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Die Box




13. Mai 2009
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Ricky - Wunder geschehen (R: François Ozon)
Ricky - Wunder geschehen (R: François Ozon)
Ricky - Wunder geschehen (R: François Ozon)
Fotos © 2009 Concorde Filmverleih GmbH
Ricky - Wunder geschehen (R: François Ozon)
Ricky - Wunder geschehen (R: François Ozon)
Ricky - Wunder geschehen (R: François Ozon)


Ricky
Wunder geschehen
(R: François Ozon)

Originaltitel: Ricky, Frankreich / Italien 2009, Buch: François Ozon, Lit. Vorlage: Rose Tremain, Kamera: Jeanne Lapoirie, Schnitt: Muriel Breton, Musik: Philippe Rombi, mit Alexandra Lamy (Katie), Sergi López (Paco), Mélusine Mayance (Lisa), Arthur Peyret (Ricky), André Wilms (Le médecin hôpital), Jean-Claude Bolle-Reddat (Le journaliste), Maryline Even (Odile), Véronique Joly (L’assistante sociale), Martine Vandeville (L'infirmière hôpital), 90 Min., Kinostart: 14. Mai 2009

Nach 8 femmes hält die Berlinale François Ozon weiterhin die Treue (und der Franzose ihr), daran kann auch die eher kühle Rezeption von Angel nichts ändern. Ozons neuer Film hätte auch “Angel” heißen können, denn - und hier verrate ich sicher kein Geheimnis - es geht um einen jungen, dem Flügel wachsen, die zwar nicht unschuldig weiß sind, aber umso flugtauglicher.

Der Film beginnt wie ein Sozialdrama von den Brüdern Dardenne oder Ken Loach, die Mutter will Ricky am liebsten in ein Heim geben. Dann geht die Handlung um “einige Monate” zurück und man sieht die alleinerziehende Mutter Katie (Alexandra Lamy) bei ihrem ätzenden Fabrikjob, wo aus einer geteilten Zigarette mit dem neuen Kollegen Paco (Sergi López) fast ohne Übergang schneller Toilettensex wird. Im weiteren Verlauf nistet sich Paco bei Katie und ihrer Tochter Lisa (Mélusine Mayance) ein, zeigt sich nicht immer von seiner besten Seite, und der Film entwickelt sich in Richtung Misshandlungsdrama, denn der neugeborene Ricky hat seltsame blutige Stellen am Rücken, und der mitunter fremdgehende und dem Alkohol zusprechende Paco ist da natürlich der Hauptverdächtige, nachdem er als Babysitter schon fehlendes Einfühlungsvermögen bewiesen hatte.

Nach einigen Special-Effects-Einlagen, die am ehesten an David Cronenberg erinnern, entwickelt sich der Film erneut in eine ganz andere Richtung, und das Wunderkind Ricky wird zum Medienereignis, zu einem veritablen Wunder, das in Spielberg-Manier ganz zum Schauwert wird. Mit füheren Filmen von Ozon, in denen er sich in angedeuteten Doppeldeutigkeiten erging, hat dies nur sehr wenig zu tun, das fliegende Baby Ricky ist kein Symbol, keine Metapher, kein poetischer Neorealismus, sondern vor allem eben ein fliegendes Baby, und um Ricky herum erzählt der Film von den (völlig abstrusen, aber realistisch verhandelten) Problemen der Familie. Um die Eifersucht der Tochter, die teilweise die Mutterrolle übernehmen muss, um die Hassliebe zwischen den Erwachsenen, die unterschiedlichen Erwartungen aneinander und an Ricky. Natürlich verändert ein Baby alles, aber Ricky verändert halt noch mehr.

Doch nach diversen gelungenen und manchmal auch nicht so gelungenen Ansätzen, die vor allem aber immer erfrischend wirken, scheint Ozon sein Film ein wenig zu entgleiten (was natürlich auch Methode, weil Entsprechung zur Filmhandlung sein könnte), und als Zuschauer fällt es einem durchaus leichter, diesen Film als misslungenes Experiment hinfortzuwischen als ihn wirklich zu lieben.

Mich persönlich erinnert Ozon momentan ein wenig an Lukas Moodysson, dessen Mammoth im Wettbewerb der Berlinale auch wenig Lob erntete, bei dem man aber immerhin noch froh darüber ist, dass er nach dem Abrutschen in den Experimentalfilm (Wenn Container weltweit 5000 Kinozuschauer erreicht haben sollte, würde es mich wundern) zumindest wieder Licht am Horizont sieht. Bei Ozon hat man hingegen das Gefühl, dass die Sonne ganz allmählich hinter dem Horizont verschwindet. Und dieses Bild hat er selbst ganz bewusst gewählt. Um vielleicht irgendwann wieder wie ein Phoenix aus der Asche aufzuerstehen. Denn das Niveau eines Ozon zu halten, ist ebenso schwer wie das von Moodysson nach Tilsammans und Lilja 4-ever. Und wenn man dann einfach freiwillig ein wenig aus dem Licht der Medienscheinwerfer abtaucht, sich einige kleine persönliche Experimente gönnt und dann irgendwann wieder all jene überrascht, die einen längst abgeschrieben hatten, so ist das das Wunder, auf das ich bei diesen ehemaligen Speerspitzen des europäischen Kinos warte ...