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Die Box




Februar 2006
Thomas Vorwerk
für satt.org

Lucy
D 2006

Lucy (R: Henner Winckler)

Buch
und Regie:
Henner Winckler, Stefan Kriekhaus

Kamera:
Christine A. Maier

Schnitt:
Bettina Böhler

Darsteller:
Kim Schnitzer (Maggy), Gordon Schmidt (Gordon), Feo Aladag (Eva), Ninjo Borth (Mike), Ganeshi Becks (Nadine), Sophie Kempe

92 Min.
Berlinale 2006

Lucy
Forum

Vorführungstermine:
Dienstag, 14. Februar, 19 Uhr im Delphi
Mittwoch, 15. Februar, 17 Uhr 30 im Arsenal 1
Donnerstag, 16. Februar, 10 Uhr im CinemaxX 3
Freitag, 17. Februar, 18 Uhr im Colosseum 1
Sonntag, 19. Februar, 16 Uhr 30 im CineStar 8

Mit ähnlich verblüffendem Erfolg wie Valeska Grisebach (Mein Stern, dieses Jahr mit Sehnsucht im Berlinale-Wettbewerb) hat auch Henner Winckler in seinem Spielfilmdebüt Klassenfahrt größtenteils junge Laiendarsteller mit einem fast dokumentarischem Flair agieren lassen. Zumindest erscheint es einem als Zuschauer so, vielleicht steckt aber auch ebensoviel minutiöse Arbeit darin, es so „locker“ darszustellen, wie beispielsweise bei den Brüdern Dardenne, an die Wincklers neuer Film Lucy zumindest schon deshalb erinnert, weil auch hier (wie in L’enfant) der Säugling (namens Lucy) keineswegs die Hauptrolle spielt, sondern ein unreifer Elternteil (in diesem Fall die junge Mutter Maggy) die eigentliche Hauptrolle spielt.


Filmszene

Filmszene

Filmszene

Filmszene
Regisseur Henner Winckler

Der Film beginnt emblematisch und elliptisch im Park. „Hier, deine Sachen.“ Bevor man irgendwas über diese Figuren weiß, ist es zumindest augenfällig, daß hier ein Abschied vollzogen wird. Und auch, wenn man erst sehr viel später im Film die Gewißheit bekommt, daß der Junge (Mike) der Vater des Kindes des Mädchens (Maggy) ist, nimmt Maggys Kommentar zu Mikes Neuerwerb (“Wenn man so verpeilt ist wie Du, sollte man sich keinen Hund anschaffen“) schon einiges vorweg.

Maggy steht die Liebe zu ihrem Kind ins Gesicht geschrieben, es ist aber ebenso augenfällig, daß sie wegen ihrer noch winzigen Tochter nicht auf sämtliche Annehmlichkeiten des Teenagerlebens verzichten will. Sie will auch mit ihren Schulfreundinnen ins „Matrix“, mal was trinken oder Jungs kennenlernen. Die Verantwortung, die Maggy (im Kern ungewollt) übernehmen muß, trennt sie von ihren Altersgenossen, wie sich beispielsweise bei einem Gespräch mit einer befreundeten Friseur-Auszubildenden zeigt:

“Nächste Woche darf ich endlich schneiden …“
“Hast ja schon voll die Verantwortung!“
“Verarscht Du mich?“
“Neinnnn.“

Doch auch mit Maggys Verantwortung ist es nicht immer weit her. Da wird schon mal einem Schulkameraden etwas von einem abendlichen Vorstellungsgespräch vorgelogen, um auf die Schnelle einen (völlig unerfahrenen) Babysitter zu bekommen. Und nicht nur Maggys Mutter Eva ist klar, daß dies kein Dauerzustand werden kann. Da trifft Maggy im Matrix Gordon, der dort als Tresenkraft arbeitet und über ein ausgegebenes Bier ihre Aufmerksamkeit erheischt. Gordon ist ein paar Jahre älter als Maggy, verkauft neben dem Gastronomiejob auch noch Computerteile übers Internet, und auch, wenn Maggy Gordon die Existenz von Lucy so lange wie möglich verschweigt, scheint Gordon im Gegensatz zum leiblichen Vater Mike bereit zu sein, Verantwortung auf sich zu nehmen. Während seine Freunde ihn darauf hinweisen, daß Lucy doch gar nicht „sein“ Kind sei, steht er zu seiner Freundin und ihrem Kind, mit denen er schon bald zusammenzieht. Mit der eigenen Waschmaschine scheint das junge Familienglück schon bald perfekt, und nach einem Streit mit ihrer Mutter ist Maggy überglücklich, endlich ihr „Erwachsenenleben“ mit Gordon beginnen zu können. „Life is full of possibilities“ steht es auf einem Poster mit unzähligen Biersorten in Gordons Wohnung, und dem Zuschauer ist schnell klar, daß die junge Liebe trotz positiver Vorzeichen nicht zu einem vorgezogenen Happy End führen wird.

Wie Henner Wincklers Buch und Inszenierung über kleine Details das junge Glück auf eine Probe stellt, und wie Maggy schließlich ihren ganz eigenen Weg geht, das macht den Reiz dieses Films aus, der schon deshalb noch reifer als Klassenfahrt wirkt, weil das etwas aufgesetzte Ende mit einer gewaltvollen Konfliktlösung, wie man es in vielen Abschluß- und Debütfilmen findet, diesmal ausfällt. Die Laiendarsteller aus den frühen Filmen der Dardennes tauchen in späteren Filmen der Brüder wieder auf oder machen wie Olivier Gourmet, Emilie Dequenne oder Jérémie Rénier sogar Karriere. In Lucy hat Sophie Kempe, die Hauptdarstellerin von Klassenfahrt, eine kleine Rolle, doch eigentlich will man die Darsteller aus den Filmen Henner Wincklers gar nicht in anderen deutschen Filmen wiedersehen (etwa in Mädchen Mädchen 3 - schudder!), sondern sie so in Erinnerung behalten, wie man sie kennengelernt hat: weniger als Darsteller denn als Menschen, die fast sich selbst spielen - und einen damit dennoch fesseln.