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Die Box




8. Februar 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Submarine (Richard Ayoade, Forum)
Submarine (Richard Ayoade, Forum)
  • Dienstag, den 15. Februar 2011, um 19 Uhr 15 im CineStar 8
  • Mittwoch, den 16. Februar 2011, um 12 Uhr 30 im Arsenal 1
  • Freitag, den 18. Februar 2011, um 20 Uhr im Cubix 9
  • Samstag, den 19. Februar 2011, um 11 Uhr im CineStar 8
  • Sonntag, den 20. Februar 2011, um 11 Uhr im Haus der Kulturen der Welt 2
(der Sonntagstermin ist Teil der Cross Section von Forum und Generation 14plus und deshalb auch für Zuschauer zugängig, die noch nicht volljährig sind)

Submarine (Richard Ayoade, Forum)
Submarine (Richard Ayoade, Forum)
Submarine (Richard Ayoade, Forum)
Submarine (Richard Ayoade, Forum)

Berlinale 2011

Submarine
(Richard Ayoade, Forum)

UK / USA 2010, Buch: Richard Ayoade, Lit. Vorlage: Joe Dunthorne, Kamera: Erik Wilson, Schnitt: Chris Dickens, Nick Fenton, Musik: Andrew Hewitt, Songs: Alex Turner, Casting: Karen Lindsay-Stewart, Production Design: Gary Williamson, Art Direction: Sarah Pasquali, mit Craig Roberts (Oliver Tate), Yasmin Paige (Jordana Bevan), Sally Hawkins (Jill Tate), Noah Taylor (Lloyd Tate), Paddy Considine (Graham T. Purvis), Gemma Chan (Kim-Lin), 97 Min.

Frisch vom Sundance Festival kommt dieser Film, der mir noch besser gefällt als auf der letzten Berlinale Youth in Revolt. Die Filme verbindet einiges: Es sind sehr humorvolle Coming-of-Age-Geschichten, die ihr (womöglich minderjähriges) Publikum nicht bevormunden oder für doof verkaufen (was auch an den literarischen Vorlagen liegen könnte). Ein etwas linkischer Heranwachsender ist in beiden Fällen der Erzähler, und es ist bezeichnend, wie er die Welt seiner Eltern (und der Erwachsenen generell) schon größtenteils durchschaut, von der Welt des anderen Geschlechts aber weitgehend (noch?) überfordert ist. In beiden Filmen ist auch die nouvelle vague eine große Inspiration. Sowohl für den Protagonisten als auch für die Inszenierung. In Submarine drängen sich aber die filmischen Inspirationen ein wenig mehr in den Vordergrund ...

Schon der Vorspann erinnert an Godard (Week-End und anderes) oder Hanekes Caché. Oder aufgrund der Farbauswahl auch an Kubricks A Clockwork Orange. Der Erzähler Oliver Tate wirkt wie eine britische, etwas jüngere Version von Harold (aus Harold and Maude), und gleich zu Beginn stellt er sich auch die Welt nach seinem (natürlich effektvollem) Selbstmord vor. Oliver ist jedoch ein größtenteils ganz normaler Junge.

Oliver wirkt auch recht vernünftig. Solange eine weniger vernünftige Handlungsweise ihn nicht beim anderen Geschlecht in einem besseren Licht dastehen lassen könnte. »I disapprove of bullying. Jordana although seems to appreciate it in moderation.« Wenn es also der Angebeteten gefällt, beteiligt man sich auch mal beim Malträtieren des dicken Mädchens (peer pressure), schreibt aber danach einen aufmunternden Brief und legt einen Burger-Gutschein dabei.

Ein Detail, das den Film auch prägt, ist der Umstand, dass Oliver sich das selbsterzählte »Biopic of my Life« schon während der Erzählung selbst vorstellt und es in Kontext zum Film gestellt wird. So gibt es Schlüsselmomente, die geradezu nach einem aufwendigen Kamera-Kran verlangen - doch er ahnt schon, dass das Budget nur für einen billigeren Zoom-Out ausreichen wird.

Über die Geschichte könnte man noch viel erzählen, über Olivers Eltern (Sally Hawkins und Noah Taylor) und die bedeutsame Rolle eines Lichtschalters, über Jordana (»her mouth tasted of milk, Polo mints and Dunhill International«) oder die neuen Nachbarn, vermeintliche Ninjas (Paddy Considines Figur, eine Art heruntergekommener Paul King, der jetzt Meditationskassetten vertickt, schließt nahtlos an an den letztjährigen Berlinale-Filmauftritt von Jemaine Clement in Gentlemen Broncos), aber sowohl die Geschichte, als auch die Figuren und die teilweise großartigen Dialoge haben es nicht verdient, nur nacherzählt zu werden. Stattdessen werde ich noch ein wenig auf die filmischen Inspirationen zu sprechen kommen (und selbst, wenn man keinen der Originalfilme kennt, sind diese Momente so prägend, dass sie Eindruck machen werden).

Kubrick und insbesondere A Clockwork Orange ist für jeden, der den Film gut kennt, allgegenwärtig. Die parallele Kamerafahrt beim Spaziergang über eine Müllhalde, einige Korridore, die Lichtsetzung beim Auftritt von Graham T. Purvis, die roten und blauen Zwischenschnitte. Doch es gibt soviel mehr zu entdecken: etwa eine Familienansicht, die das bekannteste Bild aus Woddy Allens Interiors kopiert. Oder mein persönlicher Favorit: Oliver läuft wie Antoine Doinel in Les quatre-cents coups (dt.: Sie küssten und sie schlugen ihn) über den Strand, auf eine kleine Person in einem roten Mantel zu, deren Geischt dann wie in Nicolas Roegs Don’t Look Now (dt.: Wenn die Gondeln Trauer tragen) oder zuvor in Hitchcocks Psycho offenbart wird (übrigens mit weniger traumatischem Ausgang.)

Das Wissen, dass Regisseur Richard Ayoade zuvor vor allem Werbefilme und Video-Clips drehte, drängt sich in solchen Momenten auf, doch neben vielen Filmemachern, die das Kino durch solche Einflüsse ein bißchen kaputtgemacht haben, gibt es ja auch jene wie Spike Jonze, Michel Gondry oder David Fincher, und vielleicht wird man Richard Ayoade schon 2020 oder so in einem Atemzug mit diesen nennen. Es ist jedenfalls beeindruckend, was dieser junge Mann mit einem doch sehr überschaubaren Budget bereits zustande bringt.