Anzeige:
Die Box




14. Januar 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ein Sommer in New York - The Visitor (R: Tom McCarthy)
Ein Sommer in New York - The Visitor (R: Tom McCarthy)
Ein Sommer in New York - The Visitor (R: Tom McCarthy)
Bildmaterial © Pandastorm Pictures
Ein Sommer in New York - The Visitor (R: Tom McCarthy)
Ein Sommer in New York - The Visitor (R: Tom McCarthy)

Ein Sommer in New York - The Visitor (R: Tom McCarthy)
Regisseur Tom McCarthy


Ein Sommer in New
York - The Visitor
(R: Tom McCarthy)

Originaltitel: The Visitor, USA 2007, Buch: Tom McCarthy, Kamera: Oliver Bokelberg, Schnitt: Tom McArdle, Musik: Jan A.P. Kaczmarek, mit Richard Jenkins (Walter Vale), Haaz Sleiman (Tarek Khalil), Danai Gurira (Zainab), Hiam Abbass (Mouna Khalil), Marian Seldes (Barbara), Maggie Moore (Karen), Michael Cumpsty (Charles), Bill McHenry (Darin), Richard Kind (Jacob), Tzahi Moskovitz (Zev), Amir Arison (Mr. Shah), Neal Lerner (Martin Revere), 104 Min., Kinostart: 14. Januar 2010

Lange vor Burn after Reading war Richard Jenkins für seine Rolle in The Visitor für den Oscar nominiert worden. Doch aus unerfindlichen Gründen musste man fast drei Jahre warten auf den deutschen Kinostart dieser zweiten Regiearbeit des Nebendarstellers Tom / Thomas McCarthy (Syriana, The Wire, Mammoth, 2012), der als Regisseur bereits mit seinem Debüt The Station Agent verzauberte.

Jenkins spielt hier den sich als Dünnbrettbohrer durch seinen Job schummelnden College-Professor Walter, der eher unfreiwillig zu einer Konferenz nach New York fährt und dort in seiner selten benutzten Zweitwohnung ein Pärchen illegaler Einwanderer findet. Während der Mann, Tarek, viel unterwegs ist, gibt es zwischen Walter und Zainab viele unangenehme Momente, doch zum einen beschwert sich Zainab bei ihrem Mann (“I’m stuck with him while you play your drum.”) und zum anderen beginnt sich Walter für Tarek afrikanische Trommel zu interessieren (nachdem er zuvor in Connecticut mit dem Klavierspiel eher wenig Glück hatte). Zwischen den beiden Männern entwickelt sich über den Rhythmus eine Freundschaft, die Herkunft, sozialen Stand, Bildung und Hautfarbe außer Acht lässt (“don’t worry, I’ll keep my pants on”), und schließlich überwindet sich der ansonsten sehr introvertierte Walter sogar, im Park mit anderen Trommlern mitzuspielen. Soweit ist die Geschichte den sich zusammenraufenden grundverschiedenen Einzelgängern in The Station Agent nicht völlig unähnlich, doch dann gibt es Ärger im vermeintlichen Paradies und Tarek landet in einer staatlichen Verwahrstation und ihm droht die Ausweisung. Seine Frau kann ihn dort nicht besuchen, ohne dem selben Schicksal anheimzufallen, und so kümmert sich Walter um moralischen und juristischen Beistand. Dann kommt auch noch Tarek Mutter (Hiam Abbass) dazu, nachdem er untypischerweise fünf Tage nicht bei ihr angerufen hat, und Walter kümmert sich auch um diese ...

Diese ansatzweise Inhaltsangabe kann und will nicht all die kleinen Momente wiedergeben. Wie die Geschichte mit subtilen Details erzählt wird, wie sich die Dynamik des Plots mehrfach komplett verändert, wie man jenseits der üblichen Klischees die Figuren langsam kennenlernt, die Schüchternheit und anderes überwinden müssen und dies nicht immer in einer vorgeschriebenen Anzahl von Drehbuchseiten (tut mir leid, aber wenn man viele Filme schaut, bekommt man schnell diesen Eindruck) meistern.

In Hollywood hätte man aus den Themen dieses Films ohne Probleme drei perfekt funktionierende Dramen machen können, doch The Visitor überzeugt gerade durch das Fehlen einer offensichtlichen Geradlinigkeit. Statt mit den üblichen Gemeinplätzen etwa Rassismus anzuprangern, gibt es hier die (bereits erwähnten) Momente, wenn etwa Zainab auf einem Handwerkermarkt ihre Waren feilbietet, und eine Frau sie fragt, wo sie herkommt (Senegal), um freudig damit aufzutrumpfen, dass sie mal in Kapstadt war. Dass Zainab Walter dann erklärt, dass dazwischen ca. 8000 Meilen Luftlinie ist, mag manchem wieder wie eine Hollywood-Konvention vorkommen, aber ich persönlich gebe auch gerne zu, dass ich nicht exakt über den afrikanischen Kontinent Bescheid weiß und womöglich beim Treffen auf einer Party auch die Kanadierin und den aus Florida stammenden aufeinander hinweisen würde. Gerade, wenn man seine eigenen Fehler und Limitationen erkennt, kann man daraus lernen. Und welcher amerikanische Film gibt sich schon Mühe, seine Zuschauer darauf hinzuweisen - oder, passender, sie damit zu belästigen? Deshalb: lang lebe Tom McCarthy! Und nehmt Roland Emmerich und Michael Bay die Regiezulassung weg, wenn nicht bald mal echte Menschen in ihren Filmen auftauchen. Aber leider scheinen die Kinozuschauer lieber CGI-Säbelzahntiger und zu Leben erwachte Kinderspielzeuge sehen als ihre Nachbarn aus Fleisch und Blut.