliche Variation des American Dream. Doch Regisseur David O. Russell (Three Kings) macht von Anfang an klar, dass er so einen Film nicht drehen will, und so beginnt The Fighter mit einem fast dokumentarisch anmutendem Interview, dass der Bruder unseres vermeintlichen Helden vor laufender Kamera gibt. Dicky (Christian Bale) war früher auch mal Boxer und berichtet im Verlauf des Films immer wieder von seinem großen legendären Kampf gegen Sugar Ray Leonard, von seinen Comeback-Plänen und dem Dokumentarfilm, den man über dieses Comeback mitdreht (Film im Film). Und irgendwann bekommt Dicky dann auch mit, dass das Thema des Films, für den man nicht müde wird, seinen Alltag zu dokumentieren, gar nicht Dickys Comeback ist, sondern seine Crack-Abhängigkeit. Christian Bale hat sich für diese Rolle nicht nur mal wieder heruntergehungert (obwohl nicht ganz so besorgniserregend wie bei The Machinist), sein Portrait einer Nebenfigur, die sich nicht nur über ihre Krankheit definiert, sondern viele Facetten zeigt, ist im Gegensatz zu seinen eher stoischen Rollen als Bat(e)man, in The Prestige oder 3:10 to Yuma so fahrig bis an die Grenzen der Lächerlichkeit, dass man ihn fast nicht wiedererkennt. Der Oscar dafür ist definitiv verdient.

Ebenfalls für The Fighter mit dem Oscar ausgezeichnet wurde Melissa Leo für ihre Darstellung der Mutter von Dicky und Micky (sowie diversen Töchtern). Auch hier geht es weniger um die Box-Promoterin oder Managerin, wie sie seinerzeit Meg Ryan vorführte, sondern um eine Übermutter im Spannungsfeld diverser Motivationen, der man alleine bereits einen Film hätte widmen können. Doch, ich hatte es eingangs erklärt, Mark Wahlberg ist die Hauptfigur dieses Films. Und dass er dabei so unendlich blass bleibt, dass selbst seine Freundin, die Kellnerin, mehr Biss, Engagement und Energie zeigt, dass ist keine Schwäche des Films, sondern eine seiner größten Stärken. Denn bloß weil es sich um eine »wahre Geschichte« handelt, muss ja nicht jedes Sportler-Portrait nach dem selben Schema F funktionieren. Nicht jeder Mensch, der sich in seiner Sportart durchsetzt, ist auch als Privatperson eine Rampensau, die sich vom sprichwörtlichen Tellerwäscher gegen alle Widerstände durchboxen musste. Micky Ward hat durchaus Qualitäten, es sind nur nicht die Qualitäten, die man bereits in 71 anderen Sportfilmen auf ähnliche Weise vorgeführt bekam.

The Fighter ist ein Film, wie ihn Martin Scorsese vielleicht gedreht haben könnte (und dieser Vergleich hat jetzt rein gar nichts mit Scorseses bekanntem Boxfilm Raging Bull zu tun), wenn er noch den Biss der Siebziger und Achtziger hätte. The Fighter ist Kino voll auf die Fresse, mitunter auch auf dem Niveau einer Jerry-Springer-Show. Wo Clint Eastwood mit seinem Boxerfilm Million Dollar Baby die White-Trash-Herkunft seiner Boxerin nur mal publikumsfreundlich angeritzt hat, suhlt sich David O. Russell quasi im Dreck und es ist eine Freude, ihm dabei zuzusehen. Eine Familienzukunft bei den Eklunds / Wards ist wie eine Mischung aus einer matriarchalischen Mafia-Audienz und einem außer Kontrolle geratenem Tumult unter Kampfhunden. Wer aus so einer Alltagssituation stammt, für den ist der Boxring selige Ruhe und reiner Eskapismus. Zugegeben, ich neige hier etwas zu Übertreibungen, aber es ist eine ganz nüchterne Betrachtung, dass The Fighter bei einem Wettbewerb aller Schwergewichte des Genres durchaus Meisterambitionen haben darf. Insbesondere, weil Russell nicht die Genre-Geschichte wiederkäut und allenfalls perfektioniert, sondern wie damals Scorsese etwas ganz neues versucht und wie damals Eastwood sein ganz eigenes Ding durchzieht - ohne Rücksicht darauf, was das Publikum vom Genre erwarten könnte.