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Die Box




2. Januar 2010
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Soul Kitchen (R: Fatih Akin)
Soul Kitchen (R: Fatih Akin)
Soul Kitchen (R: Fatih Akin)
Fotos © corazon international
/ Gordon Timpen
Soul Kitchen (R: Fatih Akin)
Soul Kitchen (R: Fatih Akin)
Soul Kitchen (R: Fatih Akin)


Soul Kitchen
(R: Fatih Akin)

Deutschland 2009, Buch: Fatih Akin, Adam Bousdoukos, Kamera: Rainer Klausmann, Schnitt: Andrew Bird, Casting: Monique Akin, Flyer-Animation: Dirk Frischmuth, mit Adam Bousdoukos (Zinos Kazantsakis), Moritz Bleibtreu (Illias Kazantsakis), Birol Ünel (Koch Shayn Weiss), Anna Bederke (Kellnerin Lucia Faust), Pheline Roggan (Nadine Krüger), Lukas Gregorowicz (Kellner Lutz), Dorka Gryllus (Physiotherapeutin Anna Mondstein), Wotan Wilke Möhring (Thomas Neumann), Demir Gökgöl (Bootsbauer Sokrates), Monica Bleibtreu (Nadines Großmutter), Marc Hosemann (Ziege), Cem Akin (Milli), Catrin Striebeck (Frau Schuster vom Finanzamt), Jan Fedder (Herr Meyer vom Gesundheitsamt), Hendrik von Bültzingslöwen (Assistent von Frau Schuster), Peter Lohmeyer (Restaurantbesitzer), Lars Rudolph (Auktionator), Ugur Yücel (Knochenbrecher-Kemal), Bülent Celebi (Ali Davidson), Udo Kier (Investor Jung), 99 Min., Kinostart: 25. Dezember 2009

Seit Gegen die Wand und Auf der anderen Seite zählt Fatih Akin klar zu den deutschen Regiestars, doch nach seinen ernsthaften Festivalerfolgen wollte er zur Abwechslung auch mal wieder eine Komödie drehen, einen schmutzigen kleinen Hamburger Heimatfilm über jene Phase seines Lebens, die der 36-jährige so langsam hinter sich lässt.

"Ich kann nicht mehr Party machen ohne Ende und fünf Mal die Woche um die Häuser ziehen. Irgendwann kriegt man Kopfschmerzen, findet die Musik zu laut, verträgt den Rauch nicht mehr. Man wird älter. Das ist auch in Ordnung, dieses Lebensgefühl verschwindet eben irgendwann. Aber es ist wert, einen Film darüber zu machen."

Und bevor er zu alt wird, um das machen zu können, schrieb er gemeinsam mit seinem alten Kumpel Adam Bousdoukos (aus Akins Regiedebüt Kurz und schmerzlos) diesem und seinen anderen beiden Lieblingsdarstellern Moritz Bleibtreu (Im Juli, Solino) und Birol Ünel (Gegen die Wand) einige Rollen auf den Leib, verarbeitete Autobiographisches aus beider Leben (Bousdoukos war bis vor kurzem selbst Gastronom, Akin hat Erfahrungen mit einem Bandscheibenvorfall), und es hätte so schön werden können.

Doch ob der Autor dieser Zeilen mit 42 selbst schon zu alt ist, um dieses Lebensgefühl nachzuempfinden, zumindest funktioniert das alles beim Lesen des Pressematerials hervorragend - nur auf der Leinwand nicht. Die Besetzung sei ein "Best of"-Album, das titelgebende Restaurant sollte wie eine gewisse Tavrne in Ottensen ein "Abenteuerspielplatz" sein, und der Soundtrack eine Mischung aus Soul, Funk und Rembetiko. Doch wenn man nicht zur sehr eingeschränkten Hamburger Klientel gehört, die sich schon daran erfreuen kann, jene Drehorte wiederzuerkennen, die bei Kinostart größtenteils bereits der Vergangenheit angehören (z. B. die Astrastube an der Sternbrücke oder der Club im alten Karstadt-Gebäude in Altona), dann erscheint der Film trotz vieler gelungener Ansätze eben so grell, wie er nicht sein sollte.

"Wir wollten die Leute nicht zum Lachen zwingen. Übertriebene Farben, schrille Vertonung - [all dies] wollten wir eliminieren."

Sprach's und schickt Moritz Bleibtreu mit der Thekenkraft Anna Bederke als Lucia auf eine Kneipentour, bei der die beiden Schnäppse in 13 Farben wegballern.

Schon zu Beginn des Films gibt es eine Szene, in der ein Geschirrspüler eine komplette Tellerladung verschrotet, und als Ersatz wird unzusammenpassendes Geschirr eingedeckt, das weder besonders witzig ist noch von der geringsten Einschätzung der gastronomischen Lage oder einem Mindestmaß an Realität deucht.

Das Lebensgefühl der wilden Jugend findet sich wieder in einer durch Aphrodisiak-Beimischung initiierten Spontan-Orgie, die eher an die Realpassagen des ersten Werner-Films erinnern als an die durchaus charmanten Komödien, die Akin bisher inszenierte (Im Juli) oder mitschrieb (Kebab Connection). Auch wirkt der Plot um das Restaurant irgendwie inspiriert durch aktuell erfolgreiche Reality-Dokus, nacheinander kommen der Mann vom Gesundheitsamt (Jan Fedder), die Frau vom Finanzamt (Catrin Striebeck) und ein Immobilienspekulant mit Verbindungen zum Rotlichtmilieu (Wotan Wilke Möhring diesmal blondiert), um unseren Helden Probleme zu liefern, die gemeistert werden müssen. Doch der Spagat zwischen Tragik und Humor gelingt ebenso wenig wie die Veränderung der Speisekarte. Zwischen Fischfrikadellen und Feinschmeckerküche eine golden Mitte zu finden, ist eben nicht einfach. Oder zwischen Curtis Mayfield und Hans Albers.

Alles ist hier eine Spur zu übertrieben, um dem "Heimatgefühl" wirklich eine Chance zu geben. Verglichen mit platten Sprüchen wie "Er hat das Finanzamt gefickt und das Finanzamt hat ihn gefickt" wirkt selbst der James-Bond-mäßige Stunt aus Im Juli wie ein Musterbild an Understatement, und auch, wenn ich noch gerne viele Komödien von Fatih Akin sehen will, war Soul Kitchen eine nahezu totale Enttäuschung. Einzig die weiblichen Nachwuchsstars hätten Potential gehabt, doch sie müssen hinter der üblichen Rocky Horror Bleibtreu Show zurücktreten (wohlgemerkt, Moritz B. ist gemeint, seine Mutter Monica ist in einer ihrer letzten kleinen Rollen wie immer ein Genuß). Schade drum!